George Saiko (1892-1962), Literat und Kunsthistoriker, war als Bergungsleiter für die Rettung von Albertina-Schätzen zuständig.  - © Magdalena Saiko/ÖNB Bildarchiv/picturedesk.com
George Saiko (1892-1962), Literat und Kunsthistoriker, war als Bergungsleiter für die Rettung von Albertina-Schätzen zuständig.  - © Magdalena Saiko/ÖNB Bildarchiv/picturedesk.com

Geboren 1892 in Nordböhmen, studierte George Saiko in Wien (u.a. Kunstgeschichte, Anm.) - erste literarische Veröffentlichungen erfolgen. Eine Komödie, "Hof- und Personal-Nachrichten", sollte im Herbst 1938 im Theater in der Josefstadt zur Uraufführung kommen. Das Naziregime verhinderte dies allerdings. Darüber informiert ein Aufsatz von Daniel Philippen im Programm- und Textbuch des Theaters in der Josefstadt zur tatsächlichen Erstaufführung am 8. September 1988 - quasi zum 50-Jahr-Jubiläum.

Großes Echo war dem Bühnenwerk nicht beschieden. Nur vier Jahre später, in einem offiziellen Text der Österreichischen Staatsdruckerei zur Sonderpostmarke "100. Geburtstag von George Saiko" vom Jänner 1992 wird sogar behauptet, dieses Stück sei bis heute ungespielt geblieben!

Zu dieser Zeit waren seine Texte "Auf dem Floß" (1948) und "Der Mann im Schilf" (1955) längst als kritische Zeitromane anerkannt. Von 1985 bis 1992 ist bereits die von Adolf Haslinger herausgegebene fünfbändige Gesamtausgabe erschienen. 1995 veröffentlicht Renate S. Posthofen eine mit wissenschaftlicher Akribie gestaltete erste ausführliche Darstellung von Leben und Werk des Dichters: "Treibgut - Das vergessene Werk George Saikos". Die "Literaturgeschichte Österreichs" (2014) von Herbert Zemann (Hg.) widmet Saiko nur wenige Zeilen. Eine Würdigung seiner hervorragenden Stellung als Literat der österreichischen Nachkriegszeit erfährt er bei Evelyne Polt-Heinzl ("Die grauen Jahre. Österreichische Literatur nach 1945. Mythen, Legenden, Lügen", 2018), die ihn allerdings irrtümlich zu den Exil-Autoren zählt. Umfangreich befasste sich 2003 eine Veröffentlichung des Sonderzahl-Verlags ("George Saiko. Texte und Materialien", herausgegeben von Michael Hansel und Klaus Kastberger) mit dem Schriftsteller. Nicht zu vergessen ist eine Ausstellung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek zum 100. Geburtstag des Dichters mit einem informativen Ausstellungskatalog von Herwig Würtz.

Bomben auf Kunst

Zerstörte Albertina im Jahr 1945.  - © Bild: Album aus dem Liliput-Verlag/Archiv
Zerstörte Albertina im Jahr 1945.  - © Bild: Album aus dem Liliput-Verlag/Archiv

Der Literaturwissenschafter und Jurist Janko Ferk hat 2015 über neun Dichter und ihre Zivilberufe "Bauer Bernhard. Beamter Kafka" geschrieben. Dr. George Saiko hätte gut dazugepasst. Als Regimegegner erhielt er Schreibverbot und wurde 1939 als Kunsthistoriker in die Albertina dienstverpflichtet. Dort kümmerte er sich in den letzten Kriegsjahren hauptsächlich um die Bergung und Verlagerung der Kunstwerke, um sie als verantwortlicher Bergungsleiter vor Bombenangriffen zu schützen. Damals knüpfte er auch Kontakte zur österreichischen Widerstandsbewegung 05. Nach Kriegsende ist er für kurze Zeit gemeinsam mit Heinrich Leporini mit der provisorischen Leitung der Albertina betraut.

Zurück ins Jahr 1938: Damals wurden Dr. Otto Benesch, der seit 1934 zur wissenschaftlichen Belegschaft der Albertina gehört hatte, ebenso wie seine jüdische Ehefrau Eva entlassen. Beide konnten flüchten, lebten als Emigranten ab 1940 in den USA und kamen 1947 nach Wien zurück. Schon im Mai dieses Jahres wurde Benesch Leiter der Albertina, ab Dezember Direktor. Das war wohl enttäuschend für Saiko. So klagt er am 4. August 1948 in einem Brief an seinen Freund Hermann Broch: ". . . denn hier wird es immer aussichtsloser".

Im Juli 1950 wurde Saiko, den man anscheinend loswerden wollte, schließlich gekündigt. Da ein Kündigungsgrund angeführt werden musste, wurde eine Änderung der Dienstorganisation angegeben, was einen Rechtsanspruch auf Abfertigung bedeutete. Die Kündigungsfrist endete am 30. November 1950. George Saiko war damit wohl einverstanden, um sich ganz seiner literarischen Arbeit widmen zu können. Jedenfalls hat er nichts dagegen unternommen.

Hat er "Lump" gesagt?

Kurz vor Ende des Dienstverhältnisses, am 18. September 1950, kommt es zu einem folgenschweren Ereignis. Saiko ruft Direktor Benesch - in Gegenwart von Generaldirektor (der Kunstsammlungen des Bundes in Wien, zu der auch die Albertina gehörte, Anm.) Dr. Wisoko-Meytsky und anderen Ministerialbeamten - zu: "Sie sind ein Lump!". Große Aufregung. Saiko meldet sich krank, Dr. Benesch berichtet am 29. September dem Ministerium und beantragt die Entlassung. Nach einer Rückfrage und Erhebungen erfolgt die Zustellung des Entlassungsschreibens am 15. November 1950. Dagegen klagt Saiko beim Arbeitsgericht Wien, verlangt die aufgrund der vorangegangenen Kündigung gebührende Abfertigung (auf die bei Entlassung kein Anspruch besteht, Anm.). Er bekämpft die Entlassung jedoch nicht prinzipiell, sondern nur wegen verspätetem Ausspruch.

Das Arbeitsgericht fällt am 30. März 1951, Geschäftszahl 5 Cr 801/51, ein salomonisches Urteil: Ein Entlassungsgrund wäre zwar vorgelegen, jedoch sei die Entlassung infolge der zwischen dem Vorfall und ihrem Ausspruch verstrichenen Zeit von nahezu zwei Monaten verspätet (im Sinne der herrschenden Rechtsprechung) erfolgt und daher rechtsunwirksam. Durch quasi eine Konversion wurde die ursprüngliche Kündigung wieder wirksam und die Abfertigung zugesprochen. Dem Ministerium war diese Art der Erledigung wohl recht und der Autor mit der Abfertigung zufrieden. Das Urteil wurde nicht angefochten und erwuchs in Rechtskraft. Über den exakten Verlauf der Beendigung des Dienstverhältnisses ist auch bei Renate S. Posthofen wenig zu erfahren. Die Injurie "Lump" wird jedoch erstmals erwähnt - allerdings nur laut Hörensagen.

Auch das "profil" befasste sich im Jänner 1971 im anonymen Artikel "Schriftsteller: Saikos subtile Rache" ausführlich mit dem Schicksal des Autors, meinte allerdings: "Über einer Serie von Prozessen um Ehre und Bezüge brach Saiko das Herz". Davon kann wohl keine Rede sein! Letztlich wurde Saiko zwar, wie häufig geschrieben wird, fristlos entlassen, tatsächlich ausgeschieden ist er jedoch aufgrund der ursprünglichen Kündigung.

Bewunderer Bernhard

Im Jahr 1980 schrieb Thomas Bernhard einen Prosatext, der in "Meine Preise" (2009) erstmals publiziert worden ist. Er erzählt von Franz Theodor Csokor, einem Freund seines Großvaters. In Salzburg seien sie mit George Saiko auf der Terrasse des Festungsrestaurants gesessen. "Dieser Herr", sagte Csokor, "war einmal Direktor der Albertina in Wien". Diese Mitteilung habe ihn, Bernhard, ungeheuer beeindruckt. Die behauptete Funktion mag Saiko vielleicht eine gewisse Genugtuung bereitet haben. Schön wär’s gewesen - dagegen protestiert hat er jedenfalls nicht.

Hon.-Prof. Dr. Hanns Waas, geb. 1928, ist Jurist und publizierte zahlreiche Artikel zu seinem Spezialgebiet, dem Öffentlichen Dienstrecht.