"Schwarze sind Waren und Eigentum . . . Der Fall ist der gleiche, wie wenn Holz über Bord geworfen worden wäre". Mit diesen Worten, die Dr. Manfred Kremser, Wien 18, zitiert, rechtfertigte der britische Generalstaatsanwalt, warum jene Leute, die 1781 auf hoher See mehr als 130 Menschen töteten, keine Mörder waren. Den Greueltaten auf dem Sklavenschiff "Zong" widmeten sich Spezialfragen in der Rubrik KARTEN GELESEN im März (Nro. 405).

Die Schwächsten zuerst

Was viele der Verschleppten schon vor dem Horror der Überfahrt von Afrika in die Neue Welt durchmachen mussten, erfuhr Manfred Bermann, Wien 13, als er und seine Frau vor zehn Jahren auf einer Reise nach Ghana unter anderem das Fort Cape Coast, etwa 150km von der Hauptstadt Accra entfernt, besuchten. Diese Tour "hatte es in sich", war die Festung doch einst wichtiger Umschlagplatz für den Sklavenhandel. "Wir besichtigten die ca. 20m langen und 10m breiten dunklen Kellerverliese" mit der "door of no return". Damals führte dieses "ansonsten fest verschlossene Tor . . . direkt in das Meer, wo schon die Beiboote" lagen, um die verängstigten Gefangenen "auf die Sklavenschiffe" zu bringen, die "in größerer Distanz zur Küste" ankerten.

Auch die "Zong" wartete 1781 vor Westafrika auf "Fracht". Anton Teufl, Pielach: Sie "war ursprünglich ein niederländisches Schiff", welches unter dem Namen "Zorg(ue)" (Sorge, Pflege) im "Sklavenhandel eingesetzt worden war". 1781 wurde es "gekapert und . .. an ein Konsortium britischer Kaufleute verkauft". Die dann erfolgte Namensänderung beruht vielleicht auf einem Schreibfehler. Es verließ Accra "mit 17 Mann Besatzung und 442 Sklaven Richtung Jamaika" (britische Kolonie bis 1962, Anm.) - "heillos überfüllt", mit viel zu kleiner Mannschaft. Zudem war Kapitän Luke Collingwood unerfahren.

Unter Deck eines Sklavenschiffes herrschten unvorstellbare Zustände.  - © Bild: gemeinfrei
Unter Deck eines Sklavenschiffes herrschten unvorstellbare Zustände.  - © Bild: gemeinfrei

Auf der Überfahrt gab man 132 "zum Verkauf bestimmte Menschen" dem sicheren Tod durch Ertrinken preis, so Dr. Harald Jilke, Wien 2. Nachträglich wurde behauptet, dass Trinkwasserknappheit "infolge eines Navigationsfehlers" der Grund gewesen sei. Nur durch diesen "Notwurf" hätte man die übrige "Ladung" retten können. Auch Angst vor einem Aufstand wurde als Rechtfertigung genannt.

Zuerst stieß man 54 Frauen und Kinder ins Meer, so Brigitte Schlesinger, Wien 12. Laut einem Zeugen waren ihre Schreie zu hören, als sie "einzeln durch die Kabinenfenster" geworfen wurden. In den folgenden zwei Wochen erlitten "weitere 78 Afrikaner" ein ähnliches Schicksal, indem sie, zum Teil in Ketten, ins Meer geschmissen wurden. Zehn stürzten sich aus Verzweiflung selbst in den Tod. Zig Menschen, auch einige Matrosen, waren zuvor schon an Seuchen gestorben.

Töten völlig legal

Olaudah Equiano alias Gustavus Vassa (1745-1791). - © Bild: gemeinfrei; Schmuckfarbe: Philipp Aufner
Olaudah Equiano alias Gustavus Vassa (1745-1791). - © Bild: gemeinfrei; Schmuckfarbe: Philipp Aufner

"Allgemeine Geschäftspraxis im transatlantischen Sklavenhandel war der Abschluss einer Versicherung", notiert Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10. Die Crux: Eine solche "galt nur für den Verlust der (lebenden) "Fracht", nicht für den Fall eines "natürlichen" Todes an Bord!" Wären die Sklaven an Krankheiten zugrunde gegangen, hätten die Schiffseigner kein Geld gesehen. So aber konnten sie die Auszahlung fordern. "Als sich die Versicherungsgesellschaft weigerte", kam es zum Prozess. Die Erstinstanz urteilte 1783, "dass unter bestimmten Umständen" die Versicherung fällig würde. Man argumentierte, dass es legitim wäre, einen Teil der Sklaven umzubringen, um die restlichen zu retten. "Das Berufungsgericht erkannte . . . jedoch gegen die Schiffseigner, und zwar wegen Fehlverhaltens des Kapitäns und der Mannschaft". U.a. war ans Licht gekommen, dass es geregnet hatte und die Wasservorräte aufgefüllt hätten werden können. Dies und andere Indizien nährten den Verdacht, dass aus Habgier getötet worden war. Verhandelt wurde jedoch lediglich Versicherungsbetrug.

Granville Sharp (1735- 1813). - © Bild: gemeinfrei; Schmuckfarbe: Philipp Aufner
Granville Sharp (1735- 1813). - © Bild: gemeinfrei; Schmuckfarbe: Philipp Aufner

Jenen Sklavereigegner, der einen Mordfall aus der Causa machen wollte, nennen Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram: Granville Sharp, ein Angestellter im öffentlichen Dienst. Er war in den 1760ern zufällig auf das Thema gestoßen. Bei seinem Bruder William, einem Londoner Arzt, der Arme kostenlos behandelte, begegnete er einem "jungen Schwarzen, Jonathan Strong". Dieser war von seinem "Master", dem Anwalt David Lisle, "mit dem Kolben von dessen Pistole geschlagen und fast tot . . . auf die Straße geworfen worden". Die Brüder päppelten ihn wieder auf. Als Lisle Jahre später sah, dass sich Strong wider Erwarten erholt hatte und somit doch noch "Gewinn bringen konnte", verkaufte er ihn nach Jamaika und ließ ihn bis zur Abreise einsperren. "Sharp brachte diesen Fall vor den Oberbürgermeister von London" und erwirkte Strongs Freilassung. Der "durch die Prügel dauerhaft" Geschädigte starb schon "1770 im Alter von 25 Jahren".

Einen Erfolg errang Sharp 1772 mit dem Fall Som(m)erset(t). Herbert Beer, Wolfpassing: James Somerset war mit seinem "Besitzer" von Virginia nach England gereist und dann geflohen. Sein "Herr" ließ ihn fangen, um ihn nach Jamaika zu schaffen. Vor Gericht wurde auf Somersets Freilassung entschieden, mit der Begründung, dass kein Sklave gewaltsam von England aus in eine Kolonie verfrachtet werden durfte. Dies war ein erster Schritt zur Abschaffung der Sklaverei; diese wurde in England dadurch noch nicht verboten, auch wenn man das Urteil oft so auslegte.

Schwarze Ziehtochter

Jenen obersten Richter, der in Sachen Somerset sowie "Zong" entschied, nennt Volkmar Mitterhuber, Baden: William Murray, Earl of Mansfield, eine ambivalente Figur. Seine Ziehtochter "Dido Elizabeth Belle-Lindsay (ca. 1761-1804)" war Sprössling seines Neffen und einer schwarzen Sklavin. Mansfield sicherte ihr "sowohl Geld als auch ihre Freiheit" testamentarisch zu. Als Wirtschaftsjurist sah er die Sklaverei insgesamt aber als bedeutenden ökonomischen Faktor. "In der Causa "Zong"" versäumte er es, "einen Präzedenzfall zu schaffen".

Sharp war durch den "ehemaligen Sklaven Olaudah Equiano" auf den Skandal aufmerksam gemacht geworden, notiert Michael Chalupnik, Sieghartskirchen. Es gelang Sharp zwar nicht, "das Betrugsverfahren in eine Mordanklage umzuwandeln", aber den Abolitionisten gab die Causa Auftrieb. Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Mit Thomas Clarkson gründete Sharp "1787 die Gesellschaft zur Abschaffung der Sklaverei". Die Abolitionisten errangen 1807 einen Sieg: Das Königreich "verbot den Sklavenhandel." Gerhard Toifl, Wien 17, weiter: Sklaverei selbst wurde in Großbritannien und seinen Kolonien "1833 vollständig abgeschafft", in den USA 1865.

Dass Sklaverei jedoch keineswegs der Vergangenheit angehört, betont DI Theodor Gams, Gießhübl, dessen gemeinnützige Stiftung "CHARIS" Kleinbauern in Ghana unterstützt: "Heutzutage leben weltweit ca. 45 Millionen in Sklaverei".

P.S. Der Buchpreis geht an Anton Teufl - wir gratulieren herzlich!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner