Herr Ober, bringen’S noch eine Runde! Im gesteckt vollen Wirtshaus sind die Ohren der Kellner, die durch die eng besetzten Reihen tänzeln, gespitzt. Im Nu stehen frisch befüllte Krügerl auf dem Tisch und die durstigen Gäste freuen sich über die Erfrischung an heißen Sommerabenden.

Solche Szenen kannte man in Gaudenzdorf sowie Ober- und Untermeidling schon lange, bevor diese Vororte mit Hetzendorf, Wilhelmsdorf und Teilen von Altmannsdorf im Zuge der Stadterweiterung 1892 zum 12. Wiener Gemeindebezirk zusammengefasst wurden. Zahlreiche Gasthäuser lockten betuchte Städterinnen und Städter an, die der glühenden Hitze entfliehen wollten.

So auch ein gewisses Baadhaus, das in unserem Blatt am 1. August 1787 beworben wurde. Dessen renommierter Traiteur (= gehobener Gastwirt) Andreas Schunder lädt zum Tanz in dem bekannten Erlustigungsort. Man sorgte sogar für die Ruckfuhr: 10 Wägen standen der hohen Noblesse und dem verehrungswürdigen Publikum dazu alzeit, wenn Ball ist, bereit.

Bei diesem Etablissement wird es sich um das "Meidlinger Casino" handeln, das in den Räumlichkeiten des alten Theresienbads (Neubau im 20. Jh.) betrieben wurde. Das Anwesen, Ende des 17. Jh.s als Jagdschloss geplant, beherbergte ab 1765 kurzzeitig eine Wollzeugfabrik und blühte dann als Kuranstalt mit Tanzsaal, Restauration und ab 1806 hauseigenem Theater (für 600 Personen!) auf.

Sommerfrischler konnten sich dort in einer Vielzahl an Zimmern in weit gestreckten Nebengebäuden jährlich monatlich und wochentlich einquartieren, wie dem Anhang (= Beilage) zur Wiener-Zeitung weiter zu entnehmen ist.

Im 18. Jahrhundert galt ein solcher Amüsierbetrieb mit üppiger Verpflegung als extravagant, ja luxuriös. Der ausgelassene Feierdrang des aufstrebenden Bürgertums im 19. Jahrhundert bescherte den Gaststätten allmählich eine Blütezeit. Dies bot Ablenkung in Metternichs drückendem Regime.

Also genossen die Tanzwütigen das festliche Angebot - und das gesamte Gebiet zog Nutzen aus dieser Gastlichkeit. Denn die noble Gesellschaft frönte dem Konsum. Für Unterhaltung und leibliches Wohl musste freilich gesorgt werden.

Ansässige Branntweiner, Schenken und Hotels suchten Personal. Hendlkrämer verkauften Eier und Federvieh im "Hasen-Wirtshaus" am Ende der Schönbrunner Straße, wo auch ein Schweinemarkt stattfand. Eine Gaudenzdorfer Fischerei bot Tageskarten zum Angeln im Wienfluss feil. Die dort seit 1819 bestehende Brauerei verpflegte Gäste mit kleinerem Geldbörsel. Und im 1884 gegründeten Etablissement Josef Weigls - eines Hernalsers - lauschte man im Dreherpark bei Schwechater Bier u.a. einer Damenkapelle.

Die Attraktion schlechthin befand sich aber im Tivoli, geschaffen 1830 von den Berlinern Gericke und Wagner. Am Grünen Berg, nahe Schönbrunn, thronte der mondäne Bau mit einer spektakulären Rutschbahn, auf der Abenteuerlustige mit vierrädrigen Zweisitzern in die Tiefe rasten. Beinahe unentwegt spielte ein Orchester in einem Zelt in der Mitte der Kreisbahn. Machte es Pause, sprang eine andere Musikgruppe ein. Lebhaft wurde das Tanzbein geschwungen - sogar den Cancan soll man hier gesichtet haben.

Im "Gatterhölzl" erholte sich das Proletariat.  - © Bild: Ill. Wr. Extrablatt 1902; Kolorierung: Ph. Aufner
Im "Gatterhölzl" erholte sich das Proletariat.  - © Bild: Ill. Wr. Extrablatt 1902; Kolorierung: Ph. Aufner

Gleich hinterm Tivoli lag das Gatterholz, ein Wäldchen, dem lange Zeit ein schlechter Ruf anhaftete. Als "Räuberhölzl" verschrien und als Unterschlupf für Gauner gefürchtet, entwickelte es sich am Ende des 19. Jh.s zu einem beliebten Erholungsort für die zahlreichen Arbeiterfamilien aus der Gegend.

Das Gelände eignete sich zum gemütlichen Spaziergang, war aber auch für den Rasensport tauglich. Besondere Beliebtheit erlangte um 1892 das Fußballspiel. Unterhalb des Flohbergs, ursprünglich ein Schutthaufen, der beim Bau des naheliegenden Schlachthauses 1848 aufgetürmt worden war, herrschte sportlicher Ehrgeiz. Schnauzbärtige Kellner und anderes einfaches Volk ballesterten dort auf der Wiese, die provisorisch zum Fußballplatz umfunktioniert wurde. Bald kam es zu den ersten offiziellen Spielen im Wiener Raum und der Kampf um das Leder begann auch die Jugend zu faszinieren.

Wiener Fußballszene aus 1894.  - © Bild: W. Schmieger: Fussball in Ö., 1925; Schmuckfarbe: Ph. Aufner
Wiener Fußballszene aus 1894.  - © Bild: W. Schmieger: Fussball in Ö., 1925; Schmuckfarbe: Ph. Aufner

Vor Publikumsscharen traten Meidlinger Mannschaften wie der "Krügerbund", "Einheit" oder "Vorwärts" gegeneinander an.

Das "Gatterhölzl" musste ab 1904 dem Bau einer Kaserne weichen. Der Verlust machte den Hobbyathleten zu schaffen. Auf den verbleibenden Rasenflecken hielt sich aber ein Sportklub, der sich im Bezirk großer Beliebtheit erfreute und später, in den 1950ern, sogar internationalen Ruhm einheimste: "Wacker".

Kopfnuss: Unter welchem Namen war Meidling im 12. Jahrhundert bekannt? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)