Sie erinnern "an mittelalterliche Folterwerkzeuge", merkt Dr. Alfred Komaz, Wien 19, an - die "Hämmer, Zangen, Sägen etc.", die man früher zum Zerkleinern von Zucker brauchte. Denn dieser wurde lange in Form von Zuckerhüten vertrieben. Als Einstieg in die süße Thematik der kleinen Nuss Nro. 407  erklärt Dr. Komaz, wie man so einen Hut erzeugte. "Im Wiener Technischen Museum" ist eine Form "aus Steingut . . . ausgestellt. Diese wurde umgedreht", mit Zuckermasse gefüllt und darin "laufend umgerührt", bis sich die Kristalle absetzten und das (noch süße) Wasser durch "Löcher an der Spitze . . . abfließen konnte". Den "steinhart gewordenen trockenen Zucker" stürzte man dann heraus.

Auf der Teetafel durfte die Zuckerdose nicht fehlen. Rechts oben: Sklavenarbeit in Rohrzuckerproduktion sowie Zuckerhüte.  - © Bilder (gemeinfrei): Druck o.J./Journal des Dames... 1799. Collage u. Schmuckfarbe: Ph. Aufner
Auf der Teetafel durfte die Zuckerdose nicht fehlen. Rechts oben: Sklavenarbeit in Rohrzuckerproduktion sowie Zuckerhüte.  - © Bilder (gemeinfrei): Druck o.J./Journal des Dames... 1799. Collage u. Schmuckfarbe: Ph. Aufner

"Als Student" hat Manfred Bermann, Wien 13, "anlässlich einer Werksbesichtigung in der Zuckerfabrik Hohenau/March diese ca. 1,5m hohen kegelförmigen Gebilde . . . gesehen. Daneben lag das Zerkleinerungswerkzeug, einem Meißel (mit Hammer) nicht unähnlich - und es muss einigermaßen Geschick erfordert haben, nur jene Portion abzuschlagen, welche man auch tatsächlich brauchte".

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: "Meine aus dem Waldviertel stammende Großmutter erzählte mir in meiner Jugend, dass sie als Kind (um 1890/95) noch mit dem Gebrauch von Zuckerhüten vertraut war."

Bei der Recherche in alten Zeitungen bemerkte Brigitte Schlesinger, Wien 12, dass "gerade der Zuckerhammer" öfters zweckentfremdet wurde - als Tatwaffe. So griff im Sommer 1893 in Lomnitz bei Brünn der Gemeindeschreiber Johann Slanina, "etwa 50 Jahre alt, verheiratet und Vater von fünf Kindern" einen Dechanten an, indem er ihm "mit dem an einer Seite geschärften Zuckerhammer rückwärts einige Hiebe auf den Kopf" beibrachte.

Diebstahl erschwert

Unbeabsichtigte Verletzungen kamen beim Hantieren mit Zucker oft vor. Wie Gerhard Toifl, Wien 17, einwirft, soll in den frühen 1840ern auch der Ehefrau eines Zuckerfabrikanten in Mähren ein solches Missgeschick passiert sein. "Verärgert erzählte sie dies den bei Tisch anwesenden Herren" und regte die Entwicklung einer praktischeren Lösung an. Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, weiter: Ihr Gatte nahm sich den Vorschlag zu Herzen und arbeitete an der Herstellung von Zucker "in Würfelform".

Ehepaar Juliana und Jakob Christoph Rad, Erfinder des Würfelzuckers.  - © Foto: Archiv
Ehepaar Juliana und Jakob Christoph Rad, Erfinder des Würfelzuckers.  - © Foto: Archiv

Den Namen des Mannes, der als Erfinder des Würfelzuckers in die Geschichte einging, nennt Herbert Beer, Wolfpassing: Jakob Christoph Rad (1799-1871), "Sohn eines vorderösterreichischen Militärbeamten".

Als 40-Jähriger, so Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, heiratet Rad "die Wienerin Juliane (auch Juliana, Anm.) Schill und wird vermutlich über Verwandte seiner Frau Direktor der k.k. privilegierten Zuckerraffinerie in Datschitz (Dačice im heutigen Tschechien)." Durch sein "unternehmerisches Talent" nimmt der Betrieb großen Aufschwung.

Als "Thee-Zucker" oder "Wiener Würfelzucker" kam das handliche Produkt auf den Markt, so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram. Das Tüftlerpaar weist außerdem darauf hin, dass in der Datschitzer Fabrik auch viele Kinder arbeiten mussten.

Den Würfelzucker bewarb man mit der Tatsache, dass man nun "exakt . . . süßen" konnte, so Dr. Peter Schilling, Wien 18; außerdem konnte man so "den Zuckervorrat - ein lockender Artikel für Dienstleute - streng . . . kontrollieren", wie der "Wiener Zuschauer" am 31. Mai 1843 schrieb. Bis sich das Produkt "in der Habsburgermonarchie durchsetzte, dauerte es allerdings noch . . . Erst nach Anstößen aus Amerika und England hatte die Idee" in den 1870ern "Erfolg auf dem österreichischen Markt, dann freilich durchschlagenden."

Innovator Napoleon

"Vor Einführung der Zuckerindustrie in Österreich wurde Rohrzucker aus Indien importiert, und man beschränkte sich hierzulande auf die Raffinade", so Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7. "Unter Maria Theresia wurde 1750 die erste österreichische Zuckerfabrik im Freihafen Fiume gegründet".

Wie Napoleon in die Zuckerherstellung eingriff, notiert Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Infolge der Kontinentalsperre (1807-1813) "kam kein Rohrzucker mehr nach Europa." Daher forcierte man die Gewinnung aus Rüben. Der Berliner "Chemiker Andreas Sigismund Marggraf hatte bereits 1747 erstmals den Zuckergehalt der Runkelrübe nachgewiesen". Die "Grundlagen der industriellen Zuckerrübenproduktion" schuf "der Physiko-Chemiker Franz Carl Achard", Marggrafs Schüler.

Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, erwähnt den "pensionierten Direktor der montanistischen Hofkammer, Johann Christian Waykarth, der 1810 in Inzersdorf am Wienerberg . . . eine Rübenzuckerfabrik gründete und die Achard’sche Methode perfektionierte."

"Ferdinand I. hatte die Produktion von Rübenzucker steuerfrei gestellt", so Dr. Harald Jilke, Wien 2. Dies wurde "1849 aufgehoben, weil die Staatskasse leer war. Die Zuckerabgaben wurden neu festgelegt, der Rübenzucker bevorteilt und der Import ausländischer Zuckerrohr-Raffinade sehr hoch besteuert."

"In der zweiten Hälfte des 19. Jh.s" entwickelte sich die Monarchie zu einem der "größten Rübenzuckerproduzenten der Welt", so Volkmar Mitterhuber, Baden; 1854 entstand mit dem "Centralverein für Rübenzucker-Industrie in der Oesterr.-Ungar. Monarchie" ein Zusammenschluss der Zuckerbarone. Maßnahmen wie "Zuckersteuer, Schutzzoll und Exportprämie" schufen ein "Interessengeflecht zwischen den Unternehmern und dem Staat".

Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, notiert, dass an der Vereinsgründung Jakob Ch. Rad beteiligt war, der 1855 interimistisch, später dauerhaft Leiter wurde.

Dem "Österreich-Lexikon" entnahm Maria Thiel, Breitenfurt, einige Zahlen: Von "218 Fabriken" in der k.u.k. Monarchie lagen "6 auf dem Boden des heutigen Österreich": Dürnkrut, errichtet 1844, Hohenau (1868), Leopoldsdorf (1867), Bruck/Leitha (1909) sowie Hirm und Siegendorf im Burgenland (1852). Später folgten Enns (1929) und Tulln (1937).

Zum Abschluss dieser süßen Zeitreise blickt der fernwehgeplagte Dr. Manfred Kremser, Wien 18, noch gen "Rio de Janeiro mit dem 396m hohen Felsen Zuckerhut", in der Landessprache "Pao de Acucar", also "Brot aus Zucker". Erstmals erklomm ihn 1817 eine Frau, "die 39 Jahre alte Britin Henrietta Carstairs".

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner