In der 2013 neu eröffneten Kunstkammer im Kunsthistorischen Museum in Wien erfreut vieles die Augen jener, die durch luxuriöse und kunstsinnige Dinge vergangener Epochen in Verzückung geraten. Saal 27 ist Kaiser Rudolph II. gewidmet, jenem politisch schwachen, aber als Mäzen delikater Kunstkammerstücke herausragenden Monarchen. Der Bestand aus seiner Sammlung im Prager Hradschin ist hier um sein Brustbild in Bronze arrangiert.

Mit mechanischen Instrumenten, die von ihm und seinen Nachfolgern gesammelt wurden, konnten erstmals Sekunden sowie der Lauf der Planeten erfahrbar gemacht werden. Zwei Uhren, der Hand des genialen Jo(b)st Bürgi (1552-1632) zugeschrieben, beeindrucken durch diese vorher noch nie realisierten Anzeigen. Die Werke tragen heute die klingenden Namen "Wiener Planetenuhr" und "Wiener Kristalluhr".

Wie die Gestirne ticken

Die Besonderheit der 1605 fertiggestellten Planetenuhr ist die Vermittlung eines Weltbildes, welches zuvor bestenfalls als Hirngespinst abgetan wurde - mit der Sonne im Zentrum des damals bekannten Kosmos. Fünf Zeiger umkreisen das Zentralgestirn und geben äußerst präzise die Umläufe von Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn wieder. Der in diesem Reigen fehlenden Erde ist auf einem eigenen Zifferblatt darunter Raum gegeben. Die Bewegungen von Sonne und Mond um unseren Planeten werden hier dargestellt. Der Stundenzeiger, der angesichts dieses kosmischen Programmes trivial erscheint, ist heute nicht mehr vorhanden.

Uhrmacher Jo(b)st Bürgi (1552-1632).  - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Uhrmacher Jo(b)st Bürgi (1552-1632).  - © Bild: Archiv/gemeinfrei

Die Mechanik, die sich in dem kostbar gearbeiteten Gehäuse aus vergoldetem Kupfer, Silber und Bergkristall verbirgt, ist nicht in sich schlüssig und darf als Ergebnis mehrerer Planänderungen gelten. Von einem ursprünglich angedachten Stundenschlagwerk sind lediglich zwei Bauteile zur Ausführung gekommen und heute noch vorhanden. Danach scheint die Idee verworfen worden zu sein. Nichtsdestotrotz legte der Erbauer des Mechanismus Wert auf die Vollendung der Einzelteile. So verblüfft die Güte der manuell erzeugten Oberflächen heute noch mit ihrer Präzision.

Das Uhrwerk teilt sich in drei ineinander verschachtelte und voneinander abhängige Mechanikmodule. Sie bewirken, dass ein einziger Aufzug genügt, um die Anzeigen für mehr als eine Woche anzutreiben. Dies ist herausragend, da die meisten Uhren dieser Zeit im allerbesten Fall nach zwei Tagen zum Stillstand kommen.

Erreicht wird diese enorme Gangdauer durch einen Zwischenaufzug: Ein großer Energiespeicher gibt die Kraft in Intervallen an ein Räderwerk ab, das diese wiederum langsam und kontrolliert in eine Drehbewegung umsetzt. Mechanisch ist dieses Prinzip in einem auf Schienen gelagerten Gewicht umgesetzt, das drei Stunden benötigt, um eine Strecke von wenigen Zentimetern zurückzulegen. Am Ende dieser Strecke wird ein Hilfsräderwerk ausgelöst, dessen Antriebsfeder genug Kraft besitzt, um über einen Hebel das Gewicht wieder zu seinem Ausgangspunkt zu befördern. Von hier aus erneut herabsinkend treibt es dann ein unsagbar fein verzahntes Räderwerk an, welches, einer Sanduhr gleich, langsam die verrinnende Zeit misst.

Ein sogenannter Windfang, eine Welle mit zwei durch Luftwiderstand gebremsten Flügeln, reguliert den Ablauf der Räder und gibt die Präzision der Anzeige vor; eine kleine goldene Kugel in einem Ring aus Bergkristall unterhalb der ursprünglich nicht zur Uhr gehörigen Spitze trägt diese Bewegung optisch nach außen. Dieser Windfang ist ein Versuch, damalige technische Standards in der Zeitmessung zu verbessern. Aus heutiger Sicht darf das jedoch als Irrtum gelten, denn dieses System ist viel zu anfällig für äußere Störungen.

Die Zeiger, welche die Bewegung der Planeten, der Sonne und des Mondes wiedergeben, werden von einem komplexen Modul mit fast hundert einzelnen Rädern gesteuert, welches hinter dem Zifferblatt montiert ist. Das Rad am Anfang dieser Kette wird während des Hochschnellens des Gewichts alle drei Stunden um einen definierten Betrag weitergeschaltet. Kürzer müssen die Intervalle auch nicht sein, bedenkt man die Langsamkeit, mit der die Zeiger letztendlich kreisen müssen.

Taktgeber des Kaisers

Anders als die Planetenuhr verbirgt die Kristalluhr ihre Technik nicht. Ihr Gehäuse, aus einem massiven Block reinsten Bergkristalls geschliffen, gibt den Blick auf die Mechanik frei. Bürgi schuf diese Uhr am Ende seines Lebens im Auftrag Karl von Liechtensteins, welcher im Jahre ihrer Fertigstellung 1627 verstarb. Sie war ein Geschenk an Kaiser Ferdinand II., als Dank für die Aufnahme des Fürsten in den Orden vom Goldenen Vlies.

In der nur 18 cm hohen Uhr versammelt sich auf kleinstem Raum die herausragende Könnerschaft Bürgis. An zwei gegenüberliegenden Seiten findet sich zum einen ein Zifferblatt zur Anzeige der Phasen und Aspekte des Mondes, gegenüber die Anzeige von Stunde, Minute und Sekunde auf drei separaten Zifferblättern. In einer Epoche, in der die genaue Anzeige der Zeit durch eine mechanische Uhr nur wenigen vorbehalten war und sich nur auf die Stunde beschränkte, bedeutet die Wiedergabe des Zeitflusses in der heute noch gängigen kleinsten Einheit eine bemerkenswerte Neuerung.

Dieser sekündlich verrinnenden Zeit gegenüber steht der Himmelsglobus, welcher die Uhr bekrönt. Zwei Halbkugeln aus Bergkristall, deren dünne Wandungen aus dem Massiv heraus geschliffen wurden, sind figürlich mit Sternbildern graviert. Eine kleine Sonnenscheibe wird mechanisch entlang der Ekliptik bewegt und zeigt den Lauf des Zentralgestirns durch den Tierkreis während eines Jahres an, wie man ihn von der Erde aus beobachten kann. So vereint die Uhr sowohl die kleinste Zeiteinheit als auch die unendlich langsam scheinende Bewegung der Sterne in ihrem Anzeigenprogramm.

Das Nicken der Minerva

Da das Gehäuse der Kristalluhr den Blick auf das Innenleben zulässt, ist ihr Uhrwerk auf das luxuriöseste gestaltet. Alle Bauteile aus Messing sind mit Gold überzogen worden, und jene, die aus Stahl gefertigt sind, wurden poliert und über einer Flamme derart erhitzt, dass sich auf ihrer Oberfläche eine tiefblaue Oxidschicht bildete. Bürgi ersann, wohl auch aus Platzgründen, eine einzigartige Abwandlung der von ihm erfundenen Kreuzschlaghemmung. Bei dieser Variante werden über ein Wellen- und Hebelsystem zwei separate Unrasten in Bewegung gehalten, die das Räderwerk in definierter Geschwindigkeit ablaufen lassen.

An einer dieser Wellen ist ein Gewicht aus Gold in Form des Kopfes der Minerva angebracht, welcher dem Betrachter zunickt, während die Uhr läuft. Den Zwischenaufzug, der bereits bei der 1605 vollendeten Planetenuhr zu finden ist, integrierte Bürgi geschickt in das Viertelstundenschlagwerk. Dabei wird über ein Radsegment, über Hebel und eine Darmsaite eine kleine Feder gespannt, welche dann das Räderwerk und die beiden Unrasten für eine Viertelstunde mit Kraft versorgt. Nach erfolgtem Viertelstundenschlag ertönt die vergangene Stunde ebenfalls akustisch auf einer Glocke. Hier kann gewählt werden, ob man sich die Stunden, wie heute noch üblich, über Tag und Nacht verteilt zweimal von eins bis zwölf schlagen lässt oder aber von einem Schlag in der ersten Stunde bis hin zu 24 Schlägen um Mitternacht, so komplex ist die Mechanik konstruiert.

Diese Uhr, anders als die Planetenuhr, ist im Uhrwerk gut sichtbar zweimal mit dem Namen ihres Erbauers versehen: Jobst Burgi fe[cit].

Mag. Nils Unger, geb. 1979, hat die beiden beschriebenen Uhren zwischen 2011 und 2013 restauriert. Er ist gelernter Uhrmacher, hat Konservierungswissenschaften an der Universität für angewandte Kunst Wien studiert und arbeitet derzeit für die Landessammlungen NÖ.