"Zu arg gegen den Strich gebürstet" - so empfand Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, den Beitrag auf S. II der Juli-Zeitreisen zum Büßerinnenhaus am Wiener Franziskanerplatz. Der Tüftler liefert kritische Ergänzungen zur mittelalterlichen Sozialeinrichtung, die in der Zusammenstellung in Nro. 409 fehlten. Die Büßerinnen von St. Hieronymus waren nicht allesamt ehemalige Prostituierte, so der Geschichtsfreund, der anmerkt, dass zum Beispiel Gesinde oftmals neben dem "schweren Dienst" noch die Bürde eines unehelichen Kindes zu tragen hatte. Aus bürgerlicher Sicht war das ein Fall von "offenen sundigen unleben", wie es in der im Vormonat zitierten Urkunde aus 1384 hieß. "Die Oberschicht hatte durchaus Interesse daran, diese "Sünderinnen" samt ihren Kindern in ein "Büßerinnenhaus" zu entsorgen und sich das auch etwas kosten zu lassen."

Viele Paare durften einst nicht heiraten. - © Bild: Handschrift, 15. Jh
Viele Paare durften einst nicht heiraten. - © Bild: Handschrift, 15. Jh

Darüber hinaus verweist Tüftler Dr. Zemann auf einstige Heirats-Problematiken: Die "Ehe war damals eine Frage von Beruf, Zunft und Status, von Wohlstand und Versorgung, von komplexen Verbindungen und Verbindlichkeiten." So konnten oder durften viele nicht heiraten, auch nicht, wenn ein Kind unterwegs war. Durch Aufenthalt im Büßerinnenhaus wurden ledige Mütter wieder "heiratsfähig". Es war also, so Dr. Zemann, ein "großartiges Sozialprojekt", das Herzog Albrecht III. von Österreich ermöglichte.

Zu betonen ist weiters, dass nicht alle rückfälligen Büßerinnen in die Donau geworfen wurden. Ertränken war damals die für Frauen "reservierte" Todesstrafe. In Nro. 409 wurde ein durch eine Henkersrechnung belegter Fall aus 1501 zitiert.

Besten Dank an Spezialnussknacker Dr. Zemann für die wichtigen Nachträge, die in der letzten Ausgabe zu kurz gekommen sind. beo

Depeschen

Der Paternoster-Aufzug im Haus Trattnerhof 2 (Wien 1) zieht Tüftlerinnen und Tüftler nach wie vor in seinen Bann. Dr. Herbert Michner, Wien 17, ergänzt: Im Trattnerhof saß "bis 1955 die USIA, die Verwaltung sowjetischen Eigentums in Österreich". Der Paternoster hieß im Volksmund "Proletenschlepper", der für höherrangige Personen reservierte Kabinenlift "Bonzenheber".

Mit 1. August ist Herbert Ambrozy, Wien 7, offiziell in Ruhestand getreten; das Zeitreisenteam gratuliert dem frischgebackenen Pensionisten! Als Oberstatistiker des Geschichtsfeuilletons will der Zahlen-Tüftler weiterhin Dienst tun - dafür herzlichen Dank!

Freude machte ein sommerliches Billett von Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, samt Etymologischem zum Wort "Urlaub"; das ahd. "urloup" hieß einst "Erlaubnis". - Danke an Dr. Brigitte & Dr. Gottfried Pixner, Wien 13, für Aperçus zu Nro. 409 sowie Hinweis auf das alte Hietzinger Ensemble Lainzer Str. 153.

P.S. Im ZEITREISENLOTTO gewann DI Gerhard Raimann, Alland; wir gratulieren!