Mit wenigen Habseligkeiten schlichen sich Bauern aus k.k. Landen, dabei ging es wohl zu wie auf Bild rechts. - Leiste l. (v. ob.): Armer Landmann zahlt Zins; Landwirt am Pflug; Joseph II. ackert 1769.  - © Bilder (gemeinfrei): Topographie ... Oesterreich ..., Wien 1838/Töchteralbum XXXVI, Glogau o.J. (= 1890)/Ölgemälde, 19. Jh.
Mit wenigen Habseligkeiten schlichen sich Bauern aus k.k. Landen, dabei ging es wohl zu wie auf Bild rechts. - Leiste l. (v. ob.): Armer Landmann zahlt Zins; Landwirt am Pflug; Joseph II. ackert 1769.  - © Bilder (gemeinfrei): Topographie ... Oesterreich ..., Wien 1838/Töchteralbum XXXVI, Glogau o.J. (= 1890)/Ölgemälde, 19. Jh.

Liebe Zeitreisende, bevor wir in die Historie eintauchen, lacht uns heute in eigener Sache das Herz: Vor zwanzig Jahren, im September 2000, erschien das erste Geschichtsfeuilleton!

Zu der Premiere rollte auch Nuss Nro. 1. Gewinner des für Recherchen ausgelobten Buchpreises Nro. 1 war Obertüftler Volkmar Mitterhuber, Baden, der bis heute als profunder Nussknacker unser gemeinsames Projekt bereichert - dafür ganz spezielles Kompliment! Zugleich geht ein großes Dankeschön an alle Gemeine-Mitglieder, die emsig detektivisch Monat für Monat unsere Beilage mitgestalten. Ein besonderer Gruß gilt zudem den stillen Zeitreisenden, die des Öfteren alles andere als still agieren, indem sie via Mundfunk fürs Geschichtsfeuilleton trommeln.

Jetzt jedoch zur diesmaligen Visite in einer längst vergangenen Epoche.

Blickten die ersten Jahrgänge der Zeitreisen gern ins "Wien(n)erische Diarium" des frühen 18. Jahrhunderts, so wollen wir diesmal in eine etwas spätere Ära des Habsburgerreichs schauen: In die mit dem Ende des Siebenjährigen Krieges im Februar 1763 beginnende Friedensperiode, die viele Hoffnungen weckte.

Blättern wir also 257 Jahre in unserem Traditionsblatt zurück. In Num. 73. vom Samstag den 10. Septemb. 1763 stoßen wir auf einen Nachklang des blutigen Ringens. In einer Wiener Hof-Mitteilung heißt es:

Es haben Ihro Kaiserl. Königl. Majest. (= Maria Theresia, die sich im Inland als Kaiserin bezeichnete, was ihr formal nicht zustand; u.a. vor dem Reichstag in Regensburg nannte sie sich daher nicht so) den General der Cavallerie und Gouverneur zu Ofen (= Buda, nun ein Teil von Budapest), Hrn. Andre von Haddick, in Ansehung seiner bishero treu geleistetenFeldkriegs-diensten zur Erkänntlichkeit und allergnädigster Zufriedenheit (...) in den Grafen-stand zu erheben geruhet.

Hohe Herrschaften: Maria Theresia, Franz Stephan (M.), Hadik (r.). - Unten: K.k. Untertanen im 1766 für sie geöffneten Wiener Prater.  - © Bilder: Liotard-Gemälde, 18. Jahrhundert/Archiv
Hohe Herrschaften: Maria Theresia, Franz Stephan (M.), Hadik (r.). - Unten: K.k. Untertanen im 1766 für sie geöffneten Wiener Prater.  - © Bilder: Liotard-Gemälde, 18. Jahrhundert/Archiv

Wer war Haddick? Den von 1711(?) bis 1790 lebenden Militär, dessen Name ein "d" und das "c" verlor, feierte Österreich im Siebenjährigen Krieg als Helden. So besetzte er am 16./ 17. Oktober 1757 Berlin, die unverteidigte Hauptstadt des Erzfeindes Preußen, geschickt für viele Stunden. Er kassierte ca. 200.000 Taler Kontribution, dann räumte er die Metropole rechtzeitig; es kam zu keinerlei Gefecht mit Truppen des Gegners.

Im Übrigen erreichte auch Hadik bis 1763 keine grundlegende Wende in dem Kampf zwischen Wien und Berlin, der schließlich unentschieden endete.

Das sieben Jahre währende Gemetzel, das tausende und abertausende Opfer im Feld forderte, sollte in den Friedensjahren danach katastrophale Folgen insbesondere für k.k. Untertanen in Böhmen zeitigen. In den zerstörten Ländereien wüteten Hungersnöte, gab es schlimmstes Elend.

Die adligen Grundherren aber pressten trotzdem die Bauern bis aufs Blut aus.

Melden durfte das auf Geheiß der k.k. Zensur kein Blatt. Doch gelang es dem "Diarium", die von der Kriegskosten-Explosion ausgelöste Finanzmisere aufzuzeigen: Durch Berichte aus dem Ausland, das nach dem international geführten siebenjährigen Ringen auch litt. Am 14. September 1763 erfuhr man z.B. aus London vom Banquerot dreier Häuser, die mit Hamburg sowie Portugesen handelten.

Gefälschte Münze 1763. - © Bild: "Diarium", 3. Sept. 1763
Gefälschte Münze 1763. - © Bild: "Diarium", 3. Sept. 1763

Und schon im "Diarium" vom 3. September hatte eine bebilderte offizielle Inlands-Warnung (siehe Sujet rechts) alarmiert: Gefälschte Handelsmünzen mit Maria Theresias Kopf kursierten...

Die Liebhaber des Diarii, wie einst die Abonnenten hießen, erhielten so Winke, was in den nächsten Jahren drohte. Beim Geld musste man mehr als Fälschungen fürchten; Schritte der Landesherrin sicherten aber letztlich eine gewisse Währungsstabilität. Den armen Landleuten, rund vier Fünftel der Bevölkerung, half das wenig - ihr Leben wurde trister und trister, vor allem in Böhmen. Hier versagte Maria Theresia leider.

Eine von ihr in den k.k. Nordwesten entsandte Kommission fand Himmelschreiendes: Die leibeigenen Bauern prügelt man bei kleinstem Anlass halb tot; jeder, der Einspruch erhebt, wird in Eisen gelegt und auf einen ins Fleisch schneidenden Bock gesetzt; 50 Stockstreiche sind Mindeststrafe. Viele der Geschundenen, so die Kommission weiter, fliehen daher nach - Preußen.

Der im geheimen Staatsrat im Juni 1769 behandelte Bericht wurde de facto ignoriert. Die Beherrscherin des Habsburgerreichs wagte keinen Konflikt mit dem adligen Großgrundbesitz. Joseph II., seit dem Tod seines Vaters Franz Stephan anno 1765 machtloser Mitregent seiner Mutter, musste sich mit einem symbolischen Akt begnügen, der Aufsehen erregte: Er, der Kaiser, führte im August 1769 nahe Brünn den Pflug eines Landwirts. Den Bauern helfen konnte er erst ab 1780 als Alleinherrscher.

Kopfnuss: Welchen Haken hatten laut Anekdote alle von Hadik in Berlin 1757 für Maria Theresia konfiszierten Edel-Handschuhe? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)