Mit Kamera ausgerüstet schoss der junge Polarforscher Fridtjof Nansen (1861-1930) ein Bild von einem Kollegen in der Arktis (links). Hinterm Schreibtisch (rechts, Foto aus 1913) setzte er sich später für Flüchtlinge ein.  - © Fotos: F. Nansen 1894 (l.), L. J. Wonaho 1913, Nationalbibl. Norwegen
Mit Kamera ausgerüstet schoss der junge Polarforscher Fridtjof Nansen (1861-1930) ein Bild von einem Kollegen in der Arktis (links). Hinterm Schreibtisch (rechts, Foto aus 1913) setzte er sich später für Flüchtlinge ein.  - © Fotos: F. Nansen 1894 (l.), L. J. Wonaho 1913, Nationalbibl. Norwegen

Noch keine 30 Jahre alt stapfte der Norweger Fridtjof Nansen (1861- 1930) durch das arktische Eis. Der leidenschaftliche Polarforscher, der Thema der Orchidee und Zusatzorchidee der Nro. 408 war, ahnte in der klirrenden Stille noch nichts von seiner lebensrettenden Rolle, die er für abertausende Notleidende einnehmen sollte.

Dr. Brigitte & Dr. Gottfried Pixner, Wien 13, knüpfen mit einem knappen Abriss zur Geschichte seines Heimatlandes an die Zusammenstellung in Nro. 410 (S. III) an: 1814 zwang Schweden den Nachbarn zu einer Union. Erst 1905 wurde Norwegen "nach einer Volksabstimmung wieder frei." Nansen, der bereits "internationales Ansehen" genoss, trug durch seinen Einsatz zum "Ergebnis des Referendums" mit "fast 100 Prozent" der Stimmen für die Selbständigkeit bei.

Zähe Verhandlungen

Anschließend übernahm der Staatsmann eine Aufgabe, zu der Herbert Beer, Wolfpassing, notiert: "Zwischen 1906 und 1908 arbeitete Nansen im diplomatischen Dienst in London". Dort verhandelte er u.a. die Erhaltung der Souveränität Norwegens. Dr. Wilhelm R. Baier, Graz-Andritz, weiter: "Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs erklärte Norwegen gemeinsam mit Schweden und Dänemark seine Neutralität."

Nun nahm aber Norwegen eine eher pro-britische Haltung ein. Dadurch geriet der Staat ins Visier Deutschlands, das eine Reihe norwegischer Handelsschiffe versenkte. Als 1917 auch noch die USA ein Ausfuhrverbot für Lebensmittel erweiterten, drohte Norwegen eine Katastrophe, denn das raue Klima verunmöglichte ausreichende Ernteerträge, um die gesamte Bevölkerung zu versorgen.

Auf Geheiß seiner Regierung, so Dr. Alfred Komaz, Wien 19, weiter, wurde Nansen als "bevollmächtigter Minister (= Gesandter, nicht Politiker) im besonderen Auftrag" tätig. Maria Thiel, Breitenfurt: Er erreichte "nach monatelangen Verhandlungen in Washington, dass die USA Getreide und weitere ... Güter an Norwegen lieferten."

Chaos durch Grenzen

Das Ende des Weltkriegs brachte massive Veränderungen bei Grenzziehungen, die Millionen von Menschen entwurzelten: Staatliche Zugehörigkeiten änderten sich, Hunderttausende wurden staatenlos oder befanden sich auf der Flucht.

Warme Mahlzeit im hungerleidenden Sowjetrussland in Notkantinen 1921.  - © Foto: Presseagentur Meurisse 1921
Warme Mahlzeit im hungerleidenden Sowjetrussland in Notkantinen 1921.  - © Foto: Presseagentur Meurisse 1921

Auch um humane Antworten auf diese Misere zu finden, wurde im Jänner 1920 der Völkerbund gegründet, wie Dr. Karl Beck, Purkersdorf, festhält. Nansen wurde "Norwegens Delegationsleiter", so Manfred Bermann, Wien 13, und er richtete "sein Hauptaugenmerk auf die Repatriierung (= Rückführung, Anm.) staatenlos gewordener" Vertriebener. Er wurde noch im selben Jahr erster Flüchtlingshochkommissar.

Kaum hatte er diese Aufgabe in Angriff genommen, kam die nächste. In Sowjetrussland war 1921 eine verheerende Hungersnot ausgebrochen, wie Martha Rauch, Wien 14, notiert.

Nansen brach "in die Hungergebiete" auf, so Brigitte Schlesinger, Wien 12. "Was er dort sah, war weit schlimmer, als ... er es erwartet hatte. Aus Dachstroh, Baumrinden und Laub versuchten die Menschen Brot zu backen oder einen Brei zu kochen. Hunde und Katzen waren längst verzehrt ... Selbst die Leichen auf dem Friedhof" grub man aus, um sie zu essen. Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, setzen fort: "Zu diesem Zeitpunkt unterhielt keines der Mitglieder des Völkerbundes diplomatische Beziehungen mit der Regierung in Moskau." Nansens Appell 1921, der Sowjetunion "Regierungskredite zu gewähren, ... verhallte ungehört. So vereinte er private Hilfsorganisationen ... Sie versorgten täglich bis zu elf Millionen Menschen mit Nahrung, Kleidung und Medizin."

Bittere Not bestimmte auch das Folgejahr. Mag. Robert Lamberger, Wien 4, dazu: "Nach dem Ende des Griechisch-Türkischen Krieges (1919-1922)" reiste Nansen nach Konstantinopel, um über das Schicksal der Flüchtlinge und Volksgruppen zu verhandeln. Das Ergebnis führte "zu einer bis heute kontrovers diskutierten ... Zwangsumsiedlung hunderttausender Türken und Griechen".

Kein Pass, kein Mensch

Ein Relief (Ausschnitt) am Osloer Rathaus zeigt den Nansenpass.  - © Foto: W. Bulach
Ein Relief (Ausschnitt) am Osloer Rathaus zeigt den Nansenpass.  - © Foto: W. Bulach

Ein Grundproblem bringt Volkmar Mitterhuber, Baden, auf den Punkt: "Was vielen Flüchtlingen fehlte, war eine Staatszugehörigkeit und das brachte massive Probleme mit sich. Sie hatten keinerlei Bürgerrechte ... Ohne Papiere war es sehr schwer, eine Wohnung zu finden, sie konnten nicht heiraten oder ihre Kinder taufen lassen und oft war es unmöglich ... zu arbeiten und Steuern zu zahlen. Sie hatten viele bürokratische Probleme, deshalb war es notwendig, Menschen zu einem legalen Status zu verhelfen." Michael Chalupnik, Sieghartskirchen: Daher setzte sich "Nansen für ein international gültiges Reise- und Ausweisdokument ein."

Es gelang ihm 1922, den sogenannten Nansenpass einzuführen, ein Dokument, das schließlich von über 50 Staaten anerkannt wurde, wie Prof. Dr.-Ing. Klaus Schlabbach, Hamburg/D, festhält. Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, setzt fort: "Der Pass wurde vom Aufenthaltsland des Flüchtlings für ein Jahr (mit Verlängerungsmöglichkeit) ausgestellt und gestattete die Rückkehr in dieses." Auch mit Hilfe dieses Dokuments sorgte Nansen "bis 1922 ... für die Heimführung von mehr als 400.000 Menschen aus mehr als zwei Dutzend Ländern".

Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, wirft ein: Mit dem "London Travel Document" (1946) und dem "Reisedokument der Genfer Flüchtlingskommission von 1951" wurde die Idee dieses Papiers weitergeführt.

Träume auf Eis

Als Nansens "humanitäre Verdienste ... 1922 mit der Verleihung des Friedensnobelpreises" gewürdigt wurden, wie Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, anmerkt, war für den Norweger die Karriere als Forscher längst nicht abgehakt. Dr. Harald Jilke, Wien 2, kommt damit zur Beantwortung der Fragen der Zusatzorchidee: Nansen wollte "eine Flugreise zum Nordpol" unternehmen, trieb dafür "jedoch nicht genügend Gelder" auf.

Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, ergänzt: "Schließlich kam ihm Roald Amundsen zuvor, der gemeinsam mit Umberto Nobile und weiteren Expeditionsteilnehmern den Nordpol am 12. Mai 1926 im Luftschiff "Norge" erreichte." Als Amundsen zwei Jahre später im ewigen Eis verscholl, hielt Nansen eine bewegende Ansprache.

Christine Sigmund, Wien 23, informiert abschließend: "1927 legte Nansen sein Amt im Völkerbund nieder". 1930 starb der Norweger. Zigtausende gaben ihm in Oslo das letzte Geleit.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Christina Krakovsky