Die Gegend "jenseits des Nordwindes" (Hyperborea) galt den alten Griechen als "mythisches Land im fernen Norden". In dieses begab sich anlässlich der Frage 1 der Nro. 408 nicht nur Dr. Robert Porod, MMBA, Frauenhofen b. Horn, der den Antwortreigen einleitet. "Jenseits des Keltenlandes" verorteten antike Historiker eine Insel.

Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, notiert, dass diese im Altertum als "Thule" (auch u.a. Tuli) bezeichnet wurde und "später eine mythische Bedeutung erhielt".

Mag. Robert Lamberger, Wien 4, mit Details zu jenem Mann, der den Namen vermutlich als erster niederschrieb: "Pytheas von Massalia"; er lebte im 4. Jh. vor Christus. Wie Christine Sigmund, Wien 23, notiert, war er "ein griechischer . . . Geograph", der "als Seefahrer . . . bis in den Nordwesten von Europa" kam.

Zu diesem "Astronomen und Mathematiker" schlug Martha Rauch, Wien 14, im Brockhaus aus 1886 nach: Pytheas verdankten die Griechen "die erste bestimmte Kunde" aus eisigen Gefilden.

Zum Geburtsort des Gelehrten recherchierte Prof. Dr.-Ing. Klaus Schlabbach, Hamburg/D: Massalia "wurde 600 v. Chr. . . . gegründet und entwickelte sich prächtig - mit einigen Aufs und Abs - bis zum heutigen Marseille".

Wahrscheinlich im Auftrag dort ansässiger Kaufleute sollte Pytheas den Seeweg nach Norden erkunden. Dazu Dr. Gerhard Jungmayer, Wien 22: Seine Reisen führten ihn um 330 v. Chr. "über Spanien nach Großbritannien und dann vielleicht bis zu den Hebriden".

Isländerin, aus Reisebericht 1875.  - © Bild aus R.F Burton "Ultima Thule". Kolorierung: Philipp Aufner/WZ
Isländerin, aus Reisebericht 1875.  - © Bild aus R.F Burton "Ultima Thule". Kolorierung: Philipp Aufner/WZ

Maria Thiel, Breitenfurt, ergänzt, dass Pytheas seine Entdeckungen "zur selben Zeit" machte, "als Alexander der Große im Osten" die Grenzen "der damals in Europa bekannten Welt" auslotete. Der Feldherr war übrigens ein Schüler des Aristoteles (384- 322 v. Chr.).

Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, betont, dass der Reisebericht des Pytheas, "dessen Titel vermutlich "Über den Ozean" . . . lautete", nicht erhalten ist. Ein paar Fragmente kennen wir heute nur aus "Zitaten anderer Autoren (u.a. Strabon, Eratosthenes und Plinius der Ältere), die Pytheas allerdings zum Teil als Lügner bezeichnen."

Der römische Schriftsteller Solinus, so Herbert Beer, Wolfpassing, der u.a. ins 3. Jh. eingeordnet wird, zitierte den Pytheas: "Weiter über Thule hinaus stoßen wir auf das träge und geronnene Meer". Damit wäre er der erste Grieche, der Treibeis beschrieben hat. Ein in seiner Heimat unbekanntes Phänomen war auch die von ihm geschilderte Mitternachtssonne.

Zu Tacitus, der im 1. Jh. n. Chr. ebenfalls Informationen des griechischen Reisenden übernommen hatte, griff Prof. Brigitte Sokop, Wien 17: "Von den Orkney-Inseln aus könne man Thule im Nebel sehen." Außerdem gebe es "Seeungeheuer und Mischwesen aus Mensch und Tier" (siehe hierzu auch Kartenausschnitt oben).

Bis hierher .. .

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, ergänzt, dass es "zahlreiche Theorien" gibt, welche Insel Pytheas mit Thule gemeint haben könnte. "Eine exakte Verortung ist mit seinen Angaben nicht möglich." Dr. Litschauers "Mittelschulprofessor sagte klipp und klar Island." Beschreibungen des römischen Dichters Tacitus und des antiken Geographen Claudius Ptolemaios lassen auf "eine der Shetland-Inseln" schließen. "Der Norweger Fridtjof Nansen argumentierte für das mittelnorwegische Küstengebiet." Auch andere Eilande zwischen Schottland, Island und Norwegen wurden über die Jahrhunderte als Thule identifiziert. Volkmar Mitterhuber, Baden, ergänzt, dass der Historiker "Prokopios von Kaisereia" im 6. Jh. n. Chr. Thule mit dem gesamten "Skandinavien gleichgesetzt" hat.

Dass das Rätsel um die genaue Lage Thules bis heute ungeklärt ist, bestätigt Brigitte Schlesinger, Wien 12. Sie zitiert Alfred Stückelberger von der Universität Bern, einen "Fachmann für antike Kartographie", der sich vor ein paar Jahren wie folgt äußerte: Pytheas habe eine "Expedition weit nach Norden gemacht, wohl über . . . Schottland hinaus, und hat dort vom Hörensagen erfahren, dass es weiter im Nordosten noch Land oder eine Insel gebe und hat bestimmt den wohl germanischen Namen Thule gehört." Erst später, u.a. von Ptolemaios (2. Jh. n. Chr.) sei eine Verortung der Insel versucht worden. Dazu ergänzt Tüftlerin Schlesinger, dass "es vor rund 2.300 Jahren im Schnitt wenige Grade kühler" war und damit die "Treibeisgrenzen . .. etwas südlicher" lagen.

Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz, fand Untersuchungen des Instituts für Geodäsie und Geoinformationstechnik der TU Berlin. Diesen zufolge verzerrte Ptolemaios seine Karten. Außerdem habe er "die vermutlich wesentlich genauere Bestimmung durch Pytheas ignoriert". Nach Korrektur der Verzerrung vermuten die deutschen Wissenschafter, dass Thule der heute norwegischen Insel Smøle, vor Trondheim gelegen, entspricht.

In jedem Fall seien die "wissenschaftliche Kompetenz und der Wahrheitsgehalt" der Berichte des Pytheas "zu respektieren", so Dr. Peter Schilling, Wien 18. So berechnete der Hellene "z.B. mit einem nur geringen Fehler mit Hilfe einer Sonnenuhr die Breitengrade seiner Heimatstadt und bestimmte die genaue Position des Polarsterns. Weiters ist er der erste Grieche, der eine im Kern richtige Theorie über den Gezeitenverlauf und dessen Beziehung zu den Mondphasen aufstellte."

. . . und noch weiter

Zur Verortung des antiken Weltbildes zieht Mag. Hermann Hayn, Ma. Enzersdorf, diesen Vergleich: "Für einen zivilisierten Griechen war es mit Thule jedenfalls so ähnlich, wie man im alten Österreich über Bosnien-Herzegovina sagte: Jenseits von Save und Seife" - für einige k.k. Untertanen hörte jenseits dieses Flusses die Zivilisation auf. Den Griechen wiederum waren die Britischen Inseln als Zinnlieferanten ein Begriff. "Alles was dahinter noch kommen mochte, war unbekannt."

Damit fahren wir an besagtes Ende der Welt, das über die Jahrhunderte oftmals als "Ultima Thule" bezeichnet und verschiedenen Lokalitäten zugeordnet wurde. Brigitte Weiser, Wien 8, liefert eine Übersetzung: "Das fernste Thule", also "der äußerste Ort (Insel), der den Römern bekannten Erde." Doch, wie Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, notiert, wird die Bezeichnung weiterhin für den nördlichsten bekannten Landpunkt verwendet: "Heute gibt es im Arktischen Ozean, etwa 705km vom Nordpol entfernt, die zum größten Teil von Eis bedeckte Insel "Ultima Thule 2008"". Die Zahl bezieht sich auf das Jahr ihrer Entdeckung.

Noch viel weiter reisen Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram. Sie fanden den Himmelskörper "Ultima Thule", der wegen seiner Form den Spitznamen "schwebender Schneemann" erhielt. Er wurde 2014 erstmals "hinter dem Zwergplaneten Pluto an der Grenze des Sonnensystems" gesichtet. Allerdings wurde das mehr als 30km lange Objekt fünf Jahre später in "Arrokoth" umgetauft. Der Begriff "stammt aus einer ausgestorbenen Algonkin-Sprachen der Ureinwohner im Nordosten Nordamerikas und bedeutet so viel wie "Himmel"".

Die Wortherkunft des Namens Thule bleibt - wie der Standort - weiter ungeklärt. Dr. Harald Jilke, Wien 2, recherchierte zu einer Theorie: Es könnte aus der indogermanischen Ursprache stammen und für "Boden, Fläche" stehen. Im Lateinischen ist für diese Bedeutung "tellus" erhalten. Daraus ist über das Althochdeutsche "dili" eine Ableitung zu "Diele" möglich.

Gretchenfragen

Viel wichtiger ist Thule jedoch vielen als Idee, Mythos oder als Naturphänomen, wie Tüftler Dr. Jilke auch aus seinem Familienumfeld weiß: "Mein Schwager Benoît Pouplard ist ein französischer Künstler" und arbeitet "hauptsächlich mit Keramik. Eines seiner Projekte trägt den Namen "Ultima Thulé"." Zu diesem erläutert Pouplard auf seiner französischsprachigen Webseite selbst, dass es "aus einer ästhetischen Faszination für die chaotische Kraft geboren" wurde. Er zitiert auch Pytheas, der das Land des Nordens wie folgt beschrieben haben soll: Wo "die Erde, das Wasser und alle Elemente auf eine Weise zusammengehalten sind, dass man sie weder betreten noch mit dem Schiff befahren kann".

Dass der Mythos Thule vielfach von Fanatikern herangezogen wurde, erwähnt Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Es gab "um 1900 eine Thule-Gesellschaft", diese war antisemitisch und "etwas esoterisch angehaucht". In der Nazi-Mythologie spielt(e) die Insel ebenfalls eine Rolle.

Zeitreisender Dr. Beck tauchte auch in literarische Gefilde ein und fand den "König in Thule" in Goethes "Faust", wo Gretchen die Ballade anstimmt. Das Gedicht liegt in mehreren Varianten vor, von denen Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, folgende wiedergibt: "Es war ein König in Thule, / ein’ gold’nen Becher er hätt’ / empfangen von seiner Buhle / auf ihrem Todesbett." Einige Strophen später wirft der König das Gefäß in die Fluten und trank "keinen Tropfen mehr".

Musikalisch erwähnt der bereits zitierte Zeitreisende Dr. Litschauer den "Titel einer Operette des österreichischen Komponisten Rudolf Kattnig (1895-1955; oft auch Kattnigg, Anm.): "Der Prinz von Thule"" (Erstaufführung 1936).

Gruß aus dem Eis auf "Grönlandbrief", den SOS-Kinderdörfer 1977 von Graz über den Polarkreis verschickt haben - als Sammlerstück von Dr. Jungmayer eingesendet. Danke! - © Bild: Archiv Dr. Jungmayer
Gruß aus dem Eis auf "Grönlandbrief", den SOS-Kinderdörfer 1977 von Graz über den Polarkreis verschickt haben - als Sammlerstück von Dr. Jungmayer eingesendet. Danke! - © Bild: Archiv Dr. Jungmayer

In die Welt der Wissenschaft begab sich Dr. Gottfried Pixner, Wien 13: "Per Teodor Cleve benannte ein von ihm erstmals identifiziertes neues Element zu Ehren seiner schwedischen Heimat als Thulium." Dr. Alfred Komaz, Wien 19, der eine "Neigung zur Chemie" verrät, ergänzt: Dieses 1879 entdeckte Metall "zählt . . . zu den Seltenen Erden" und ist grünlich.

Wer heute nach Thule sucht, findet es u.a. - wie schon erwähnter Zeitreisenpionier Mitterhuber anmerkt - "an der Küste Nordwest-Grönlands". Die dortige Siedlung heißt in der Sprache der Einheimischen Qaanaaq und erhielt ihren dänischen Namen von der "1910 von dem . . . Polarforscher und Ethnologen Knud Rasmussen (1879-1933) angelegten Forschungsstation Thule." Auch ein nahegelegener "US-amerikanischer Flugstützpunkt" trägt diese Bezeichnung.

Zusammenstellung dieser Seite: Barbara Ottawa