In astronomische Höhen begaben sich Spezial-Nussknackerinnen und -Nussknacker anlässlich der Fragen zur (Sternen-)Karte in der April-Ausgabe des Geschichtsfeuilletons. Die Zeitreisenredaktion entschuldigt sich nochmals, dass auf S. IV der Nro. 406 ein falsches Einsendedatum (April statt Mai) abgedruckt worden war. Nicht passiert wäre das vermutlich dem gesuchten Astronomen, der sich mit Kalenderberechnungen beschäftigte. Ihn nennt Manfred Bermann, Wien 13: "Joseph Jérôme Lefran- çais de Lalande, geboren am 11. Juli 1732 in Bourg-en-Bresse" in Frankreich, rund 80km nördlich von Lyon. Während der Französischen Revolution arbeitet er, wie Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, festhält, "an der Erstellung des republikanischen Kalenders" mit. Revolutionäre wollten damit den Sonntag abschaffen, Wissenschafter die Zeiteinheiten neu einteilen. Der gebürtige Adlige "verzichtet auf das familiäre Adelsprädikat "de", hilft aber dennoch von den Revolutionstribunalen Verfolgten."

Der Bau der Pariser Sternwarte (Gebäude im Hintergrund) wird 1667 dem Hof präsentiert. Bild: Archiv/H. Testelin um 1677
Der Bau der Pariser Sternwarte (Gebäude im Hintergrund) wird 1667 dem Hof präsentiert. Bild: Archiv/H. Testelin um 1677

Überhaupt scheint Lalande ein sehr vielschichtiger Charakter gewesen zu sein. Brigitte Schlesinger, Wien 12, zitiert eine Selbstbeschreibung des Franzosen: "Ich bin ein Ölzeug für Beleidigungen und ein Schwamm für Lob." Er "strebte stets nach Ruhm und hatte diesen schon in jungen Jahren erreicht." Während seines Studiums der Rechtswissenschaften in Paris lernte er den Astronomen Joseph Nicolas Delisle (1688-1768) kennen. Dieser nahm den seit Kindheit an den Sternen interessierten Lalande bald bei sich auf. Der junge Mann belegte astronomische Vorlesungen und erhielt als "noch nicht Zwanzigjähriger" die Chance, für Observationen und Berechnungen der Entfernung von Planeten nach Berlin zu reisen. Dort wurde er "trotz seiner Jugend in die Preußische Akademie der Wissenschaften" aufgenommen. Zurück in Paris wurde er "1753 zum Mitglied der Académie des sciences" gewählt.

Kein Ballon, keine Katze

Tochter Lalande mit ihrem Vater. Bilder: Archiv. Repros: Ph. Aufner
Tochter Lalande mit ihrem Vater. Bilder: Archiv. Repros: Ph. Aufner

Lalandes Besuch in Gotha (heute Thüringen) bot, wie Dr. Manfred Kremser, Wien 18, recherchierte, Anlass für den ersten Astronomiekongress 1798. Lalande wollte die dort "acht Jahre zuvor von Franz Xaver von Zach (1754-1832, Anm.) in Betrieb genommene Sternwarte besuchen". Zeitreisenmedicus Dr. Kremser mutmaßt, warum kein Österreicher am Treffen teilnahm: "Ein möglicher Einfluss revolutionärer französischer Ideen . . . war den Wiener Behörden viel zu suspekt." Lalande selbst hat damals versucht, "sein Engagement während der . . . Revolution" zu verschweigen.

Nach Gotha angereist ist u.a. der Leiter des Observatoriums in Berlin, Johann Elert Bode (1747-1826). Er arbeitete damals an seiner Sammlung von Sternenkarten, der "Uranographia" (publiziert 1801).

Wie es eingangs zitierter Tüftler Bermann formuliert, hat Lalande seinem deutschen Kollegen das von ihm benannte Sternbild des "Globus Aerostaticus" praktisch "auf’s Auge gedrückt". Laut dem französischen Wissenschafter stellt die Konstellation - die auch auf der Sternenkarte in Nro. 406 zu sehen war - einen Heißluftballon dar. Er wollte so seine Landsleute, die "Luftfahrtpioniere Gebrüder Montgolfier" würdigen. Geschichtsfreund Bermann vermutet einen ""nationalen" Abtausch", denn Bode katalogisierte auch das Sternbild der "Buchdruckerpresse" - zu Ehren des deutschen Johannes Gutenberg.

Der Kongress in Gotha sprach sich, so Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, für die Beibehaltung des "Globus Aerostaticus" aus. Dieser schaffte es aber - wie auch die Buchdruckerpresse - nicht in den ab 1922 von der Internationalen Astronomischen Union (IAU) festgelegten Sternenkatalog. Ein anderes von Lalande "vorgeschlagenes Sternbild namens Felis (Katze) fand bei vielen Kollegen keinen Anklang, und ist daher nur auf wenigen Himmelskarten zu finden".

Wie schon erwähnte Geschichtsfreundin Schlesinger anmerkt, steht Lalandes Name noch heute am Pariser Eiffelturm "in goldenen Lettern" unter den dort von Gustave Eiffel selbst gewürdigten 72 Wissenschaftern an zweiter Stelle. (N.B. Tatsächlich sind dort nur Männer geehrt und auch - bis auf Ausnahmen aus Italien und der Schweiz - nur Franzosen.)

Frauenbuch auf Index

Dr. Karl Beck, Purkersdorf, notiert, dass Lalande 1765/66 einige Monate "in Italien und Rom" unterwegs war. "Bei Papst Clemens XIII. (im Amt 1758-1769)" legte er für Galileo Galilei "ein gutes Wort" ein. Dazu zitiert Volkmar Mitterhuber, Baden, Lalande selbst: "Ich forderte . . ., dass man auch namentlich die Schriften des Galilei aus dem Index streichen möge." Der Franzose gewann den Eindruck, dass der Papst "hierzu auch sehr geneigt" gewesen sei, "wegen seines Wohlwollens für die Wissenschaften und die Gelehrten."

1758 hatte der Pontifex ein paar Werke zum heliozentrischen Weltsystem bereits aus dem "Index librorum prohibitorum", der von 1559 bis 1966 bestand, entfernt. Galileis "Dialog über die zwei wichtigsten Weltsysteme, das Ptolemäische und das Kopernikanische" aus 1632 ist erst ab 1835 nicht mehr auf dieser Verbotsliste zu finden.

Zeitreisender Mitterhuber merkt weiter an, dass Lalande posthum auch selbst mit zwei Werken auf dem Index stand: Einerseits ab 1820 mit dem Reisebericht über den soeben geschilderten Rom-Aufenthalt "Voyage d’un François (sic!) en Italie" und ab 1830 mit "L’astronomie des dames".

Zu letzterem Band führt Spezialtüftlerin Schlesinger aus: Lalande veröffentlichte dieses Handbuch für interessierte Leserinnen erstmals 1785, "mit neuen Ausgaben . . . 1795 und 1806." Eine Auflage widmete er "seiner Lebensgefährtin" Elisabeth Louise Félicité du Pierry (geboren 1746). Er beschrieb sie darin "als intellektuelles Vorbild für Frauen". Du Pierry hatte "1779 nach der Begegnung mit Lalande" beschlossen, "sich der Astronomie zu widmen". Sie berechnete u.a. Eklipsen und die Mondbahn. Später wurde sie "Hochschullehrerin für Astronomie an der Sorbonne" in Paris. Lalande unterrichtete auch seine "uneheliche Tochter, Marie-Jeanne-Amélie (1768-1832) . . . in Mathematik". So konnte sie ihm bei den Forschungen helfen. Sie fuhr übrigens mit ihrem Vater zum Kongress nach Gotha.

Gerhard Toifl, Wien 17, fand heraus, dass Lalande bereits früher mit einer Mathematikerin zusammengearbeitet hatte. Anders als einige Wissenschafter würdigte er seine Kolleginnen: Bei der Berechnung von Störungen in Planetenbahnen durch große Kometen unterstützte ihn die Frau eines Freundes, "Nicole-Reine Lépaute (1723-1788)". Lalande dazu: "Sechs Monate lang rechneten wir von morgens bis nachts ... Die Hilfe Mme. Lépautes war so, dass ich ohne sie die enorme Arbeit überhaupt nicht hätte in Angriff nehmen können."

Napoleons Rache

Ein völlig anderes geistiges Werk Lalandes nennt Mag. Herbert Hörandner, Wien 13: 1799 erschien das von ihm mitverfasste "Wörterbuch für Atheisten". Es war eine Auflistung bekannter Gottesleugner seiner Zeit.

Dies wird Lalande zum Verhängnis, wie Spezialtüftler Dr. Litschauer notiert: In eine spätere Ausgabe nimmt er "den Konsul auf Lebenszeit Napoleon Bonaparte" auf. "Letzterer zürnt, da er sich nach Abschluss des Konkordats (Juli 1801) wieder der Kirche und der Religion annähert." 1805 wird Lalande von Napoleon unter Druck gesetzt und publizierte vermutlich nichts mehr.

Der Astronom starb am 4. April 1807 in Paris und ist dort am Friedhof Père-Lachaise begraben.

Der Buchpreis geht an Mag. Herbert Hörandner; herzliche Gratulation!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Barbara Ottawa