Es war die wichtigste Vorstadt von Wien - so der Tenor der Gemeine, die sich anlässlich der kleinen Nuss Nro. 405 auf historische Spurensuche in die alte Leopoldstadt und Umgebung, heute Wien 2, begab. Um das auf mehreren Inseln inmitten von Donauarmen liegende Gebiet von der (Innen-)Stadt aus zu beschreiten, existierte lange nur eine Möglichkeit. Wie Gerhard Toifl, Wien 17, notiert, wurde schon im Mittelalter eine Brücke beim Rotenturmtor erwähnt, "bis 1782 die einzige" feste Überquerung.

Es handelte sich um die hölzerne Schlagbrücke, so Herbert Beer, Wolfpassing. Der Name soll daher kommen, dass auf ihr "Ochsen und Rinder" geschlagen, d.h. geschlachtet, wurden. Dies regelten Mitte des 15. Jh.s die "Fleischhauerbriefe".

Manfred Bermann, Wien 13, erwähnt, dass der heute sogenannte Donaukanal "damals einer der (mindestens) drei Hauptarme" des Flusses war. Was Zeitreisende um 1700 auf der anderen Seite der Brücke erwartete, schildert Christine Sigmund, Wien 23: "Häuser waren höchstens einstöckig, aus Lehm und Holz . . . Einfache Schindeln bedeckten die . . . Dächer, die nicht immer dicht waren." Bei trockenem Wetter staubte es, "bei Regen lief der Schlamm über die Straße."

Dennoch ging es dort bunt zu, wie Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, anmerkt: "Gastwirte und Händler, ob Juden, Armenier, Orientalen oder Balkanbewohner: Sie alle siedelten in der Leopoldstadt. Egal, woher sie kamen: Leopoldstädter wurden sie alle". Gesprochen wurden auch "alle Dialekte des Habsburgerreichs. Und was noch wichtiger war: Man sang in all diesen Sprachen!"

"Auch die Geschichte des jüdischen Wiens" ist eng mit der Gegend verknüpft, so Dr. Karl Beck, Purkersdorf: 1624 wurden die "Juden aus der Stadt ausgewiesen . . . Ferdinand II. überließ ihnen ein Gebiet am Unteren Werd (beim heutigen Karmeliterplatz, Anm.). Wirtschaftlich war dies nicht uninteressant", lag es doch an einem "wichtigen Verkehrsweg": Die Kremser Straße (später Taborstraße) führte "nach Prag oder Brünn". Die florierende Ansiedlung wurde bald zerstört. "Ein Dekret Kaiser Leopolds I." 1670 vertrieb ihre Bewohner gewaltsam.

Als 1850 der Bezirk aus mehreren Vorstädten bzw. Orten entstand (Leopoldstadt, Jägerzeile, Prater, Brigittenau, Zwischenbrücken, Teile Asperns und Kaiserebersdorfs), erhielt er ausgerechnet Leopolds Namen.

Übrigens: Die Brigittenau und ein Teil Zwischenbrückens wurden erst 1900 zum 20. Bezirk.

Diplomatischer Zirkus

In der Leopoldstadt befand sich eine Reihe von Gaststätten, von denen Dr. Harald Jilke, Wien 2, das Haus "Zum goldenen Lamm" bei der Schlagbrücke nennt (heute Praterstr. 7). Dieses wird erstmals "in den Reisebeschreibungen des Mönchs Reginbald Möhner erwähnt." Im 17. Jh. stiegen demnach mehrfach türkische Gesandte dort ab.

Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, führt den traditionsreichen Einkehrgasthof "Schwarzer Adler" an, der einst an der heutigen Adresse Taborstraße 11/Gredler-straße stand. Dort wurden, so Georg Lechner (willkommen in der Gemeine!), auch "ausländische Diplomaten" einquartiert; diese "exotisch gekleideten Personen" zogen viele Blicke auf sich.

Wie man sich so ein Spektakel vorstellen kann, beschreibt Dr. Alfred Komaz, Wien 19: "Am 30. Jänner 1700 zog der türkische Großbotschafter Ibrahim Pascha in Wien ein". Er kam "mit 561 Mann, 450 Pferden, 180 Kamelen und 120 Maultieren".

"Land unter " hieß es in Wien früher oft.  - © Bild: Archiv
"Land unter " hieß es in Wien früher oft.  - © Bild: Archiv

"Für einen Menschen der Neuzeit" wirkt dies wie ein "operettenhafter Zirkus", meint Dr. Manfred Kremser, Wien 18 (der "in jungen Jahren einige Monate" in der Praterstraße wohnte). "Doch in der Tat war diese Ankunft ein Teil des osmanisch-habsburgischen Gesandtenzeremoniells."

Der "Schwarze Adler" war später auch "das eher unauffällige Absteigequartier" eines jungen Engländers, so Gesandter i. R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: Der "britische Diplomat Lord Horatio Walpole (1783-1858) unternimmt 1812 eine geheime Mission nach Wien (zwischen Österreich und Großbritannien bestehen damals wegen des österreichisch-französischen Bündnisses nur reduzierte diplomatische Beziehungen), um für eine allfällige Allianz gegen Napoleon zu sondieren".

Zurück ins 18. Säkulum: Ab 1720 waren im "Schwarzen Adler" blutige Spektakel zu sehen, notiert Volkmar Mitterhuber, Baden; im Hof des Hauses wurden Tierhatzen abgehalten, damals beliebt bei "allen sozialen Schichten".

Auf tierische Unterhaltung der humanen Art stieß Brigitte Schlesinger, Wien 12, die tief in die Bezirksgeschichte eintauchte: 1817 bewarb ein Bauchredner, Herr Alexander, wohnhaft im "Goldenen Pfau" (nun Taborstr. 10), per Zeitungsinserat sein Programm: "Nachahmung verschiedener Menschen- und Thier-stimmen, von Kindergeschrei und Geräusch von Handwerkern . . . Besonders täuschend ahmt er das Gespräch mit einem Schornsteinfeger nach, der immer schwächer spricht, je höher er steigt".

Verheerende Fluten

Nicht immer ging es auf den Inseln jenseits der Brücke lustig zu. "Das gesamte 18. Jh." über, informiert Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, traten schlimme Überflutungen auf, v.a. "zwischen 1768 und 1789". Auch nach der Jahrhundertwende kämpfte man mit Wassermassen. "Ganz arg war es Ende Februar 1830", ergänzt Michael Chalupnik, Sieghartskirchen. "Da hatte Treibeis auf der Höhe von Stadlau einen Eisstoß gebildet. Das kalte Donauwasser staute sich rasch auf und ergoss sich binnen Minuten in die Leopoldstadt." Es kamen "74 Menschen ums Leben".

Maria Thiel, Breitenfurt, dazu: Die Katastrophe verarbeitete Franz Grillparzer "in seiner Novelle "Der arme Spielmann"", erschienen im Jahr 1848.

Dr. Gerhard Jungmayer, Wien 22, fand in seiner Bibliothek eine Ausgabe aus dem frühen 20. Jh., publiziert durch den Wiener Verlag Gerlach und Wiedling, und schickte den Zeitreisen Kostproben daraus (so auch die unten links wiedergegebene Illustration). In einer Passage heißt es über die Tage nach dem Unglück: "Der Anblick der Leopoldstadt war grauenhaft. In den Straßen zerbrochene Schiffe und Gerätschaften, in den Erdgeschossen zum Teil noch . .. schwimmende Habe", in einem "Torwege eine Reihe von Leichen"; auch "im Innern der Gemächer waren noch hie und da, aufrecht stehend und an die Gitterfenster angekrallt, verunglückte Bewohner zu sehen".

"Der arme Spielmann", Buchillustration aus frühem 20. Jh. - © Bild: Archiv Dr. G. Jungmayer (danke!)
"Der arme Spielmann", Buchillustration aus frühem 20. Jh. - © Bild: Archiv Dr. G. Jungmayer (danke!)

"Die Donau war ja noch nicht reguliert", so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, zur damaligen Situation; "die Häuser in der Leopoldstadt standen bzw. stehen heute noch teilweise auf Schwemmsand. Durch die Mühlfeldgasse (nordwestlich des Prater-sterns, Anm.) z.B. fuhr eine Straßenbahn", die wegen des unsicheren Untergrundes eine "Geschwindigkeitsbeschränkung von 15km/h einhalten" musste.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner