Zuallererst eine persönliche Anmerkung: Der Zeitreisenschreiber ist fest davon überzeugt, der Platz schlechthin für wache Geister befinde sich zwischen allen Sesseln. Komfort gibt es dort keinen, doch Suchende haben ganz andere Ziele. Bequeme Erdlinge aber sitzen einem groben Irrtum auf, wenn sie herb von Querköpfen sprechen (und Querdenker meinen). Denn wo stünde die seit einigen Jahrtausenden wacklig aufgestellte Familie Menschheit erst ohne kritische Angehörige?

Venedigs Doge am Fernrohr, präsentiert 1609 von Galilei (r.). - Leiste (v. ob.): Sternsucher Hell, der das Instrument am Polarkreis nutzte; Astronom Fixlmillner; Wiens Kirchenfürst Migazzi.  - © Bilder (gemeinfrei): Bilz Gr. Ill. Hausbibliothek, Bde. Himmelskunde und Physik, Leipzig o. J. (= vor 1900)/K. Reinöhl, "Wien anno 1786", Wien 1947; Archiv; Gemälde (Teil), 17. Jh.
Venedigs Doge am Fernrohr, präsentiert 1609 von Galilei (r.). - Leiste (v. ob.): Sternsucher Hell, der das Instrument am Polarkreis nutzte; Astronom Fixlmillner; Wiens Kirchenfürst Migazzi.  - © Bilder (gemeinfrei): Bilz Gr. Ill. Hausbibliothek, Bde. Himmelskunde und Physik, Leipzig o. J. (= vor 1900)/K. Reinöhl, "Wien anno 1786", Wien 1947; Archiv; Gemälde (Teil), 17. Jh.

Damit zu einem Forscher der Frühneuzeit, der es sich nicht leicht machte und der es nicht leicht hatte - wie etliche in seinem Fach Himmelskunde. Verfolgung wie dem Astronomen Galilei blieb dem Protagonisten dieser Zeitreisengeschichte erspart, jedoch scheuten Feinde nicht vor Rufmord zurück und bereiteten ihm schwere Stunden. Eine dieser Attacken ist in Ausgaben der "Wiener Zeitung" des Jahrgangs 1786 dokumentiert.

Es gibt übrigens besonderen Anlass, auf Freud und Leid von Sternensucher Maximilian Hell zu schauen: Heuer jährte sich sein 300. Geburtstag. Unser Blatt brachte schon vor Monaten eine Schilderung seines Lebens. Hier Stichwortartiges:

Geboren am 15. Mai 1720 in der Stadt Schemnitz im Habsburgerreich (nun in der Slowakei). Im Gymnasium bei den Jesuiten, später Eintritt in deren Orden.

Zum Studium (Theologie/Philosophie) nach Wien, Weihe zum Priester. Großes Interesse an Astronomie.

Mitte der 1750er-Jahre Direktor der Wiener Universitätssternwarte; Publikation eigener Jahrbücher. Enger Kontakt mit Kremsmünsters Abt und Astronomen Placidus Fixlmillner.

1769 Forschungshöhepunkt: Venusdurchgang vor der Sonne auf der Eismeerinsel Vardø beobachtet (und ebenso das Nordlicht).

1773: Jesuitenorden verboten. Hell wird quasi heimatlos, ist nun in Staat wie Kirche leichter angreifbar.

Für die Sternwarte trotz Querelen und Krankheit voll im Einsatz bis zum Tod (14. April 1792); man gab dem k.k. Beamten keine Pension.

Sonnenfinsternis auf dem Mond stellte man sich vor der Raumfahrt-Ära wie auf Bild links vor. - Rechts: Alte Wiener Universität mit Hells Sternwarte.  - © Archiv/gemeinfrei
Sonnenfinsternis auf dem Mond stellte man sich vor der Raumfahrt-Ära wie auf Bild links vor. - Rechts: Alte Wiener Universität mit Hells Sternwarte.  - © Archiv/gemeinfrei

Bitternis bereiteten ihm auch Anwürfe der "Wiener Kirchenzeitung", die diese 1786 zusätzlich in der "Wiener Zeitung" per Annonce schaltete. Der Angegriffene musste sich daher mit Gegeninseraten wehren.

Formale Grundlage dafür: Joseph II. gewährte relativ große Pressefreiheit für alle Periodica - mit Ausnahme des redaktionellen Teils der "WZ", der staatlicher Order unterlag (vor allem in puncto Inlandsberichte). Bei bezahlten Anzeigen stand unser Blatt dafür besser da als andere: Da besaß es Exklusivrechte. Das bedeutete aber ebenso die Pflicht, Entgeltliches abzudrucken.

Auf diese Weise erhielt die Wiens Erzbischof Kardinal Christoph Anton Graf Migazzi (im Amt 1757- 1803) unterstehende Kirchenzeitung die Möglichkeit, ihre scharfe Polemik gegen Maximilian Hell breiter unter die Leute zu bringen. Die angesehene "Wiener Zeitung" war ja damals bereits vielgelesen - inklusive Anhang mit bezahlten Ankündigungen.

Der gute P. (= Pater) Hell, der k.k. Hofastronom, aber kam in Bezug auf irdische Dinge in eine wenig beneidenswerte Lage. Er saß, siehe Einleitung, zwischen allen Sesseln.

Im Banne des Nordlichts. - © Archiv/gemeinfrei
Im Banne des Nordlichts. - © Archiv/gemeinfrei

Der Forscher hatte sich mit Herz und Hirn seinen Sternen gewidmet, ohne auf die von allerlei Neidern und Wühlern bewohnte Erde zu achten. Das ging halbwegs, solange er unterm Schirm des Jesuitenordens stand.

Doch mit dem Verbot der Gesellschaft Jesu verlor er das Vertrauen seiner Förderin Maria Theresia und dazu das seiner Kirche, die ihn vermutlich ab dieser Zeit zu den Freimaurern zählte.

Man rückte ihn sogar in die Nähe von Verschwörern, weil er Freunde aus der Ordenszeit hatte. So schaltete die Kirchenzeitung im "Wiener Zeitung"-Anhang am 30. Sept. 1786 die Nachricht an das Publikum, wonach die kirchlichen Herausgeber (...) für die Wahrheit ihres Berichts über oesterreichischen Exjesuitismus (...) Bürgen für sich haben. Und: aufs blosse Läugnen des Astronomen gebe man nichts.

Im Gegeninserat erklärte Hell am 4. Okt. 1786 im "WZ"-Anhang die Vorwürfe als in allen Stücken (...) für falsch, erdichtet, und verläumderisch. Notfalls werde er die Verfasser (...) bey der Behörde (...) belangen. Im Übrigen überlasse er alles dem unpartheyischen Urtheil des Publikums.

Schon nach dem Vardø-Erfolg von 1769 war Hell diffamiert worden. Ironie dabei: In diesem Fall von einem Kirchenfeind, dem Forscher J. J. Lalande (vgl. vorige Zeitreisen, S. VI). Wohl um die Jesuiten zu diskreditieren, bezichtigte der Franzose seinen k.k. Kollegen zu Unrecht der Manipulation.

Maximilian Hell musste mit derlei Unbill leben. Erst Generationen nach ihm erfolgte seine Rehabilitierung. Zuerst 1883, als die Forschung Lalande widerlegte. Dann 2020, als im Mai "Der Sonntag" (wie die Wiener Kirchenzeitung jetzt heißt) den einst Verfemten zum 300. Geburtstag groß würdigte und in den Kreis der bedeutendsten Astronomen des 18. Jahrhunderts stellte.

Kopfnuss zum Hauptbild: Richtete der Doge das Fernrohr auf die Sterne? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)