Das Wasserschloss Kottingbrunn (im Hintergrund) war Sitz des Ehepaars von Bohr. Der Adlige wurde auf diesem Bild mit einem operierten und einem kranken Auge von einem Zeitungszeichner 1927 auf Papier gebannt.  - © Bild: "Ill. Kronen Zeitung", Dez. 1927. Repro & "WZ"-Kol.: Philipp Aufner
Das Wasserschloss Kottingbrunn (im Hintergrund) war Sitz des Ehepaars von Bohr. Der Adlige wurde auf diesem Bild mit einem operierten und einem kranken Auge von einem Zeitungszeichner 1927 auf Papier gebannt.  - © Bild: "Ill. Kronen Zeitung", Dez. 1927. Repro & "WZ"-Kol.: Philipp Aufner

Lange wollte es niemand wahrhaben, dass der betagte Finanzier und Industrielle ein Geldfälscher war. Die Beweisführung und weitere Hintergründe zu diesem spektakulären Kriminalfall beleuchtete die Gemeine anlässlich der Frage 1 der Nro. 410.

Den Namen des Gesuchten nennt Manfred Bermann, Wien 13: "Peter Ritter von Bohr" (um 1773- 1847, alternativ auch Boor und Bor). Er wurde, wie Herbert Beer, Wolfpassing, ausführt, mit über 70 Jahren am "23. März 1846" gemeinsam mit seiner Frau Mathilde "zum Tod durch den Strang verurteilt."

Der, wie Harry Lang, Wien 12, herausfand, im luxemburgischen Bredimus in den Österreichischen Niederlanden Geborene zeigte schon früh zeichnerisches Talent. Er begann "seine erste künstlerische Ausbildung . . . als 14-Jähriger." Bereits damals zeigte seine Arbeit "Akribie und Detailliebe". Maria Thiel, Breitenfurt, führt weiter aus, dass Bohr drei Jahre später, also in der Revolutionszeit, in Paris eine "Kunstakademie besuchte". Dann trat er in das "Künstlerkorps" der Armee ein, verließ aber 1795 das Militär.

Die Donau entlang

Er kam nach Linz, wo ihn, so Dr. Karl Beck, Purkersdorf, "Feldzeugmeister (Johann Peter, Anm.) Beaulieu" in seinen Dienst stellte. Der junge Mann heiratete wenig später "Clara Poestion, die Tochter eines Zeichenlehrers."

Wie der frisch Vermählte seinen Unterhalt bestritt, recherchierte Dr. Alfred Komaz, Wien 19, der den Fall Bohr zu seinen "Lieblingsgeschichten" zählt: Seine "erstklassige Porträtmalerei sicherte ihm ein Einkommen und erweiterte seinen (adeligen) Bekanntenkreis". Darüber hinaus betrieb seine Frau ein florierendes Modegeschäft. Weiters hatte Bohr "in den Kriegsjahren 1805 und 1809 von den siegreichen französischen Kommandeuren" Ausrüstung "um einen Bruchteils des Wertes erworben" und mit Gewinn verkauft.

Am Grünen Berg , heute Wien 12, im später so genannten Banknotenhäusl (l., 1906 demoliert) wurden Bohr (r.) und seine Frau 1845 verhaftet.  - © Bilder: Ansicht um 1900 (l.); "Das Kl. Blatt" 1927
Am Grünen Berg , heute Wien 12, im später so genannten Banknotenhäusl (l., 1906 demoliert) wurden Bohr (r.) und seine Frau 1845 verhaftet.  - © Bilder: Ansicht um 1900 (l.); "Das Kl. Blatt" 1927

Wieso Bohr um 1814 seine Besitzungen in Linz verkaufte, um nach Wien zu ziehen, ist nicht klar. In der Donaumetropole lebten Peter und Clara Bohr mit ihren Kindern zunächst "relativ bescheiden", wie Geschichtsdetektiv Dr. Komaz ausführt. Sie wohnten "in Erlaa und dann in Mauer vor den Toren Wiens". Erst nach dem Tod seiner Frau erwarb Bohr 1819 "Schloss und Herrschaft Kottingbrunn (bei Vöslau, Anm.) und ein Palais in der vornehmen Jägerzeile (Nr. 520, heute Praterstraße 13, Anm.) um zusammen rund 220.000 Gulden". Noch immer steht in Kottingbrunn das Gebäude der 1820 von Bohr gegründeten "erfolgreichen Bleiröhren- und Plattenfabrik". Diese hatte der mittlerweile Industrielle "auf den Namen seines Sohnes Karl eintragen" lassen.

Zu Bohrs jetzt gelebtem Reichtum stellte Rudolph Köpp von Felsenthal (1807- 1861), der für den Fall Bohr zuständige Polizeibeamte, in seinen Memoiren fest: "Es erscheint fast, als wenn er (Bohr, Anm.) dieser (Clara, Anm.) gegenüber für minder reich hätte gelten wollen". So zitierte ihn die "Wiener Illustrierte Zeitung" in einer 1919/20 erschienenen Serie.

Mit Hündchen ist hier das Ehepaar Bohr beim Spaziergang dargestellt. - © Bild (gemeinfrei): "Das Kl. Blatt" 1927
Mit Hündchen ist hier das Ehepaar Bohr beim Spaziergang dargestellt. - © Bild (gemeinfrei): "Das Kl. Blatt" 1927

Der nun "wohlhabende Mann" wollte, wie Brigitte Schlesinger, Wien 12, notiert, "als hoffähig" angesehen werden. Sein Antrag auf Aufnahme in das "Collegium des österreichischen Ritterstandes" wurde zunächst abgewiesen. Erst als Bohr 1819 neue Urkunden vorlegte, erkannte Kaiser Franz I. sein Adelsprädikat an. Dann durfte Bohr "offiziell den Titel Ritter von" tragen. Christine Sigmund, Wien 23, betont, dass es später Zweifel an der Echtheit der Dokumente gab.

Als frischgebackener Adliger ehelichte er 1821, so die zuvor zitierte Geschichtsfreundin Thiel, die aus Kärnten stammende "27-jährige Gräfin Mathilde von Christallnik". Sie soll "eine der schönsten und vornehmsten Damen des Reiches" gewesen sein.

Obertüftlerin Schlesinger fand heraus, dass die kostspielige Hochzeit "im Leopoldstädter Theater mit 700 Gästen . . . gefeiert" wurde.

Bohr garantierte seiner Frau jährlich 600 Gulden "Nadelgeld" für persönliche Ausgaben. Außerdem schloss er für sie ein Witwengehalt von 2.000 Gulden jährlich ab. Über Mathilde ist wenig bekannt, nicht einmal ihr Sterbejahr ist belegt.

Schiffe, Banken & Holz

Bohr war, wie es Gerhard Toifl, Wien 17, formuliert, "ein geschickter, neuen Ideen aufgeschlossener Geschäftsmann mit ausgezeichneten gesellschaftlichen Kontakten". Unter anderem wirkte er "bei der Gründung des Polytechnischen Institutes Wien" (heute TU) mit. Er zählte auch zu den "53 Investoren, die 1819 das Stammkapital der Ersten Österreichischen Spar-Casse . . . von 10.000 Gulden" aufbrachten.

Außerdem wollte er, so Volkmar Mitterhuber, Baden, die Donau nutzbarer machen. Er gründete mit anderen 1823 eine erste Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft. Bohr fuhr auf dem Wasserweg wiederholt "von Wien nach Pest" und belegte damit die Schiffbarkeit dieses Flussabschnittes für Maschinenschiffe. Das Unternehmen hielt sich nicht lange. 1829 wurde die DDSG wiederbegründet.

Bohr wollte für verschiedenste Probleme Lösungen finden. Dazu schon erwähnter Zeitreisender Dr. Komaz: Eine Holzzerkleinerungsanstalt sollte "das unbequeme und zum Teil sogar gefährliche Zerhacken des Brennholzes . . . durch Maschineneinsatz erleichtern." Holzhändler hatten allerdings "an solcher Konkurrenz kein Interesse."

Sein Unternehmertum brachte ihm Ansehen bei Hofe. Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, hält fest, dass Bohr mit Fürst Metternich bekannt war sowie auch mit Kaiser Franz I. Dieser besuchte ihn oft auf Schloss Kottingbrunn. Er war es auch, so Dr. Harald Jilke, Wien 2, weiter, der Bohr mit der "Verwaltung der Güter des Franz Seraphicus Fürst von Orsini-Rosenberg in Kärnten" beauftragte, welchem der Bankrott drohte. Bohr übernahm sich allerdings mit dieser Aufgabe. Er musste "1839 ebenfalls Konkurs anmelden". Das von ihm dabei angegebene Barvermögen: Sieben Gulden.

Noch wenige Jahre zuvor war er vom Hof gefeiert worden, weil er, wie oben zitierter Tüftler Dr. Komaz schreibt, gemeinsam mit "dem begabten Holzschneider und Kupferstecher Prof. Blasius Höfel" das "Prachtwerk "Österreich’s Ehrenspiegel" (48 Bildnisse der berühmtesten Männer Österreichs . . .)" herausgegeben hatte. Dafür entwickelte Bohr "eine - natürlich auch für . . . Banknotenfälschung brauchbare - Guillochier- und Rastriermaschine", d.h. ein Gerät, mit dem (farbige) Muster geprägt werden konnten. Allerdings verschlechterte sich Bohrs Sehvermögen in dieser Zeit. 1834 wurde "sein rechtes Auge" vom bekannten Spezialisten "Prof. Rosas . . . operiert".

Finanziell blieben die Aussichten für die Bohrs düster. Sie mussten, so Rudolf Freiler, Kirchschlag/ NÖ (danke für Bildertipps!), "in eine kleine Wohnung in der Donaustraße übersiedeln". Im Sommer mieteten sie ein "Häuschen am Grünen Berg Nr. 35 (heute Tivoligasse 70)." Hier hatte der Fälscher eine Werkstatt - "sicher nicht seine erste".

Das i-Tüpfelchen

Erst bei einer der regelmäßigen Überprüfungen von Bargeld kam man auf die Spur des Fälschers. Dazu Ing. Helmut Penz, Hohenau/ March: Das Auftauchen von "hochqualitativen Falsifikaten" von 10- und 100-Gulden-Noten Ende August 1845 ließ "bei der "Privilegirten Oesterreichischen Nationalbank" die Alarmglocken schrillen". Zunächst wurden die unechten Scheine gegen echte Banknoten eingewechselt, um "die Existenz der "gefährlichen Verfälschungen" geheim zu halten". Auch 500-Gulden-Scheine wurden einbehalten. Die Schadenshöhe für die Bank soll sich "auf rund 28.000 Gulden" belaufen haben. Eine der Auffälligkeiten auf den gefälschten Noten: Ein fehlender i-Punkt.

Bereits 1841 hatte Polizeikommissär Felsenthal gegen Bohr Verdacht wegen Geldfälschung gehegt, fand aber keine Beweise. Vier Jahre später führte eine mit Blüten gekaufte Uhr wieder auf die Spur des Täters. Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, notieren: "Am 8. Oktober 1845 führte man bei Bohr (am Grünen Berg, Anm.) eine Hausdurchsuchung durch und fand . . . Material . . . zur Herstellung von Falschgeld."

Allerdings wurde, so zitiert Dr. Peter Schilling, Wien 18, den Ermittler Felsenthal, "weder bei Frau von Bohr noch in der Barschaft des Bohr ein einziges Falsifikat gefunden"; sondern nur im "Sparkassenbuch des Stubenmädchens", das - wie alle Bediensteten und Kinder des Paares - von nichts wusste. "Wegen "Staatsbetrugs" verhaftet, gestanden beide schließlich".

Begnadeter begnadigt

Die 1846 verhängten Todesurteile wurden, wie Johann Tischer, Muckendorf/Donau, betont, "in eine Kerkerstrafe umgewandelt" und durch "einen Gnadenakt des Kaisers Ferdinand I. wurde Mathilde Bohr am 2. November 1847 . . . entlassen." Die Nationalbank gewährte ihr sogar ihr Witwengehalt, mit dem sie sich aufs Land zurückzog. Ihr und ihrem Mann war der Adelstitel aberkannt worden.

Peter Bohr starb, so Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, "im Zuchthaus . . . Leopoldstadt", am 15. Oktober 1847. Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, ergänzt, dass Bohr in Kottingbrunn in der Familiengruft begraben ist. Diese hatte er im Konkurs 1839 nicht verloren.

Der skandalöse Kriminalfall fasziniert bis heute. DI Fritz Lange, Wien 19, hat bei Recherchen Nachfahren Bohrs "persönlich kennengelernt" - Details folgen!

P.S. Tüfteleien zu Frage 2 der Nro. 410 rund um Wiener Gaswerke, u.a. von Liane Bosch, Wien 8, und Mathilde Lewandowski, Payerbach, sind für November reserviert!

Zusammenstellung dieser Seite: Barbara Ottawa