Es war einmal ein ödes Niemandsland, baumlos, schattenlos, schmutzig. Nachts schlecht beleuchtet, stand es in Verruf, Hort des Verbrechens zu sein. Wer konnte, mied den Unort, wer ihn passieren musste, tat dies eilig und oft mit Verdruss.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts geriet der Paradeplatz, zwischen Stadt und Josefstadt gelegen, immer wieder in die Kritik. Inmitten der ringsum emporwachsenden Prunkbauten entlang der neu angelegten Ringstraße störte der Schandfleck umso mehr. Bebauungspläne scheiterten ein ums andere Mal am Widerstand des Militärs, das seine zentral gelegene Exerzierstätte nicht aufgeben wollte. Dass Anrainern in ihren Wohnungen mitunter verirrte Kugeln aus Ehrensalven um die Ohren flogen, ließ die Verantwortlichen kalt.

Im "Kommunalloch"

"Mich hat durch mehr als fünfundzwanzig Jahre das Los getroffen, fast täglich viermal diese Partie (...) durchwandeln zu müssen", schrieb Cajetan Felder in seinen Lebenserinnerungen, "in Sonnenbrand und Nachtnebel, in Sturm und Unwetter, in Regen und Schneegestöber, in Staubwolken oder in einem Kotmeer." Der Verfasser dieser Zeilen war ein Bewohner der Josefstadt und 1868 bis 1878 Wiens Bürgermeister (er gehörte der liberalen Partei an, einer politischen Fraktion, die in der Gegenwart keine Entsprechung hat). Seinem geschickten Agieren als Stadtoberhaupt war es schließlich zu verdanken, dass aus dieser Einöde die, wie er selbst es formulierte, "prunkvollste Zierde" der Stadt entstehen sollte: der Rathausplatz.

Cajetan Felder (1814-1894, Bürgermeister 1868-1878) amtierte nie im Neubau, dessen Standort er durchgesetzt hatte. - © Bild: Archiv/Schmuckfarbe "WZ"/Irma Tulek
Cajetan Felder (1814-1894, Bürgermeister 1868-1878) amtierte nie im Neubau, dessen Standort er durchgesetzt hatte. - © Bild: Archiv/Schmuckfarbe "WZ"/Irma Tulek

Dass der neue Bau für die Gemeindeverwaltung am Josefstädter Glacis errichtet werden würde, war keineswegs klar. Nach jahrelangem Hin und Her fixierte man schließlich einen Grund am Ring gegenüber dem Stadtpark - im Volksmund wurde diese Baulücke despektierlich "Kommunalloch" genannt.

Sozusagen in letzter Sekunde - Architekt Friedrich Schmidt war bereits zum Sieger des Wettbewerbs gekürt, sein Projekt im Gemeinderat beschlossen - gelang es Felder, ein doppelt so großes Areal, nämlich auf dem Exerzierplatz, für den Rathausbau zu ergattern. Dass Kaiser Franz Joseph dort vor nicht allzu langer Zeit höchstselbst miterleben hatte müssen, wie eine Ehrenparade im Schlamm versank, dürfte dem Ansinnen des Bürgermeisters zuträglich gewesen sein.

Demolierung drohte

Am 25. Mai 1872 erfolgte der Spatenstich, die Schlusssteinlegung am 12. September 1883. Es kam eine Phase, in der die Stadt zwei Rathäuser besaß und auch benutzte: das alte in der Wipplingerstraße und das neue. Während die Behörden schon ihre neuen Räumlichkeiten bezogen hatten, fanden die Gemeinderatssitzungen noch in den alten statt.

Mitunter kam es dadurch zu Verwirrung: Ein im Dezember 1884 in einem Wiener Blatt erschienenes Feuilleton handelt von einem Herrn, der entnervt seinen Versuch schildert, einen Magistratsrat zu erreichen: "Der Rath Y? Ja, der is schon im neuen Rathhaus, im vierten Stock. Ah! das g’freut mich. Dank’ schön. Na also, neues Rathhaus, vierter Stock, bin schon draußen. Der Herr Rath Y? Ja, der is jetzt in der Stadt, im alten Rathhaus, wissen S’, heut’ is Magistratssitzung und die is im alten Rathhaus." Etc.

Die letzte Gemeinderatssitzung im alten Domizil wurde am Nachmittag des 20. Juni 1885 eröffnet. Der damalige Bürgermeister Eduard Uhl hielt eine Ansprache über das traditionsreiche Haus. Man verließ es nun nach Jahrhunderten, in denen es der Stadtverwaltung gedient hatte.

Ob das altehrwürdige Gebäude erhalten bleiben würde, war damals offen. Laut dem "Neuen Wiener Tagblatt" würden "finanzielle Erwägungen gebieten, daß das alte Haus falle und auf dessen Area sich moderne Bauten erheben" - eine Prophezeiung, die nicht eintreten sollte. Heute beherbergen die historischen Gemäuer u.a. Amtsräume, ein Bezirksmuseum und das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes.

Abort bis Zentralheizung

Dem Neubau am Ring widmeten heimische Blätter einst zahlreiche Huldigungen; ein "WZ"-Artikel würdigte eine Heerschar von Firmen und Handwerksunternehmen sowie deren Beiträge - vom "Rathausmann" auf der Turmspitze (modelliert von Bildhauer Franz Gastell, gefertigt von Kunstschlosser Ludwig Wilhelm) bis hin zu den gusseisernen Abortschläuchen der fürstlich Salm’schen Eisengießerei in Blansko, Mähren.

Auch die Zentralheizung fand Erwähnung; sie sollte allerdings schon im Winter 1885 zum Gespött werden: Die Magistratsbeamten froren erbärmlich im neuen Haus und die Satirezeitung "Kikeriki" ätzte: "Die Kälte, ach, die Kälte ist / Fürwahr ein schlimm’ Gefühl, / Drum denkt schnell, was das Rathhaus kost’t / - Und Euch wird sicher schwül."

Wohnungsnot war eines der größten Übel in Alt-Wien. Hier: Delogierte Familie in den 1890ern.  - © Bild (gemeinfrei): "Glühlichter", 1895
Wohnungsnot war eines der größten Übel in Alt-Wien. Hier: Delogierte Familie in den 1890ern.  - © Bild (gemeinfrei): "Glühlichter", 1895

Die Kosten, 14 Millionen Gulden, standen immer wieder in der Kritik. Angesichts damals herrschender Wohnungsnot schrieb die "Morgen-Post": Der "arme Mann, der mit Weib und Kind in einem engen Kämmerlein sein Obdach suchen muß", könne eine solche Investition "schwer begreifen". Zumal die große Mehrheit der Wiener Bevölkerung keinerlei Einfluss darauf hatte, wer im Rathaus an der Macht war. Den Gemeinderat wählte lediglich eine kleine Elite (nur Männer).

Übrigens: Zur Feier anlässlich der Rathauseröffnung war der verdienstvolle Altbürgermeister Cajetan Felder - ihm verdankte die Stadt u.a. auch die Erste Hochquellenleitung - nicht geladen, bei den Festreden erwähnte ihn niemand. An der Pracht des Rathauses erfreute sich der alte Mann dennoch fast täglich bei seinen Ausfahrten. Ins Innere wollte er aber keinen Fuß mehr setzen.

Mit Blick auf die Wien-Wahl am 11. Okt. begab sich auf Spurensuche rund ums Rathaus: Andrea Reisner