Mitte Mai begann im östlichen Marchfeld ein Spargelgewächs seinen Blütenstand zu treiben. Das wäre nun nicht wirklich ein besonders bemerkenswertes Ereignis, würde es sich nicht um einen mehrere tausend Blüten tragenden 8m hohen Blütenstand einer Amerikanischen Agave (Agave americana L.) handeln und hätte dieses Ereignis nicht genau 300 Jahre nach der ersten in Österreich dokumentierten Blüte einer solchen Pflanze stattgefunden - noch dazu damals wie heute in einem Garten des Prinzen Eugen.

Denn bereits 1720 hatte ein derartiges Ereignis das "Wienerische Diarium", wie die "WZ" damals hieß, zu Breaking News veranlasst. Am 20. Juli 1720 wird über die raren ausländischen Gewächse im Garten des Feldherrn am Rennweg, dem heutigen Belvedere, berichtet (s. Faksimile unten): Es wurden dieser Zeit dero nicht ohne sonderbares Vergnügen Ihrer Hochfürstl. Durchleucht (...) viele derselben in Flor gesehen (...) Und hatte mit grosser Verwunderung den 6. dieses (Monats, Anm.) die Aloe Americana major (...) in schönster Flor und Vollkommenheit (als sie dieser Landen zuvor noch niemalen gesehen worden) (...) zu floriren angefangen.

Wie ein riesiger Spargel

Die Blüte einer Agave in den gemäßigten Breiten Europas war damals wie heute ein spektakuläres Ereignis, denn die Pflanzen blühen erst am Ende ihres mehrere Jahrzehnte umfassenden Lebens und entwickeln einen prächtigen Blütenstand, der zu den größten im Pflanzenreich gehört. So beauftragte Prinz Eugen auch umgehend seinen Kammermaler Ignaz Heinitz von Heinzen-thal und den Kupferstecher Johann Adam Delsenbach mit der Anfertigung eines eigenen Kupferstiches der blühenden Agave, um das Ereignis gebührend zu feiern. Auch noch drei Jahre danach, nach Fertigstellung des Oberen Belvederes ließ sie der Schlossherr 1723 auf einem der beiden großen Kaminbilder im Marmorsaal verewigen.

Die Amerikanische Agave ist wohl die bekannteste der über 200 Arten der von den südlichen USA bis ins nördliche Südamerika verbreiteten Gattung Agave L. (L. steht für Botaniker Linné - dazu später, Anm.) Sie gehört zur Familie der Spargelgewächse und ist damit durchaus mit dem (Marchfelder) Spargel näher verwandt - was in einem frühen Stadium des Blütenstandes auch offensichtlich ist.

"Diarium"-Bericht (20. Juli 1720) über eine Agavenblüte. - © WZ-Faksimile: M. Szalapek
"Diarium"-Bericht (20. Juli 1720) über eine Agavenblüte. - © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Agave americana L. bildet Rosetten aus bis zu 2m langen fleischigen, bestachelten Blättern, und kann so bei einem Durchmesser von bis zu 4m eine Höhe von über 2m erreichen. Sie wird am Naturstandort zwischen 10 und 30 Jahre alt, in (Topf-)Kultur der Legende nach sogar bis zu 100 Jahre.

Unter Aufwendung aller gespeicherten Reservestoffe bildet sie dann einen 5 bis 9m hohen Blütenstand, dessen Äste mehrere tausend (bis über 14.200 wurden gezählt!) bis 12cm lange, gelbe Blüten tragen können. Jede einzelne blüht nur wenige Tage. Die Knospen öffnen sich nacheinander von unten bis zur Spitze, wodurch sich die gesamte Blütezeit über mehrere Wochen erstreckt.

Heilige Getränke

Die für die Blüte gespeicherten Reservestoffe von Agave americana L. wurden seit jeher von der indigenen Bevölkerung genutzt, indem zu Beginn der Ausbildung des Blütenstandes dieser und die innersten Blätter entfernt wurden, und der sich bildende Zuckersaft (span. aguamiel, heute als Agavendicksaft oder -sirup im Handel) gesammelt wurde. Der vergorene Saft der Pflanze wurde bereits von den altamerikanischen Kulturen Mittelamerikas als Zeremonialgetränk genossen, als pulque wurde er schließlich zu Mexikos Nationalgetränk. Spätestens von den spanischen Konquistadoren wurde aus dem Herz der vor der Blüte stehenden Pflanze auch ein hochprozentiges Getränk, der Mezcal, gewonnen.

Bereits bald nach der Ankunft der Europäer in Amerika wurden Agaven in die alte Welt gebracht und hier als Raritäten kultiviert. Die frühesten botanischen Beschreibungen stammen aus dem dritten Viertel des 16. Jh.s. Die amerikanische Agave wurde von zeitgenössischen Botanikern wie Joachim Camerarius und Carolus Clusius als Art der bereits bekannten afrikanischen Aloen angesehen und als Aloe americana bezeichnet. Erst der Schwede Carl von Linné schuf 1753 die Gattung Agave.

Die erste bekannte Blüte einer Agave in Europa ist 1583 im botanischen Garten von Pisa belegt. Von da an wurden die aufgrund ihrer eindrucksvollen Größe gefeierten Blüten der in den Orangerien der Renaissance- und Barockgärten kultivierten Agaven in Gemälden, Kupferstichen und sogar Medaillenprägungen festgehalten und von Zeitungen, wie eben auch dem "Diarium", gemeldet. In einigen Gärten wurden sogar eigene verglaste hölzerne Schaugewächshäuser, sogenannte Aloe-Türme, errichtet, auf denen die herbeigeeilten Besucherinnen und Besucher über Treppen oder Rampen zur Spitze des Blütenstandes gelangen konnten.

Fleißiger Gärtner

Auch Prinz Eugen verfügte über eine umfangreiche Sammlung an afrikanischen und amerikanischen Aloen. Und so war es auch eine seiner Pflanzen, die im mutmaßlichen Alter von 34 Jahren als erste in den österreichischen Erblanden zur Blüte gelangen sollte.

Wie bei derartigen Blüh-ereignissen europaweit üblich, wurde die Pflanze genau vermessen und die 32 Blütenstandsäste und ihre 6.262 Einzelblüten gezählt. Auch der Gärtner, dessen fleissige Cultur die Pflanze zur Blüte gebracht hatte, wurde gewürdigt.

Drei Jahre später konnte der Nachbar und große Konkurrent des Prinzen in Gartenfragen, Adam Franz Fürst von Schwarzenberg, ebenfalls eine Agavenblüte feiern. Erst 1760 kam es in Österreich wieder dazu, nun im Garten von Schönbrunn.

So war die heilige Pflanze der mittelamerikanischen Hochkulturen im 18. Jh. zum unverzichtbaren Bestandteil jeder Orangerie geworden - auch in Schloss Hof. Wie im Belvedere wurden Agaven in zahlreichen Exemplaren kultiviert. Zwar verfügen wir aus der Zeit Eugens über kein Inventar, aber in jenem von 1745 sind im Bestand des nachmaligen Besitzers, des Prinzen von Sachsen-Hildburghausen, "4 Stück Aloe Americano" genannt, die wohl aus der Zeit des Savoyers stammten.

Ein Prachtstück

Auch zehn Jahre später, als Maria Theresia den Besitz für ihren Gemahl Franz I. gekauft hatte, fanden sich unter den damals vorhandenen "Ein hundert und sechzehn Stk. Aloe von verschiedenen Sorten" wohl einige amerikanische Agaven. Da die Orangeriehaltung in Schloss Hof einige Jahre darauf aufgegeben wurde, ist vermutlich keines dieser Exemplare zur Blüte gelangt.

Nun aber hat auch dort eine Agave geblüht. Am 11. August 2020 hat sich die erste ihrer Blüten am untersten der 30 Blütenstandsäste geöffnet, am 9. September die letzte. Eine Woche darauf war die spektakuläre Jubiläumsblüte beendet. Wie weiland vor 300 Jahren ging diese auch anno 2020 nicht ohne sonderbares Vergnügen der Besucherinnen und Besucher vonstatten.

Thomas Baumgartner ist Botaniker sowie Garten- und Bauforscher in Wien. Der Artikel ist die Adaption eines Textes, der im Auftrag der Schönbrunn Group als Besucher-Information entstand.