Ludwig van Beethoven (1770-1827) - © Bild (gemeinfrei): Druck nach F. Schimon
Ludwig van Beethoven (1770-1827) - © Bild (gemeinfrei): Druck nach F. Schimon

Luxuriös war die Bleibe nicht, die der junge Louis nach seiner Ankunft im Herbst 1792 in Wien bezog: Eine Dachkammer in der Alser Straße ist als seine erste Behausung in der Donaumetropole belegt; bald übersiedelte er ins Erdgeschoß des Gebäudes, an dessen Stelle nun Haus Nummer 30 steht.

Wie jeder Neuankömmling in einer Stadt musste der fast 22-Jährige, der auch Musikunterricht nehmen wollte, seinen Alltag organisieren. Er griff zu einem Hilfsmittel, das ihn, so sollte sich zeigen, sein restliches Leben begleiten würde: zur "Wiener Zeitung".

Konkret durchforstete er die Anzeigen auf der Suche nach einem Hammerklavier, unter anderem Forte piano genannt. Zwei passende Inserate erschienen gleichzeitig am 10. November 1792 im "Wiener Zeitung"-Anhang: Tasteninstrumente waren beim hohen Markt sowie am Graben zu haben - um billigen Preis. Für den jungen Mann klang das interessant, er notierte sich die Daten . . .

Auf der Suche nach einem Klavier griff der junge Beethoven zur "WZ"; diese Inserate, erschienen am 10. November 1792, stachen ihm ins Auge. - © WZ-Faksimile: M. Szalapek
Auf der Suche nach einem Klavier griff der junge Beethoven zur "WZ"; diese Inserate, erschienen am 10. November 1792, stachen ihm ins Auge. - © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Und weil aus dem Mansardenbewohner einer der größten Komponisten aller Zeiten wurde, zählt auch ein solches Detail. Anhand der Erscheinungsweise der erwähnten Inserate sowie der überlieferten Notizen konnte man später rekonstruieren, wann Ludwig (auch Louis) van Beethoven in Wien eingetroffen war. So dient(e) unsere Gazette der Forschung als kostbare Quelle - beginnend mit jenem Tag, an dem der Bonner in die Kaiserstadt zog.

Am 9. May 1795, schaltete der Musikus in unserem Blatt eine Pränumeration für sein Opus Nr. 1, das bei Artaria erscheinen würde: 3 große Trio für das Piano Forte, Violin, und Baß. Wer die Publikation vorfinanzieren wollte, konnte beim damals hinter der Minoritenkirche wohnenden Künstler höchstpersönlich anklopfen.

Dasselbe Wiener Verlagshaus warb am 9. März 1796 mit dem nächsten Streich dieses Hrn. Verfassers, nämlich 3 Sonaten für das Fortepiano (op. 2). Das war erst der Auftakt einer langen Reihe derartiger Ankündigungen, die in den folgenden Jahrzehnten veröffentlicht wurden. Beethovens Schaffen lässt sich auf diese Weise Werk für Werk anhand der "WZ" verfolgen.

Der Tonsetzer wählte "seine" Gazette mitunter auch als Waffe im Konflikt mit Verlegern. Am 22. Januar 1803 wandte er sich via "WZ"-Inserat direkt An die Musikliebhaber, um seiner Wut auf Artaria Ausdruck zu verleihen. Das Unternehmen habe nämlich sein Originalquintett in C Dur (op. 29), das bey Breitkopf und Härtel in Leipzig erschienen ist, ohne Erlaubnis des Urhebers ebenfalls in Druck gegeben. Das Ergebnis sei höchst fehlerhaft, unrichtig, ja für den Spieler ganz unbrauchbar.

Dieser Paukenschlag hatte jedoch ein Nachspiel: Artaria prozessierte und gewann. Auf dem Papier. Beethoven sagte als Kompensation ein neues Quintett zu - er lieferte es aber nie.

Wirklich eng wurde der Kontakt des Kompositeurs zu unserem Blatt einige Jahre später: Der Musiker hatte nämlich Freundschaft mit dem Autor und Journalisten Joseph Carl Bernard geschlossen. Der ca. 1781 in Böhmen Geborene war um 1800 nach Wien gekommen, wo er u.a. diverse Periodika redigierte. De facto ab 1817, offiziell 1819ff leitete er die "Wiener Zeitung", die damals in der Rauhensteingasse (nun Nr. 3) domizilierte.

In Briefen an den Weggefährten schlug Beethoven häufig einen heiteren Ton an, nannte ihn neckisch "Bernardus non sanctus", "Direktor aller Zeitungsinstitute" oder (da Bernard auch Libretti schrieb) "Erster Operndichter in Europa".

In einer belastenden Angelegenheit schüttete Beethoven dem Vertrauten sein Herz aus: Nach dem Tod eines Bruders kämpfte der Einzelgänger erbittert um das Sorgerecht für den Neffen Karl (mit Erfolg, doch gegen dessen Willen). Bernard half mit Rat und Tat, begleitete den Freund ins Gericht oder setzte Schreiben an die Behörde auf; er könne doch, schmeichelte Beethoven (in eigener Orthographie), "mit wenigen worten (...) mehr als ich Bogenweise sagen".

Blick in die Rauhensteingasse , in der 1800ff die "Wiener Zeitung" residierte.  - © Bild: Archiv/R. Tenschert, "Mozart..." (1931); koloriert von Philipp Aufner
Blick in die Rauhensteingasse , in der 1800ff die "Wiener Zeitung" residierte.  - © Bild: Archiv/R. Tenschert, "Mozart..." (1931); koloriert von Philipp Aufner

Gewiss war Bernard ein Meister im Abwägen der Worte. Als Blattmacher in Zeiten strenger Zensur agierte er unter heiklen Bedingungen, die diplomatisches Geschick erforderten. Solches lag dem Wüterich Beethoven fern. Warnend schrieb Bernard dem fast völlig Tauben 1820 in ein für Konversationen notwendiges Heft, es spreche sich herum, "sie (sic) schimpften über den Kaiser, über den Erzherzog, über die Minister" und "würden noch an den Galgen kommen."

Missklänge gab es anlässlich einer geplanten Kooperation. Mit der Gesellschaft der Musikfreunde wurde 1818 die Vertonung eines Oratoriums durch Beethoven fixiert. Als Textdichter sagte Bernard zu. Der mit Arbeit überhäufte Journalist lieferte, Jahre verspätet, erst 1823. Beethoven war unzufrieden, wünschte Überarbeitung - und ließ das Werk dann liegen. Stattdessen vollendete er Meisterwerke wie die 9. Symphonie oder seine "Missa solemnis".

Bernards Hoffnung, "Der Sieg des Kreuzes", so der Titel des Oratoriums, würde doch noch in Noten gesetzt, starb endgültig mit Beethovens Tod am 26. März 1827. In der "Wiener Zeitung" publizierte Bernard einen feinfühligen Nachruf auf den genialen Künstler, der hülfreich, neidlos, standhaft als Freund gewesen sei.

Bernard blieb noch zwei Jahrzehnte "WZ"-Chef. Er erlag am 31. März 1850 einem Blutschlag, übrigens im selben Wohngebäude wie Beethoven: im Schwarzspanierhaus am Alsergrund.

Kopfnuss: Wer schrieb Beethovens Grabrede? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)