Von seinem "seinerzeitigen Arbeitsplatz" sah Peter Dusik, Wien 23, auf den in Frage 2 der Nro. 410 gesuchten Schauplatz, der in Zusammenhang mit der Gasversorgung Wiens stand. Vom "ersten Stock des (nicht mehr existierenden . . .) Hauses Schönbrunnerstraße 173 (Wien-Meidling, Anm.) habe ich direkt auf das Gelände des ehemaligen Gaswerks gesehen."

Die Rede ist von jenem in Gaudenzdorf, das, so Ing. Roland Czerny, Wien 5, von der "Österreichischen Gasbeleuchtungs-Actiengesellschaft" (Ö.G.A.G.) 1855 in der Jakobstraße 24-30 errichtet wurde. Die 1912 abgebrochene Anlage befand sich zwischen der (1894 umbenannten) "Dunklergasse und dem Wiental" im heutigen 12. Gemeindebezirk. Nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich an der Stelle "ein Sportplatz mit Laufbahn", der in den 1960ern auch als Eislaufplatz diente. "Dieser wurde in kalten Wintern von meiner Mutter frequentiert."

Blick aus der Stadt heraus auf die Nevillebrücke und das bis 1912 dahinterliegende Gaswerk Gaudenzdorf. Rechts: Ausfahrbarer Teleskopgasometer an diesem Standort.  - © Zeichnung: Alt-Wiener Ansichten . . . 1900-1910/Wienbibliothek. Foto: Bezirksmuseum Wien 12 (o.J.)
Blick aus der Stadt heraus auf die Nevillebrücke und das bis 1912 dahinterliegende Gaswerk Gaudenzdorf. Rechts: Ausfahrbarer Teleskopgasometer an diesem Standort.  - © Zeichnung: Alt-Wiener Ansichten . . . 1900-1910/Wienbibliothek. Foto: Bezirksmuseum Wien 12 (o.J.)

Was dort Jahrzehnte zuvor zu finden war, schildert Ing. Helmut Penz, Hohenau/March: Das Gaudenzdorfer Gaswerk "besaß drei Gasometer, ein Büro- und Direktionsgebäude, mehrere Nebengebäude und drei große Schornsteine." Christine Sigmund, Wien 23, ergänzt: Ein vierter, später angelegter Gasometer, "war ein Teleskopgasbehälter". Dieser hatte, anders als "Glockengasbehälter" (z.B. heute noch in Simmering), keine Ziegelverkleidung.

4.000 Flammen für Oper

Wie Tüftlerin Sigmund weiter ausführt, sorgte dieses Werk für helle Straßen nicht nur in Gaudenzdorf, sondern u.a. auch in Ober- bzw. Unter-Meidling, Sechshaus, Rudolfsheim, Fünfhaus und Teilen Neu-Lerchenfelds. Somit speiste es knapp 690 öffentliche Laternen sowie "26.667 "Privatflammen"", also Gaslichter in Haushalten bzw. Büros. Zusätzlich wurde anfänglich Gas aus Gaudenzdorf in die K.k. Hofoper geleitet: "4.000 Flammen waren für eine ausreichende Beleuchtung nötig."

Gerhard Toifl, Wien 17: Die Ö.G.A.G. entwickelte eine eigene Sonderausführung, die "Gaudenzdorfer Gaslaterne". Diese wurde mit einem Pinienzapfen bekrönt und ihren Fuß schützte ein "Radabweiser vor Beschädigung durch Fuhrwerke".

Englische Konkurrenz

Ende 1824 war in London, wie Liane Bosch, Wien 8, notiert, die "Imperial Continental Gas-Association" (I.C.G.A.) gegründet worden, um "die größeren Städte Kontinentaleuropas mit Leuchtgas zu versorgen", primär für Straßenlaternen. Die Engländer lagen "mit ihren Gasexperimenten "in Führung"" und der Gasbedarf in Europa stieg rapide.

Herbert Beer, Wolfpassing: In Wien schaffte das Unternehmen "den Einstieg in das Geschäft mit der Gasversorgung" 1842 durch den Erwerb der "Gesellschaft zur Beleuchtung mit k.k. ausschließlich privat verbessertem Gas". Diese betrieb ein Werk in Fünfhaus. Ein Jahr später folgte der Kauf "der "Österreichischen Gesellschaft zur Beleuchtung mit Gas"" sowie "ihrem 1828 gegründeten Gaswerk Rossau". Darüber hinaus errichteten die Briten eigene Standorte wie z.B. in Erdberg. So erreichte die I.C.G.A. eine umstrittene Monopolstellung.

Die ausländischen Betreiber brachten auch Neuerungen, von denen Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, eine nennen: Nach der Übernahme wurde in Fünfhaus "nun nicht mehr aus Öl, sondern aus Steinkohle Gas gewonnen." Da dieser Rohstoff billiger war, konnte die I.C.G.A. den Preis drücken. Dadurch kamen andere private Gasanbieter "in finanzielle Schwierigkeiten".

Mit der Zeit häuften sich die Beschwerden gegen diese Marktdominanz. Harry Lang, Wien 12, erwähnt "erhöhte Preise, häufige Gebrechen, starke Druckschwankungen".

Ähnliche Vorwürfe hörte man aus anderen europäischen Städten. In der "Wiener Zeitung" wurde am 15. April 1844 ein Text veröffentlicht, der die I.C.G.A. in besserem Licht präsentierte: "Für die Bewohner Wiens genügt aber zur Widerlegung jener Anschuldigungen ein Abend-Spaziergang über den Michaelsplatz (sic), Kohlmarkt, Graben und Stockimeisenplatz, wo wir jetzt eine wahrhaft feenartige Beleuchtung finden." Darüber hinaus seien die Preise für viele Abnehmer niedriger geworden. (P.S. Dankeschön an Michael Chalupnik, Siegharts-kirchen, der festhält, dass die Formulierung "billige Preise" in der Betriebskunde falsch ist. Chapeau!)

Trotz positiver Presse führte die Monopolstellung, so Dr. Brigitte & Dr. Gottfried Pixner, Wien 13, "zum Umdenken und . . . zur Gründung der Österr. Gasbeleuchtungs-AG".

Allerdings verweist Dr. Alfred Komaz, Wien 19, auf eine "etwas ungewöhnliche" Firmenstruktur: Die Eigentümer der Ö.G.A.G. blieben - "nach allen mir zur Verfügung stehenden Quellen - anonym . . . Man könnte glauben, dass die I.C.G.A. . . . sich aus optisch-politischen Erwägungen nur vorgebliche Konkurrenz geschaffen hat". Diese Vermutung wird auch in anderen geschichtlichen Darstellungen angedacht.

Baufortschritt bei den Gasometern im 11. Wiener Gemeindebezirk anno 1897.  - © Foto: Archiv der Wiener Stadtwerke
Baufortschritt bei den Gasometern im 11. Wiener Gemeindebezirk anno 1897.  - © Foto: Archiv der Wiener Stadtwerke

Seit den 1840ern hatte die Gemeinde Wien diverse Versorgungsverträge der I.C.G.A. mehrmals erneuert. Letztendlich wurden, so Volkmar Mitterhuber, Baden, "1872 im Zuge der Diskussionen" um die weitere Verlängerung "Pläne für eine städtische Gasversorgung ausgearbeitet". Nach mehreren gescheiterten Abstimmungen genehmigte der Gemeinderat am 5. Juni 1892 "den Bau städtischer Gasanstalten". 1896/97 fielen die endgültigen Beschlüsse für die Errichtung eines zentralen Gaswerks in Simmering.

Städtisch statt privat

Ein Problem war die Finanzierung, wie Dr. Karl Beck, Purkersdorf, ausführt: Nicht alle waren einverstanden, dass die I.C.G.A. am 31. Oktober 1899 ihren Versorgungsvertrag für die Donaumetropole verlieren sollte. "Durch einen organisierten Boykott der Banken . . . sowie durch die . . . Untergrabung der Kreditwürdigkeit der neuen Stadtverwaltung . . . hoffte man, den Plan zu Fall zu bringen." Erst mit einer 60-Millionen-Kronen-Anleihe konnte 1898 das Projekt gesichert werden.

Diesen Betrag garantierte, so Maria Thiel, Breitenfurt, "eine Berliner Bank . . . mit der Auflage, die bereits vorgesehene Elektrifizierung der Wiener Straßenbahnen an die Berliner Firma Siemens & Halske zu übertragen."

Die erwähnte "neue Stadtverwaltung" war jene unter Dr. Karl Lueger, Bürgermeister ab 1897, der noch als Vize den Bau der Gasometer in Simmering (seit 1890/92 11. Wiener Gemeindebezirk) initiiert hatte. Dr. Peter Schilling, Wien 18, zitiert den christlichsozialen Politiker bei der Eröffnung seines Herzensprojekts: "Wir haben das Werk aus eigener Kraft geschaffen, uns ist niemand helfend zur Seite gestanden". Gleichzeitig kritisierte ihn die Presse und es "spotteten die Einwohner" über die Kosten: ""Ungezählte Millionen von Steuergeldern liegen in den Straßen Wiens begraben"", weil ein Netz aus siebenhundert Kilometer Hauptrohrleitungen angelegt werden musste. Auch Umweltschäden wurden befürchtet.

Offiziell übernahm, wie Johann Tischer, Muckendorf/Donau, betont, 1899 die Stadt die Gasversorgung. Dazu ergänzt Mathilde Lewandowski, Payerbach, dass das Gaswerk in Simmering am "31. Oktober . . . den Betrieb aufnehmen" konnte, genau am Tag des Vertragsendes mit der I.C.G.A. Allerdings belieferte es anfänglich nur die inneren Bezirke, weil "die Versorgung der Vororte . . . durch die englische Firma" bis Ende 1910 festgelegt war.

In diese Gebiete strömte Gas ab 1911, wie Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, notiert, aus dem "zweiten städtischen Gaswerk in Leopoldau". Die Tüftlerin ergänzt zu Simmering, dass der Spatenstich für die dortigen Gasometer bereits "am 28. Dezember 1896" erfolgt war.

Brigitte Schlesinger, Wien 12, zitiert eine Informationsseite über die nun unter Denkmalschutz stehenden Bauten in Wien 11: Der Name Gasometer leitet sich demnach von den Messuhren her, die "noch heute auf der Außenwand ersichtlich sind und die Höhe des Gasstandes" anzeigen. Je nach Füllmenge hebt sich die kuppelähnliche Innenkonstruktion. Diese "Glocke" hatte eine Höhe von 33,6 Metern. "Durch Verbrennung von Kohle . . . wurde Gas erzeugt. Dieses gelangte durch Röhren in das Kondensatorhaus, wo es in Hohlzylindern abgekühlt . . . wurde. Durch eine unterirdische Schiebekammer gelangte es schließlich in die Behälterglocke, die in ein mit Wasser gefülltes Bassin getaucht war und für einen gleichmäßigen Gasdruck . . . sorgte." Die bewegliche Kuppel, die an Führungsrollen ausgefahren werden kann, ist bei einem Teleskop-Gasometer (s. Bild unten) außenliegend.

Abfall und Koks

Bei der Produktion fiel, wie Manfred Bermann, Wien 13, festhält, Koks an, der "von der Bevölkerung gerne als Brennstoff verwendet" wurde, was "den immensen Holzbedarf zu diesem Zwecke" verringerte.

Zu sonstigen Abfallprodukten am Standort Gaudenzdorf erläutert Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf: "Auch wenn das Gaswerk an den rechtsseitigen Sammelkanal entlang des Wienflusses angeschlossen war, kann davon ausgegangen werden, dass es nicht wenig zur Wasserverschmutzung . . . beitrug."

Der bereits erwähnte Geschichtsfreund Chalupnik ergänzt, dass das gesamte Gelände "als "Altlastenverdachtsfläche" deklariert" wurde und "deshalb unverbaut" blieb. Heute befinden sich dort eine "Stadtwildnis" und ein Parkplatz.

Eingangs zitierter Tüftler Dusik beobachtete von seinem Arbeitsplatz, wie "in den 1980er-Jahren sehr viel (offenbar . . . kontaminiertes) Erdreich abgehoben und . . . abtransportiert wurde", u.a. auf eine Sondermülldeponie in die DDR.

Das Gaswerk verzögerte "posthum" auch den Bau der U-Bahn (Linie U4), wie Dr. Harald Jilke, Wien 2, berichtet: 1985 stieß man unerwartet "beim Tunnelbau . . . auf die Gasometerwannen" und sonstige Reste der Anlage.

Zusammenstellung dieser Seite: Barbara Ottawa