In einem über 81.000m² umfassenden Döblinger Garten ertönte anno dazumal der Anpfiff für den Fußballsport in Wien. Anlässlich der Zusatzorchidee der Nro. 410 folgte die Gemeine der Historie des "Fetzenlaberls" bis ins 19. Jh. zurück.

Die erwähnte weitläufige Grünanlage auf der Hohen Warte erwarb Nathaniel Meyer Freiherr von Rothschild in den 1860er-Jahren. Nicht zuletzt für seine beachtliche Orchideensammlung brauchte er erfahrene Betreuer. Dr. Karl Beck, Purkersdorf, dazu: Er engagierte englische Gärtner, die alsbald eine Sitte aus ihrer Heimat aufnahmen und auf dem gepflegten Rasen Fußball spielten.

Unter ihnen war der "Fußballnarr" James Black, den Brigitte Schlesinger, Wien 12, nennt. Dem britischen Einwanderer schien "ein Leben ohne Fußball ... unvorstellbar. Er animierte andere ... zum Spiel und erklärte die Regeln."

Bald entstand die Idee, den ersten offiziellen Fußballklub eintragen zu lassen. "Die Vereinsfarben ... Blau und Gelb" standen rasch fest, so Christine Sigmund, Wien 23: Es sind die Wappenfarben der Rothschilds. Damit sollte der erste Klub entstehen, der übrigens auch Wiener - bzw. Nicht-Briten - aufnahm.

Triumph der Zweiten

Doch in der Donaumetropole gab es noch eine andere Mannschaft, die das Prädikat "First", also "Erster", für sich beanspruchte. Denn schon "1892 wurde der "Vienna Cricket Club" gegründet", der bald das Fußballspiel für sich entdeckte, wie Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, notiert. Am 23. August 1894 sollte also die Namensänderung zu "First Vienna Cricket and Football Club" erfolgen.

Die "Cricketer" , Mannschaftsfoto aus 1897 mit Vereinswappen (eingeschn.). Hintere Reihe (v.l.n.r.): F. Lowe, G. Thursfield, E. Shires, W. Flavin, A. Earley. Mittlere Reihe: H. W. Gandon, G. Blakey, R. Lowe, E. Blyth. Vorne: H. Lowe, M. Leash.  - © Bilder: Allg. Sport-Zeitung/Archiv. Schmuckfarbe: WZ
Die "Cricketer" , Mannschaftsfoto aus 1897 mit Vereinswappen (eingeschn.). Hintere Reihe (v.l.n.r.): F. Lowe, G. Thursfield, E. Shires, W. Flavin, A. Earley. Mittlere Reihe: H. W. Gandon, G. Blakey, R. Lowe, E. Blyth. Vorne: H. Lowe, M. Leash.  - © Bilder: Allg. Sport-Zeitung/Archiv. Schmuckfarbe: WZ

Aber der erwähnte Verein aus Döbling war schneller: Am Vortag, dem 22. des Monats, hatte dieser bereits die Gründung des "First Vienna Football Club" eintragen lassen. Damit gilt der nach wie vor unter dem Namen "Vienna" bekannte Klub als der älteste. Die Widersacher, die "Cricketer", mussten das Wörtchen "First" aus ihrem Namen streichen. Die Kicker schäumten vor Wut.

Die Versöhnung der beiden Klubs kam mit dem ersten offiziellen Spiel gegeneinander. Den Tag des Matches nennt Johann Tischer, Muckendorf an der Donau: 15. November 1894.

Es fand in Heiligenstadt auf der "Kuglerwiese" statt, die auf der Anlage der Rothschild’schen Gärten lag und bis 1896 die Heimstätte der "Vienna" blieb. Die "Cricketer" triumphierten: Sie gewannen 4:0 und siegten mit dem gleichen Resultat auch im Rückspiel, das zehn Tage später im Prater ausgetragen wurde.

Halbstarke Verbote

Die Sportbegeisterten hatten anfangs mit allerhand Hürden zu kämpfen. Geeignete Spielplätze zu finden, gestaltete sich schwierig, wie Rudolf Freiler, Kirchschlag/ NÖ, anmerkt: "Grundbesitzer waren nicht sehr erfreut" über die Ballesterer, die ihre Rasen zertrampelten. Anderswo lauerten "Jugendbanden, die es auf den Lederball abgesehen hatten". Genügend Platz bot der Prater; der aber war "kaiserliches Jagdgebiet und unterstand dem Obersthofmeisteramt. Dort musste man um eine Spielgenehmigung ansuchen", die nicht einfach zu bekommen war.

Außerdem wurde "Schülern, auch wenn sie schon ... 18 Jahre alt waren, das Fußballspielen in Vereinen verboten", wie Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, anführt. Auch an so manchem Arbeitsplatz war der Sport verpönt. Daher, so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, weiter, "legten sich viele Spieler Pseudonyme zu, trugen Perücken und klebten sich falsche Bärte an, um nicht erkannt zu werden."

Jagd auf die Trophäe

Trotz aller Widrigkeiten entwickelte sich der Rasensport rasant. Maria Thiel, Breitenfurt, notiert: Schon 1897 wurde "ein erster Cup-Wettbewerb ausgeschrieben, an dem alle Vereine Österreich-Ungarns teilnehmen konnten." Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, führt fort: Dieser "Challenge-Cup" wurde von "John Gramlick ... ins Leben gerufen". Der Mitbegründer der "Cricketers" stiftete auch "die Trophäe".

Das Auftaktspiel gewannen die "Cricketer" mit 3:2 gegen die "Vienna" auf den Tag genau drei Jahre nach dem ersten offiziellen Spiel der beiden Mannschaften, am 15. November 1897.

Dr. Harald Jilke, Wien 2, liefert Details: Bei der Begegnung schoss Mark Nicholson (Protagonist in Nro. 412) "aus etwa 40 Metern Entfernung ... so scharf auf das Tor der "Cricketer", dass nur wenige den Schuss verfolgen konnten. Der Referee versagte dem Treffer die Anerkennung, worauf ein wilder Streit der "Vienna"-Spieler mit dem Schiedsrichter ausbrach." Nicholson nahm die Entscheidung gelassen, "stellte nach dem Spiel aber sofort einen Antrag auf Einführung von Tornetzen", wie sie "in seiner Heimat bereits seit 1891 üblich" waren.

"Im Finale konnten die "Cricketer" einen glatten 7:0 Sieg gegen die Fußballriege des Deutsch-österreichischen Turnvereins, auch "Turner" genannt, davontragen", so Gerhard Toifl, Wien 17. Der Tüftler ergänzt: "Der Challenge-Cup wurde ... von 1897 bis 1911 zehnmal ausgetragen." Letzter Gewinner war der Wiener Sportclub, bei dem der Pokal verblieb.

Volkmar Mitterhuber, Baden, merkt an: "Ursprünglich sollte die Trophäe im Besitz eines Vereins bleiben, wenn dieser den Cup dreimal in Folge gewinnen konnte." Diese Regelung wurde allerdings "1903 außer Kraft gesetzt und der Challenge-Cup als Wanderpokal tituliert." Der Wettbewerb gilt außerdem als Vorläufer des Mitropacups, den Harry Lang, Wien 12, erwähnt. Dieser entwickelte sich ab 1927 zu einem bedeutenden internationalen Wettkampf.

Genannter Tüftler Mitterhuber notiert außerdem den "Tagblatt-Pokal", um den Wiener Mannschaften von 1900 bis 1903 wetteiferten - erstmals mit Tabelle, also mit Punktebewertung, sowie Hin- und Rückspiel.

Während die "Vienna" bis heute auf den Plätzen Wiens der Wuchtel nachrennt, stellten die "Cricketer" ihre Fußballsektion 1936 ein. Allerdings hinterließen sie ein bedeutendes Erbe, wie Herbert Beer, Wolfpassing, anmerkt: Auf die "Cricketer" gehen die "Klubs SK Rapid und FK Austria" zurück. In gewisser Weise sind diese "großen Rivalen des Wiener Fußballs" also miteinander verwandt.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Christina Krakovsky