Für innere Einkehr steht das einer um 1911 erschienenen populären Familien-Zeitschrift entnommene Bild. - © Gemälde von Edmund Blume, aus: Oest. Familien- u. Moden-Zeitung um 1910/11, Verlag W. Vobach & Co., Wien
Für innere Einkehr steht das einer um 1911 erschienenen populären Familien-Zeitschrift entnommene Bild. - © Gemälde von Edmund Blume, aus: Oest. Familien- u. Moden-Zeitung um 1910/11, Verlag W. Vobach & Co., Wien

Zaubertrank bereiteten Tagesblätter in den letzten k.u.k. Friedensjahren mitnichten zu. Trotzdem glichen die Redaktionen mehr und mehr Hexenküchen: In den vormals ruhigen Journalisten-Klausen herrschte bislang kaum gekannte Hektik. Dazu ein Beispiel aus 1911.

Die altehrwürdige "Wiener Zeitung" wies dazumal unter dem Titelkopf mit Nr. 13.464 ausdrücklich auf die neue Eilfertigkeit hin. 13.464 galt nämlich nicht etwa einer seit der Gründung 1703 fortlaufenden Ausgaben-Nummerierung, sondern stand für moderne Hast schlechthin - es handelte sich um die Telephonnummer der Gazette!

Der Fernsprechanschluss existierte schon länger, allerdings hatte es früher nur in dringendsten Fällen geklingelt. Inzwischen läutete der verflixte Apparat jedoch immer öfter. Und das selbst in den Wochen vor Weihnachten 1911, als die Gestalter der "WZ" neben der Erstellung des täglichen Morgen- und Abendblatts noch Muße für eine recht knifflige Causa brauchten: Es ging um die Frage, welche redaktionelle Überraschung zum Fest den geneigten Leserinnen und Lesern Freude machen könnte.

"Weihnachtskinder"-Farbbild in "Oest. Familien- und Moden-Zeitung"; Tagesblätter konnten einst noch keine Gemälde abdrucken. - © Bild: Archiv/gemeinfrei
"Weihnachtskinder"-Farbbild in "Oest. Familien- und Moden-Zeitung"; Tagesblätter konnten einst noch keine Gemälde abdrucken. - © Bild: Archiv/gemeinfrei

Es sollte ein kleines feines Geschenk für alle werden, die die "Wiener Zeitung" schätzten, zugleich aber im Rahmen damaliger Gewohnheiten bleiben. So war es einst eher unüblich, dass gehobene Blätter ihrer Leserschaft in aller Form ein frohes Fest wünschten und auf diese Weise gleichsam in deren Privatangelegenheiten eingriffen. (Nicht anders verhielt es sich übrigens mit Neujahrsgrüßen.)

Dieser Punkt musste der Redaktion also Kopfzerbrechen bereiten. Doch die Erfahrung mit Neuerungen seit 1703 in der Gazette half. Gleich drei Kunstgriffe wandten die Zeitungsmacher an: Sie entschieden sich erstens für eine Weihnachtsbeilage, die zweitens keineswegs Weihnachtsbeilage heißen durfte und drittens statt ins nüchterne Morgenblatt in die gut gemischte "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" kam.

Nur mit Vignetten, ohne Bilder, aber mit viel erlesenem Text: Festbeilage der "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" vom 23. Dezember 1911. - © WZ-Faksimile: M. Szalapek
Nur mit Vignetten, ohne Bilder, aber mit viel erlesenem Text: Festbeilage der "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" vom 23. Dezember 1911. - © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Heute kann somit die Zeitreisen-Gemeine in das nach 109 Jahre altem Rezept erstellte und am 23. Dezember 1911 gedruckte Fest-Präsent mit dem Titel Literarische Beilage blicken. Es umfasst vier eng bedruckte Seiten (Format etwas kleiner als das der "WZ" jetzt) mit zeitgenössischer Poesie und Prosa. Im Prolog-Gedicht Weihnachtsbild von Hermann Hango (1861-1934; Dichter, Wr. Archivdirektor) steht u.a.: Das ist die heilige Stille, / Das ist der tiefe Traum; / Es ruht der Erdenwille, / Es glänzt der Himmelsraum.

Den Weihnachtsmann sah um 1911 ein Wiener Familienblatt so. - © Bild aus: Oest. Familien- u. Moden-Zeitung um 1910/11
Den Weihnachtsmann sah um 1911 ein Wiener Familienblatt so. - © Bild aus: Oest. Familien- u. Moden-Zeitung um 1910/11

Diesem Beitrag schließt sich der Aufsatz Das Fest an; Autor ist Oskar Ewald (1881-1940; eigentlich O. E. Friedländer, führender religiöser Sozialist, er starb an den Folgen seiner KZ-Haft).

Richard Schaukal (1874- 1942; Lyriker, Beamter) ist ebenso auf der ersten Seite vertreten. Sein Gedicht heißt Gute Nacht.

Mitglieder der seinerzeitigen "WZ"-Redaktion haben sich erst auf den Folgeseiten Platz eingeräumt.

Der 1909-1917 amtierende Chefredakteur Emil Löbl (1863-1942; nach dem Abschied von der "Wiener Zeitung" leitete er bis zur Auslöschung Österreichs 1938 das "Neue Wiener Tagblatt") widmete sich in der Abhandlung Verlorene Kinder dem Generationenkonflikt.

Kultur-Koryphäe Rudolf Holzer (1875-1965; Schriftsteller, "WZ"-Chefredakteur 1925-1933, davor Redakteur und danach Mitarbeiter des Blattes) lieferte die um den Tag des großen Fests spielende Erzählung Der Dritte.

Die Literarische Beilage birgt noch manch anderes Kleinod, so das Gustostückerl mit schlichter Überzeile Die Weihnachtskrippe. Franziska von Zingerle (1873-1963; Autorin, christlichsoziale Politikerin) erinnert sich darin an ihre Wiener Kinderzeit und den "Christkindl"-Markt Am Hof, um das Volkskunde-Kapitel Kripperlschnitzerei zu beleuchten - mit Verweisen auf eine Münchner Sammlung sowie ein einschlägiges Museum in der Kaiserstadt.

Die später in Tirol lebende Verfasserin wendet sich dann der Kripperl-Tierwelt zu und bekennt: Ich mag (...) die naiven, alten (...) Scharen am besten leiden, wenn auch so mancher anatomische Schnitzer am Knochenbau der Pferde mit unterläuft und der Elefant verdächtig den heimischen Schweinchen ähnelt.

Kinder vor einer Krippe.  - © Bild (gemeinfrei): Neue Jugendblätter 1911, Dresden
Kinder vor einer Krippe.  - © Bild (gemeinfrei): Neue Jugendblätter 1911, Dresden

Letzteres hat familiären Hintergrund; Frau v. Zingerle berichtet, unser Kleiner frage schon monatelang vor Heiligabend, wann denn wohl wiederdas Kamel ausgepackt würde? Zum Schluss verrät sie dazu offenherzig: Unsere Krippe ist (...) vom Urgroßvater selbst geschnitzt, und wenn auch der Elefant einem Schweinchen gleicht, uns dünkt sie die herrlichste von allen.

Sieh da, selbst ein missglückter Dickhäuter kann Festesglanz (mit-)verbreiten! Eigentlich müsste das auch für das als missglückt geltende Babyelefanten-Jahr 2020 gelten. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Kopfnuss: Zingerle hießen einige Wissenschafter Tirols. War ein quasi sagenhafter Mann unter ihnen? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)