Mit dem tragischen Ende eines großen Europäers beginnt Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, den Antwortreigen zu Frage 1 der Nro. 412: "Am 23. Februar 1942" wurden "im brasilianischen Kurort Petrópolis zwei Tote gefunden: In ihrem Wohnhaus lagen friedlich wie im Schlaf der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig und seine zweite Frau Lotte nebeneinander auf dem Doppelbett." Man fand "einen Abschiedsbrief, in dem der 60-Jährige erklärte, dass er "durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft . . . aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide". Stefan und Lotte hatten eine Überdosis des Schlaf- und Beruhigungsmittels Veronal genommen."

Debüt mit 14 Jahren

Geboren wurde Stefan Zweig als Kind einer Familie wohlhabender jüdischer Textilunternehmer am 28. November 1881 in Wien. Konkret "am Schottenring 14", wo die Eltern, Mori(t)z und Ida, damals wohnten, informiert Christine Sigmund, Wien 23: Das Baby war also "nur einige Tage alt", als am 8. Dezember schräg vis-à-vis dem Domizil der Familie das Ringtheater in Flammen aufging und hunderte Menschen umkamen.

"Am Wiener Gymnasium Wasagasse legte Zweig . . . seine Matura ab", merkt Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, an; als Student der Philosophie, Romanistik und Germanistik an der Wiener Universität "mied er den Vorlesungsbetrieb" und widmete sich lieber dem Schreiben.Seine literarischen Wurzeln liegen in der Schulzeit, so Helmuth Singer, Wien 13, als "er bereits einige . . . Gedichte in Zeitschriften veröffentlichen" konnte. Brigitte Schlesinger, Wien 12: Zweig publizierte "im Juli 1896, also im Alter von noch nicht 15 Jahren, sein erstes Gedicht . . . unter dem Pseudonym Ewald Berger . . . in der Münchner Zeitschrift "Die Gesellschaft"."

P. Johannes Wrba SJ, Wien 1 (willkommen im Kreis der Zeitreisenden!), ergänzt: Der "erste Gedichtband erschien 1901" unter dem Titel "Silberne Saiten".

Mahner für den Frieden

Heidi Liebl, Wien 23, betont, dass Zweig überzeugter Pazifist war. Zu seiner Haltung zum Ersten Weltkrieg führt Gerhard Menzl, Wien 8, aus: Er war "kosmopolitischer Weltbürger, der auf zahlreichen Reisen Kontakte zu Schriftstellern aus späteren Feindesländern geknüpft hatte". Von zunehmendem Kriegsekel durchdrungen, setzte er sich "gemeinsam mit dem französischen Pazifisten Romain Rolland" für den Frieden ein.

Aus der Autobiographie "Die Welt von Gestern" zitiert Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz, den als untauglich eingestuften Literaten: "So hielt ich Umschau nach einer Tätigkeit, wo ich immerhin etwas leisten konnte, ohne hetzerisch tätig zu sein, und der Umstand, dass einer meiner Freunde, ein höherer Offizier, im Kriegsarchiv war, ermöglichte es mir, dort eingestellt zu werden."

Dass Zweig auch Anflüge von Kriegsbegeisterung erkennen ließ, geben Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram, zu bedenken: So verfasste er "im Oktober 1914 einen offenen Brief "An die Freunde im Fremdland"", in dem er den vorübergehenden Abschied "von den einst . . . verfochtenen kosmopolitischen Ideen und Idealen proklamierte." Während der Zeit im Kriegsarchiv wandelte er sich "zu einem eindringlichen Mahner gegen den Krieg und Befürworter eines radikalen Pazifismus".

"Heldenfrisieren" war eine Tätigkeit, die der Schriftsteller dort, so Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, ausüben musste. Das heißt, er hatte u.a. nüchterne Frontberichte über "Heldentaten" poetisch auszuschmücken. Ab 1915 war Zweig mit der Journalistin "Berta Zuckerkandl . . . befreundet", die über ihn schrieb, er habe sich "mit einem Stacheldraht umgeben, der den Zugang zu seinem Inneren verwehren soll". Nach dem Krieg "kaufte er ein Schloss auf dem Salzburger Kapuzinerberg, zu dem keine Straße, sondern nur ein Passionsweg führte".

Bis heute ist Stefan Zweig der international populärste Schriftsteller des Landes, betont Univ.-Prof. Dr. Georg Schmid, Saint-Oradoux-près-Crocq/F; er ist der "einzige österreichische Autor, der in den angelsächsischen Ländern und Frankreich bekannt ist und wohl auch gelesen wird". Musil hingegen sei bekannt, werde aber nicht gelesen.

Glänzende Stunden

Eines der erfolgreichsten Werke Zweigs, das auch in Frage 1 der Nro. 412 gesucht war, nennt Manfred Höbart, Wien 15: "Sternstunden der Menschheit".

"Wo bleibt Grouchy?" Napoleon wartete bei der Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815 vergeblich auf Rettung durch Marschall Grouchys Truppen. Stefan Zweig nahm die Episode in sein Werk "Sternstunden der Menschheit" auf (eingeschnitten: Ausgabe aus 1953). - © Bilder: Archiv/gemeinfrei
"Wo bleibt Grouchy?" Napoleon wartete bei der Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815 vergeblich auf Rettung durch Marschall Grouchys Truppen. Stefan Zweig nahm die Episode in sein Werk "Sternstunden der Menschheit" auf (eingeschnitten: Ausgabe aus 1953). - © Bilder: Archiv/gemeinfrei

Aus dem Vorwort zitiert Dr. Harald Jilke, Wien 2, Zweigs Erklärung der Titelwahl: Er habe die "schicksalsträchtigen Stunden . . . so genannt, weil sie leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen." Dazu zählte er etwa die für Europa so entscheidende Schlacht bei Waterloo 1815.

Monika Rauch, Wien 17: Die erste Fassung enthielt "Fünf historische Miniaturen", so der Untertitel, und "erschien 1927".

Später wuchs das Werk auf zwölf Erzählungen an, "in neueren Ausgaben findet man noch zwei weitere Texte, nämlich über Cicero und Woodrow Wilson, notiert Dr. Gerhard Jungmayer, Wien 22, der der Gemeine sein Lieblingskapitel aus dem Kompendium verrät: ""Georg Friedrich Händels Auferstehung"" rund um "die Komposition des "Messias"".

Dieser Sternstunde widmet sich auch Zeitreisenmedicus Dr. Manfred Kremser, Wien 18: "Die Schilderung ist genial, wie Händel nach einem Schlaganfall plötzlich wieder voll aktiv auf der Orgel . . . in Weltmusiksphären schwebt. Ein echtes Wunder, denn eine ganz plötzliche Genesung nach einem Insult gibt es schon, aber nur wenn eine vorübergehende Minderdurchblutung (. . . im Volksmund "ein Schlagerl hat ihn gstreift") vorliegt. Die gibt es aber nicht - wie im Fall Händels von Zweig geschildert - nach vier Monaten oder länger". Dennoch: "Besser kann man eine Regeneration . . . Monate nach einem Schlaganfall gar nicht erfinden."

Alte Welt am Abgrund

Nach Hitlers Machtergreifung spürte man in Salzburg "Sympathie für die NS-Diktatur" so Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf: Diese und der "jahrelang erlebte Antisemitismus veranlassten Zweig, im Frühjahr 1933" an eine Ausreise zu denken. Im Jahr darauf brachte ein Ereignis das Fass zum Überlaufen. Nach dem Februaraufstand 1934, so Ing. Heinrich Eder, Grödig/Sbg. (willkommen in der Gemeine!), durchsuchte die Polizei sein Haus. Angeblich auf der Suche nach Waffen des Schutzbundes. Michael Chalupnik, Sieghartskirchen: "Zwei Tage danach emigrierte er nach London."

"Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs nahm Stefan Zweig die britische Staatsbürgerschaft an", berichtet Herbert Beer, Wolfpassing; "bald verließ er Großbritannien aus Furcht, die Engländer könnten . . . ihn als "feindlichen Ausländer" internieren. Über die Stationen New York, Argentinien und Paraguay" gelangte er mit seiner zweiten Frau Charlotte, genannt Lotte, 1940 nach Brasilien, das ihn bei einem früheren Besuch bereits begeistert hatte. Als Prominenter erhielt er "trotz des Antisemitismus der Diktatur Getúlio Vargas’" ein "Dauervisum, da er . . . ein Buch zu Gunsten von Brasilien verfassen wollte." Es erschien 1941 unter dem Titel "Brasilien. Ein Land der Zukunft".

Es ist aber bis heute nicht bewiesen, dass dieses Werk "im Auftrag des brasilianischen Propagandaministeriums . . . entstanden ist", so Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: "Eine vor vielen Jahren durchgeführte Recherche des österreichischen Südamerika-Fachmannes Univ.-Prof. Dr. Gerhard Drekonja-Kornat bestätigte, dass dies nur ein Gerücht war. Er bezeichnete Zweigs Brasilien-Buch ". . . als Nostalgie-Ausflug in eine heile Welt, die es in Wirklichkeit so gar nicht gab"."

Zunächst wohnte das Ehepaar in Rio, doch war es den beiden "dort einfach zu heiß", wie schon erwähnte Geschichtsfreundin Prof. Dr. Rath anmerkt. Also zogen sie ins nahe Petrópolis, eine "Kleinstadt in den Bergen" und einst "Sommerresidenz der kaiserlichen brasilianischen Familie. Dom Pedro II., Sohn von Pedro I. . . . und der Habsburgerin Leopoldine von Österreich, hatte den Palast 1843 . . . errichten lassen." Das Bürgertum "ahmte die Architektur nach". Zweig sah in Petrópolis ein "Wien im Kleinformat", so die Tüftlerin.

Als "Liebeserklärung" bezeichnet Volkmar Mitterhuber, Baden, Zweigs Brasilien-Buch. Darin wird das Land "mit Sorge, Frustration und Wehmut mit den damaligen . . . Zuständen in der Alten Welt" verglichen. Am "Höhepunkt der Selbstzerstörung" seiner Heimat schrieb Zweig: "Europa hat unermesslich mehr Tradition und weniger Zukunft, Brasilien weniger Vergangenheit und mehr Zukunft".

Eine solche sah er für sich im Exil nicht mehr. Gerhard Toifl, Wien 17, erwähnt die "Schachnovelle", an der er zuletzt arbeitete.

Wie schon zitierte Tüftlerin Sigmund ergänzt, schickte er das Manuskript noch an die Verleger und gab dann "einige Briefe auf - Abschiedsbriefe."

P.S. Zur Orchideenfrage rund um die Anfänge österreichischer Astronomie recherchierte u.a. Manfred Bermann, Wien 13 - mehr dazu am 8. Jänner 2021!

Zusammenstellung dieser Seite: Andrea Reisner