Simón Bolívar befreite Südamerika. - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Simón Bolívar befreite Südamerika. - © Bild: Archiv/gemeinfrei

Anno 1811 schrieb Lateinamerika Weltgeschichte. In Caracas erklärte sich am 5. Juli dieses denkwürdigen Jahres ein Teil des spanischen Kolonialreichs in aller Form für unabhängig - die erste Venezolanische Republik erstand. Nach Mitteleuropa brauchten Meldungen über diese Revolution und über Folgeereignisse freilich Monate. Auch war deren Bedeutung hierzulande schwer einzuschätzen.

Journalistentraum seinerzeit in Mitteleuropa: Eine freie Zeitung mit allem Drum und Dran, im allergrößten Format, mit Beiträgen für alle Wissbegierigen. - © Bild aus Karl Schottenloher, Flugblatt u. Zeitung, Berlin 1922; Kolorierung: Philipp Aufner/"WZ"
Journalistentraum seinerzeit in Mitteleuropa: Eine freie Zeitung mit allem Drum und Dran, im allergrößten Format, mit Beiträgen für alle Wissbegierigen. - © Bild aus Karl Schottenloher, Flugblatt u. Zeitung, Berlin 1922; Kolorierung: Philipp Aufner/"WZ"

Im Habsburgerreich sahen gebildete Untertanen also frühestens 1812, welch gewaltige Umwälzung sich in Madrids Imperium anbahnte. Die Menschen in der Monarchie beschäftigte freilich anderes. Sie litten unter dem Staatsbankrott im Jahr zuvor, mit dem die Gulden-Währung vier Fünftel (und später etwa neun Zehntel!) ihrer Kaufkraft verloren hatte. Ebenso quälte sie, dass ihre Heimat de facto unter Napoleons Kuratel stand.

Wenn Neues aus der weiten Welt dennoch Leute zum Nachdenken anregte, war dies nicht zuletzt der "Wiener Zeitung" zu verdanken. Denn Chefredakteur Conrad Dominik Bartsch (1759-1817) lotete geschickt aus, was bei der gestrengen k.k. Zensur gerade noch durchschlüpfen konnte. Ein Blatt mit viel (Frei-)Raum für Artikel oder gar Kommentare durfte der mutige Journalist Bartsch, dem Fürst Metternich 1815 mit Berufsverbot die Lebensbasis zerstörte, nicht gestalten, in von ihm redigierten Berichten steckte jedoch oft Schmuggelgut.

So pries er in der "WZ" vom 8. Jänner 1812 die Preßfreyheit - in England, wo Publizisten nur in gewissen Fällen nach den (...) Gesetzen belangt werden. Was den Gazetten-Wald gedeihen ließ: Zu London existiren gegenwärtig 66 Zeitungen, worunter (...) eine Deutsche: "Der treue Verkündiger," ist. Die beliebtesten (...) haben einen Absatz von 5 bis 6000 Exemplaren. Insgesamt würden jährlich 12 bis 13 Millionen Zeitungs-Blätter gedruckt (...).

Warum ließ die Zensurbehörde in Wien solche der Lage im k.k. Reich hohnsprechende Zeilen durch? Wie schaffte C. D. Bartsch dieses Kunststück?

Nun, damals stand Kontinentaleuropa unter der Vorherrschaft des auch in Österreich ungeliebten Franzosenkaisers. Dessen einziger bedeutender Feind aber war Großbritannien. Wurde daher Albions Größe - und sei es selbst in puncto Pressefreiheit - gelobt, war Napoleon eins ausgewischt, ohne dass man den Gefürchteten direkt beleidigte...

So grotesk es klingen mag: In vieler Hinsicht heikler als der Lobgesang auf unzensurierte Zeitungen in England waren in der "WZ" detaillierte Meldungen aus Lateinamerika. Hier ging es schließlich, horribile dictu, um Aufstand gegen eine Obrigkeit, sprich: gegen die spanischen Bourbonen.

Dass Bonaparte mit dem Einmarsch auf der iberischen Halbinsel die Rebellion in der Neuen Welt indirekt beförderte, half bei den k.k. Zensoren kaum. Eher vielleicht, dass es um Dinge ganz weit in der Ferne ging.

Die junge Republik geriet schnell ins Visier der Spanier: Venezuela-Bericht in der "WZ" vom 11. Jänner 1812. - © WZ-Faksimile: M. Szalapek
Die junge Republik geriet schnell ins Visier der Spanier: Venezuela-Bericht in der "WZ" vom 11. Jänner 1812. - © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Jedenfalls sind in der "Wiener Zeitung" von Sonnabend, den 11. Januar 1812, abgedruckte Depeschen in der Auslandsrubrik Süd-Amerika so gemischt, dass Sympathien für die Kämpfer gegen die Kolonialherren einigermaßen kaschiert wurden.

Eine Meldung bringt unangenehme Nachrichten, wonach in der Provinz Caraccas ("cc", sic!) spanische Einheiten einen unglücklichen Versuch gegen die Truppen der Insurgenten (= "Empörer") gemacht haben. Ein Bericht aus Valencia in Venezuela wiederum gilt einer Verschwörung: Dort seien die von den Rebellen eingesetzten Autoritäten angegriffen worden und hätten sich nur mit Mühe halten können.

Venezuela 1811: Unabhängigkeits-Proklamation. 
 - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Venezuela 1811: Unabhängigkeits-Proklamation.

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Nummer 1 des Blattes der Revolution in Venezuela, 1811. - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Nummer 1 des Blattes der Revolution in Venezuela, 1811. - © Bild: Archiv/gemeinfrei

Fazit in der "WZ" anno 1812: Man fürchtet, die Macht der beyden (sich auf Freiheitskämpfer bzw. spanische Truppen stützenden) Parteyen (...) hält sich (...) die Wage (sic!); die Loslösung der Kolonien sei ohne sehr grosses Blutvergiessen unrealistisch. Wie wahr!

Ureinwohner einst. - © Bild (gemeinfrei) aus: Friedrich Ratzel, Völkerkunde (Bd. I), Leipzig u. Wien 1894
Ureinwohner einst. - © Bild (gemeinfrei) aus: Friedrich Ratzel, Völkerkunde (Bd. I), Leipzig u. Wien 1894

Spanien wurde erst 1825 endgültig bei Tumusla geschlagen - in Hochperu, das bald Bolivien hieß. Namensgeber "El Libertador" (= der Befreier) Simón Bolívar (1783-1830) erlitt bis dahin manche Rückschläge. So 1812 im Land am Orinoco mit dem Sturz der Republik Venezuela und der Entzweiung der Antikolonialisten: Ihr alter Haudegen Francisco de Miranda (1750-1816) kapitulierte, Bolívars junge Rebellen lehnten das ab, flohen und kamen bald wieder.

Sklaventransport um 1800. - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Sklaventransport um 1800. - © Bild: Archiv/gemeinfrei

Das Problem war aber nicht Jung gegen Alt, sondern die Spaltung der Südamerikaner in Kreolen (Weiße), Mestizen (Mischlinge), Indios, Sklaven. Bolívar hob die Legalität der Sklaverei auf; gleiches Recht für alle erreichte er nicht.

Sein ungeheures Verdienst bleibt, der Unterdrückung durch weiße Eroberer nach 300 Jahren ein Ende bereitet zu haben.

P.S. In Österreich sollten wir nicht vergessen, wer einst in Wien gegen Bolívars Befreiungsbewegung eine Intervention der Mächte Europas anstrebte. Es war derselbe Mann, der (siehe zweite Spalte) "WZ"-Chef Bartsch Berufsverbot erteilte und ihn ins Elend schickte.

Kopfnuss: Wie kam Venezuela zu seinem Namen?