Messtisch für Geodäten, von Marinoni entwickelt.  - © Bild: De re ichnographica... 1751. Koloriert von Philipp Aufner/WZ
Messtisch für Geodäten, von Marinoni entwickelt.  - © Bild: De re ichnographica... 1751. Koloriert von Philipp Aufner/WZ

Sternwarten ermöglichen nicht nur den Blick gen Himmel, sondern dienen auch der Vermessung des Bodens. Diesem Zusammenhang ging die Gemeine anlässlich der Zusatzorchidee der Nro. 412 näher auf den Grund.

Gesucht war ein Astronom und Geodät, also Landvermesser, den u.a. Mag. Richard Solder, Wien 13, nennt: Giovanni Jacopo de Marinoni (1676-1755). Ing. Heinrich Eder, Grödig/Slzbg., liefert den eingedeutschten Namen des in Udine Geborenen: Johann Jakob Marinoni. Eugen Mertins, Wien 16, ergänzt zum Wahl-Wiener: Er "errichtete auf seinem Haus . . . ein Observatorium". Das Gebäude befand sich, so Maria Thiel, Breitenfurt, an der heutigen Adresse "Wien I, Mölkerbastei 8".

Innenansicht des Privatobservatoriums auf der Mölkerbastei.  - © Bild (gemeinfrei): De astronomica... 1745
Innenansicht des Privatobservatoriums auf der Mölkerbastei.  - © Bild (gemeinfrei): De astronomica... 1745

Zum Bau recherchierte Brigitte Schlesinger, Wien 12, eingehend (Chapeau!): Anfang des 18. Jh.s war er "im Besitz von Leander Anguissola (1653-1720)", Kartograph und Mentor von Marinoni. Letzteren unterstützte Karl VI. (Kaiser 1711-1740) dabei, eine Sternwarte zu errichten. Eigentlich war es in diesem Stadtteil nämlich "nicht gestattet . . ., Häuser aufzustocken". In seinem 1745 erschienenen zweibändigen Werk "De astronomica specula domestica . . ." (Über die Privatsternwarte) beschreibt Marinoni das Observatorium in allen Details (siehe Skizze rechts). So wissen wir auch, dass eine "Fußbodenheizung . . . die Instrumente vor zu großer Kälte schützen sollte".

Obertüftlerin Schlesinger notiert weiter, dass Marinonis Sternwarte innerhalb der Wiener Stadtmauern, nur leicht erhöht auf einem Hügel, eigentlich gar nicht optimal gelegen war: Sie "hatte aufgrund der Höhenzüge des Wienerwaldes . . . mangelnde Horizontaussicht, wodurch Auf- und Untergangspunkte der Himmelskörper oft nicht genau erfassbar waren." Der Astronom konzentrierte sich daher auf Beobachtungen, wann welcher Himmelskörper bestimmte Punkte durchschritt, um so Meridiane genau festlegen zu können. Diese Linien waren und sind für die Landvermessung unabdingbar.

Lehrer der Edelknaben

Marinoni ließ seine Himmelsbeobachtungen aber nicht nur in seine Vermessungen und Bücher einfließen. Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, merkt an, dass der Italiener "viermal in der Woche . . . in seinem Haus" Schüler unterrichtete. Das Gebäude war auch Sitz der "ältesten polytechnischen Anstalt" im Habsburgerreich. Sie bestand "bis zum Tod Marinonis". Darüber hinaus informierte er die Stadtbevölkerung in Flugblättern über Himmelsbeobachtungen.

Wie Dr. Peter Schilling, Wien 18, herausfand, lernte "auch die junge Maria Theresia" bei ihm Astronomie. Er war im Alter von zwanzig Jahren nach Wien gekommen, wo er "zum Doktor der Philosophie promoviert" wurde. Er wirkte danach als "Mathematik-Lehrer am Edelknaben-Institut", an das Adlige ihre Söhne schickten. 1703 ernannte ihn Leopold I. (Kaiser 1658-1705) "zum Hofmathematicus".

Ihm wurde, so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram, ein Großprojekt übertragen: "In Zusammenhang mit den Kuruzzenaufständen führte er . . . mit Leander Anguissola eine Vermessung der Hauptstadt Wien und deren Vororte durch". Das "war notwendig, da Prinz Eugen (ab 1703 Präsident des Hofkriegsrates, Anm.) einen Befestigungswall um die Wiener Vorstädte" wollte.

Reste des 1704 errichteten Linienwalls bei der ehemaligen St.-Marxer-Linie um 1903. Marinoni (r., 1676-1755) führte für den Bau notwendige Vermessungen durch.  - © Bilder: Alt-Wiener Ansichten... 1900-1910/Wienbibliothek; Archiv
Reste des 1704 errichteten Linienwalls bei der ehemaligen St.-Marxer-Linie um 1903. Marinoni (r., 1676-1755) führte für den Bau notwendige Vermessungen durch.  - © Bilder: Alt-Wiener Ansichten... 1900-1910/Wienbibliothek; Archiv

Den Namen dieser Verteidigungsanlage, die fast 200 Jahre lang bestehen sollte, nennt Heidi Liebl, Wien 23: Linienwall. Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, mit Details: "Die Arbeiten wurden (nach Vorstudien) . . . am 26. April 1704 in Angriff genommen. Alle Bewohner der Stadt zwischen 18 und 60 Jahren mussten Schanzarbeit leisten (Schanze: Erdwerk als Stütze einer Fortifikation) oder einen Vertreter entsenden . .. Noch im selben Jahr war der Bau vollendet (am 11. Juli)." Mit Ziegeln ausgemauert wurde er 1738.

Gerhard Toifl, Wien 17, liefert eine Lagebeschreibung: Der ursprünglich mit Palisaden versehene "Erdwall mit einem vorgelagerten Graben" verlief "zwischen dem Donauarm bei Sankt Marx (heute 3. Bezirk) und dem Lichtental (heute 9. Bezirk)", und zwar "aus militärischen Gründen im Zickzack". Ende des 19. Jh.s wurde er abgetragen. Weite Teilstrecken entsprechen der Straßenführung des "Gürtels".

Dass der Linienwall "auf den Verlauf alter Flur- und Siedlungsgrenzen keine Rücksicht nahm", betont Mag. Margaretha Husek, Wien 23. So trennte er z.B. "einen Teil des Lerchenfeldes ab", der "hauptsächlich aus Weingärten" bestand.

Eingezeichnet ist der Linienwall erstmals auf einer Karte, die, so P. Johannes Wrba SJ, Wien 1, als "Anguissola-Marinoni-Plan" (1706) bekannt ist. Für diesen vermaßen, wie Herbert Beer, Wolfpassing, anmerkt, Anguissola und sein damaliger Mitarbeiter Marinoni die "vorstädtischen Gebiete . . . zwischen den Basteien und dem Linienwall". Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, beschreibt, warum auf dem Plan die Vorstädte "eine höhere Genauigkeit . . . als die Innere Stadt" aufweisen: Die beiden Geodäten "stützten sich . . . für den Bereich der Innenstadt auf ein 1680 fertiggestelltes Holzmodell von Daniel Suttinger, alles andere vermaßen sie neu."

Tisch und Waage

Marinonis Leidenschaft galt nicht nur der Astronomie und Landvermessung, sondern, wie Christine Sigmund, Wien 23, notiert, auch "der Verbesserung der Instrumente". So entwickelte er u.a. den von ihm selbst erfundenen Messtisch (s. Bild l.) ständig weiter. "1714 entwarf er eine planimetrische Messwaage". Mit dieser kann ein Modell einer Fläche gegen geeichte Metallplättchen abgewogen werden, wodurch Rückschlüsse auf die Flächengröße gezogen werden können. Des Weiteren schuf Marinoni ein Mikrometer, ein optisches Messinstrument, "welches später von Joseph Fraunhofer (Optiker und Physiker, 1787-1826, Anm.) verbessert werden konnte."

Dr. Manfred Kremser, Wien 18, zum Messtisch: Diese Erfindung war "eine der bedeutendsten Leistungen im Landmessverfahren" und stand "bis ins 20. Jh. in Verwendung . . . Ein Schulfreund, . . . der in Ostösterreich in den 1960er-Jahren als Vermesser unterwegs war, erinnert sich noch an Restexemplare neueren Datums". Die Platte auf dem Instrument weist das Größenverhältnis 1:1,15 auf. Übrigens: Diese Längenrelation hat auch jene Gedenktafel, die "am 17. Mai 2017 . . . im Rahmen eines Internationalen Kataster-Kongresses in Wien feierlich" in der Krypta der Schottenkirche enthüllt wurde. Sie ist Marinoni gewidmet, der dort begraben liegt. Die Tafel geht auf die Initiative des dem Tüftler "bestens bekannten", Ende 2019 verstorbenen Geodäten DI Heinz König zurück. Er war auch Leiter des Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen.

Apropos Schottenkirche. Tüftler Dr. Kremser ergänzt: "Marinoni wohnte auf der Mölkerbastei, die zur Schottenpfarre gehörte. Er beendete mit einem Gutachten den jahrelangen Streit zwischen der Stadt Wien und dem Schottenstift" um den "Grenzverlauf des sogenannten Neudegger Lehens" rund um den Spittelberg.

Griechische Fußstapfen

Zurück zu den Sternen bzw. zur Sternwarte führt Manfred Bermann, Wien 13, der festhält, dass Marinonis Privateinrichtung als "erstes Wiener Observatorium anzusehen" ist. Danach folgen, wie Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz, informiert, "die Jesuiten (durch ihn dazu angeregt) mit einer Sternwarte auf ihrem Kollegiumsgebäude (Alte Universität, Anm.); 1733 wurde . . . die Universitätssternwarte eingerichtet und mit den Instrumenten Marinonis ausgestattet". Dazu Prof. Brigitte Sokop, Wien 17: "Nach seinem Tod" waren viele Geräte "an den Hof" gefallen. Die Leitung dieses Observatoriums der Hochschule übernahm 1755 der Protagonist der Oktober-Zeitreisen Maximilian Hell. Es befand sich am heutigen Ignaz-Seipel-Platz am jetzigen Sitz der Akademie der Wissenschaften.

Noch zu Lebzeiten Marinonis erschien sein Werk "De re ichnographica cujus hodierna praxis exponitur . . .", das Volkmar Mitterhuber, Baden, samt Übersetzung nennt: "Über die Aufnahme von Karten und Plänen, deren heutige Praxis dargelegt . . . wird" (1751). Erst 1775 wird seine "Alte und neue Ichnometrie" publiziert. "Ichnographie" leitet sich vom griechischen ichnos (Fußstapfen bzw. Fährte) ab und bedeutet Grundriss. "Marinoni verwendet diesen Ausdruck für die Darstellung eines Planes zum Unterschied von der "Ichnometrie", womit er dessen Auswertung, das heißt, die Entnahme von Längen und die Berechnung von Flächen" bezeichnete.

Mailänder Kataster

Seiner Errungenschaften war sich Marinoni durchaus bewusst. Dr. Harald Jilke, Wien 2, notiert: "Nicht frei von Eitelkeit" führt er etwa in einem seiner Bücher "die Verdienste an, die zu seiner Nobilitierung (1726, Anm.) geführt haben, sowie lobende Besprechungen seiner Ideen durch berühmte Kollegen". An anderer Stelle hält Marinoni fest, dass über seine Sternwarte gesagt wurde, sie sei die "schönste in Europa".

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, sieht "Marinonis bedeutendste . . . Leistung" in der von ihm 1719 bis 1723 durchgeführten "Vermessung des Herzogtums Mailand für den neuen Grundsteuerkataster", das erste "Grundstücksverzeichnis eines ganzen Landes". Es "wird noch heute in der Lombardei mit großem Respekt gewürdigt."

Jedoch sollte dieser Datenschatz, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, "erst nach jahrzehntelangen . . . Auseinandersetzungen" 1760 Anwendung finden und nach der seit 1740 von Wien aus regierenden Herrscherin "Catastro Teresiano" genannt werden.

Zusammenstellung dieser Seite: Barbara Ottawa