In sonnendurchflutete und im Winter geheizte Wohnungen zogen im Biedermeier Bürgerliche - und deren blühende Mitbewohner.  - © Bild: Rosalia Amon, 1849/Wien Museum
In sonnendurchflutete und im Winter geheizte Wohnungen zogen im Biedermeier Bürgerliche - und deren blühende Mitbewohner.  - © Bild: Rosalia Amon, 1849/Wien Museum

Schenkt man einer 1891 in Leipzig publizierten Schrift Glauben, dann verspricht ein Blumenstock Abhilfe bei so manchem Übel. Wie zum Beispiel bei Folgendem: Wenn "der Arbeiter seine freie Zeit weniger im Hause als in dem Wirthshaus verbringt." Denn, so heißt es weiter, "einige grüne Pflanzen bannen aus dem Zimmer den Eindruck des Todten und Starren, welcher selbst den schönsten und stilvollsten Möbeln anhaftet." Ob so eine Topfpflanze auch den meist miserablen Wohnbedingungen der Arbeiterhaushalte den Schrecken hätte nehmen können, sei dahingestellt. Die breite Masse hatte in der Regel mit existentiellen Sorgen zu kämpfen. Über grünen Dekor im Wohnraum zerbrach sich die Bourgeoisie den Kopf.

Rund um dieses Thema recherchierte die Gemeine anlässlich der Spezialfragen der Rubrik KARTEN GELESEN (Nro. 411).

Die Pflanzenliebhaberei blickt auf eine lange Tradition zurück, wie Volkmar Mitterhuber, Baden, notiert: "Vor etwa 3500 Jahren" züchteten "Ägypter und Sumerer meist kleine Bäume und Sträucher in steinernen Töpfen und Vasen ... Griechen und Römer übernahmen die Kultivierung von Pflanzen".

Wintergarten in vornehmem Haus.  - © Bild (gemeinfrei): 1836, MET Museum
Wintergarten in vornehmem Haus.  - © Bild (gemeinfrei): 1836, MET Museum

Mit Europas Kolonialbestrebungen in der Neuzeit erreichte das Grün im Innenraum größere Dimensionen. Ab dem 15. Jh. brachten Seefahrer Pflanzen aus aller Welt mit. Brigitte Schlesinger, Wien 12, schließt an: Die Zucht von Gewächsen im eigenen Domizil "entwickelte sich ... zu einer großen Leidenschaft, der vor allem die Reichen aller Länder frönten." Der Adel stellte "Zitrusbäumchen, Rosmarinsträucher und bunte Pelargonien in Orangerien zur Schau." Mit Beginn des bürgerlichen Zeitalters und besonders ab dem "Biedermeier wurden Blumentischchen Bestandteil des Salons."

Akademisches Garteln

In der Donaumetropole verhalf 1754 die Gründung eines "Hortus Medicus", des Botanischen Gartens der Universität Wien (heute Rennweg 14, Bezirk Landstraße), der Begeisterung für ausgefallenes Blattwerk zu wissenschaftlichem Aufschwung. Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, merkt an: "Bis ins 19. Jh." galt "die akademische Pflanzenkunde nur als Hilfswissenschaft der Medizin" und war "Teil der Arzneimittellehre". Der "Dekan der Wiener Medizinischen Fakultät und kaiserliche Leibarzt, Ger(h)ard van Swieten (1700-1772)", erwirkte "bei Maria Theresia 1749 die Erlaubnis ..., erstmals eine Lehrkanzel für Botanik und Chemie einzurichten. Im Umfeld dieser Entwicklung wurde auch der Botanische Universitätsgarten (damals "Kräutergarten") angelegt."

Auf Vermittlung des bekannten Medicus wurde der im damaligen Herzogtum Lothringen gebürtige Robert F. Laugier (1722-1793) als erster Direktor eingesetzt. Zuvor war er bereits an der Planung des Hortus Botanicus Vindobonensis beteiligt gewesen.

Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, weiter: "Laugier fiel zunehmend in Ungnade". Van Swieten kreidete ihm mangelnde Lateinkenntnisse und die Vernachlässigung von Lehrverpflichtungen an. Es folgte eine Gehaltskürzung. Daraufhin bat Laugier 1768 um Entlassung. In einer "scharfen Stellungnahme" sprach sich van Swieten für den Rücktritt aus - "bezeichnenderweise ohne Pension".

Bereits erwähnter Tüftler Dr. Litschauer hält fest, dass van Swieten gegen Laugier regelrecht "intrigierte und oft kleinliche Vorwürfe erhob." Dabei bleibt ungeklärt, warum der ehemalige Günstling derart aneckte.

Gerhard Toifl, Wien 17, fügt an: Nach seinem Abgang lehrte der Pflanzenkundler "bis 1783 in Modena. 1793 starb er."

Sein bekanntestes wissenschaftliches Vermächtnis erwähnt Herbert Beer, Wolfpassing: Das dreiteilige Lehrbuch "Institutiones pharmaceuticae sive philosophia pharmaceutica".

Geselliger Botanikus

Schon genannte Nussknackerin Schlesinger: Wie aus "Briefen ersichtlich, hatte van Swieten ... seinen Freund und Landsmann" Nikolaus Joseph Jacquin (1727-1817) als "Nachfolger vorgeschlagen. Maria Theresia folgte diesem Rat."

Der leidenschaftliche Pflanzenkenner Jacquin trat noch im gleichen Jahr 1768 die Stelle an. Und das mit einem ansehnlichen Gehalt, obwohl er zuvor sein Medizinstudium abgebrochen hatte. Den Abschluss holte er rasch nach: Bereits 1769 promovierte er zum Doktor der Arzneikunde.

Mit oder ohne Titel: Der frischgebackene Direktor glänzte in seiner Position. Auf mehreren Expeditionen erweiterte er sein Wissen. Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, dazu: "Jacquin sammelte auf Forschungsreisen ... Pflanzen für ... Museen und Gärten" des Hofes.

Außerdem machte er sich daran, den Hortus Botanicus nach dem "Linné’schen System" zu gestalten. Manfred Bermann, Wien 13, erklärt dazu: "Carl von Linné (1707-1778, Anm.) hat mit der von ihm (mit)begründeten Systematik der Botanik und Zoologie die binäre Nomenklatur eingeführt."

Demnach setzt sich die Benennung von Flora und Fauna erstens aus dem Namen der jeweiligen Gattung und zweitens aus der spezifischen Bezeichnung der Art zusammen. Dieses System, das Linné in seiner Tätigkeit im Garten der schwedischen Universität Uppsala umgesetzt hatte, gilt in Abänderung bis heute. Geschichtsfreund Bermann ergänzt persönliche Reiseeindrücke: "Ich war erstaunt, wie klein ... die in Uppsala befindlichen Beete waren"; auch "deren geringe Anzahl" überraschte.

Zurück in die Donaumetropole zu Jacquin, dessen Bekanntheit Jahrhunderte überdauerte. Schon genannte Tüftlerin Schlesinger vermutet, dass seine Prominenz auf "Fleiß, Schaffensfreude, sicher auch Ehrgeiz" zurückzuführen ist. Dazu kam Geselligkeit: Sein Salon war "jeden Mittwochabend ... Mittelpunkt der Wiener Gesellschaft."

Auch so manches Pflänzchen hielt sich im Botanischen Garten. Dr. Harald Jilke, Wien 2, dazu: "Die große Platane vor ... und der Ginkgobaum seitlich des Instituts (für Botanik und Biodiversitätsforschung, Anm.) ... stammen noch aus jener Zeit."

Abschließend fügt bereits zitierter Dr. Litschauer an: Direktor blieb Jacquin "bis 1796, dann übernahm sein ... Sohn Joseph Franz (1766-1839) die Leitung. Gerade in diesen ersten Jahrzehnten des 19. Jh.s begann in Europa der Siegeszug der Topfpflanzen in den biedermeierlichen Haushalten."

P.S. Der Buchpreis geht an G. Toifl; Gratulation!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Christina Krakovsky