"Es lebe das Gemüse, es lebe das Grahambrod, es lebe das Wasser!" So scherzte 1879 das Wiener humoristische Blatt "Figaro". Der "Vegetarianismus" winke Bewohnerinnen und Bewohnern Wiens "in der Fleischkalamität Hilfe zu!" Seit mehr als zwei Jahrzehnten hatte damals die Rinderpest vor allem in der k.u.k. Monarchie sowie in Russland gewütet und die Preise für tierische Produkte in die Höhe getrieben.

Der Vegetarismus oder Vegetarianismus - die Ausdrücke wurden lange parallel gebraucht - war damals eine neue Erscheinung in Wien. Aus ethischen oder gesundheitlichen Gründen verschrieben sich Angehörige des Bürgertums einer fleischlosen Diät. Der erste Vegetarierverein in der Donaumetropole dürfte bereits 1877 gegründet worden sein. Weitere Regionalgruppen folgten.

Vegetarier im Habsburgerreich wollten sich zusammenschließen, berichtete die "WZ" am 4. Februar 1903 auf insgesamt 20 Zeilen, die mit dem (hier nicht wiedergegebenen) Initial "F." gezeichnet sind. - © Faksimile: Moritz Szalapek/WZ
Vegetarier im Habsburgerreich wollten sich zusammenschließen, berichtete die "WZ" am 4. Februar 1903 auf insgesamt 20 Zeilen, die mit dem (hier nicht wiedergegebenen) Initial "F." gezeichnet sind. - © Faksimile: Moritz Szalapek/WZ

Am 1. und 2. Februar 1903 fand in der Kaiserstadt der zweite Vegetariertag statt. Die "Wiener Zeitung" berichtete am 4. Februar, dass die Delegierten die Schaffung eines österreichischen Vegetarierbundes vorbereiteten. Die Idee ging vom Wiener Vereine für Vegetarianismus und Naturheilkunde aus und fand lebhaften Anklang.

Spöttisch wurde das Gemüse links im 19. Jahrhundert von jenen zitiert, die Vegetarier "Kohlrabi-Apostel" nannten. - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Spöttisch wurde das Gemüse links im 19. Jahrhundert von jenen zitiert, die Vegetarier "Kohlrabi-Apostel" nannten. - © Bild: Archiv/gemeinfrei

Der erste Vegetariertag im Jänner 1902 hatte wenig Medienecho erzeugt. Ein Jahr später enthielt unser Blatt sowohl eine Vorankündigung mit der Information, dass Nichtvegetarier (...) als Gäste willkommen seien, als auch mehrere Nachberichte zu diesem zweiten Kongress.

Aus einer Notiz in der "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" vom 3. Februar 1903 wissen wir, dass auf Beschluß der Teilnehmer ein Huldigungstelegramm an Leo Tolstoi (1828-1910) gesandt wurde. Es preist den großen Dichter, Denker und Humanisten als größten Vegetarier.

Vom ersten internationalen Vegetarierkongress 1908 erging ebenfalls eine "Gratulationsadresse" an den Russen, und zwar zu dessen 80. Geburtstag. Bei dem Treffen in Dresden wurde ein Komitee mit Vertretern des Deutschen Reiches, der Habsburgermonarchie, Hollands und Großbritanniens gewählt. Auf den Britischen Inseln hatten bereits in den 1850ern die zunehmende Verstädterung und die damit zusammenhängenden Ernährungsumstellungen zu einer Diskussion rund um Hygiene und Ethik des Fleischgenusses geführt.

Das für die Zeitreisen kolorierte Hauptbild oben basiert auf einer ähnlichen englischen Karikatur aus 1852. Im Original werden die zur Schau gestellten "Vegetarians" als fremdartig bestaunt. In der oben wiedergegebenen Version würdigt sie bei einer Ausstellung niemand eines Blickes. Diese "Producte des Berliner Vegetarianismus" präsentierte 1879 das Satire-Heft "Kladderadatsch". Heimische humoristische Blätter stellten Vegetarier oft ausgemergelt und unterernährt dar. Sogar, wie im Bild unten, nach sportlichen Höchstleistungen.

Als Schnellste absolvierten zwei Vegetarier 1893 einen Fußmarsch von Wien nach Berlin.  - © Bild: Satireblatt "Kikeriki", 11. Juni 1893/Schmuckfarbe: WZ
Als Schnellste absolvierten zwei Vegetarier 1893 einen Fußmarsch von Wien nach Berlin.  - © Bild: Satireblatt "Kikeriki", 11. Juni 1893/Schmuckfarbe: WZ

Ausgewiesene vegetarische Restaurants gab es in Wien schon früh: Das "Thalysia" in der Oppolzergasse 4 nahe dem Universitätsgebäude am Ring diente den Delegierten des zweiten Vegetariertags als Versammlungsort. An dieser Adresse ist um 1910 auch der Sitz des "Oesterreichischen Vegetarierbundes" belegt. Das Lokal "Thalysia" (oder "Thalisia") war bereits 1883 - damals am Alsergrund (Wien 9) - für Küche mit ausschließlich fleischlosen Speisen bekannt.

In einem englischsprachigen Reiseführer werden 1913 darüber hinaus "Zur Wohlfahrt" am Judenplatz und "Ramharter Karl" in der Wallnerstraße, beide Wien 1, erwähnt. Letzterer ist schon 1895 im Amtsblatt der Stadt Wien als "Inhaber einer Vegetarianerküche" gelistet. Im ebenfalls "Zur Wohlfahrt" genannten Gasthaus in der Grazer Herrengasse wurden Fleischverächterinnen und Gemüsefreunde über Beschlüsse der Vegetariertage in Wien informiert.

Fleischlose Speisen fanden sich an der Wende zum 20. Jahrhundert auf den meisten Tellern notgedrungen fast täglich. Für das erstarkte Bürgertum, das sich tierische Produkte zunehmend leisten konnte, war der Verzicht darauf eine Wahl.

Beim ersten Vegetariertag in Wien wurde verlautbart: "Der Vegetarismus ist die Weltanschauung des reinen Menschenthums, der Liebe, Gerechtigkeit und des Mitleids." Neben Tierquälerei verdammten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die aus vielen Reichsteilen angereist waren, u.a. Todesstrafe, Krieg, "Börsenspiel" und "Arzneigifte". Fleisch galt ihnen als Nahrung, die Aggression steigert.

Am 21. August 1902 berichtete unser Blatt, dass die Zahl der Vegetarier in Wien zunehme. Anfänglich begegnete man hier der Pflanzenkost mit Spott. Sie sei dem Wiener Magen nicht zuträglich. Nun werde immer mehr Sorgfalt auf das Gemüse verwendet, teils ganz ohne die lange beliebte "Einbrenn". Ob vegetabilischen Gerichten das Gefühl einer größeren Gesundheit zuschreibbar ist, lässt die 1902 mit bo. zeichnende Person offen. Kritik klingt an der veganen Diät der extremen Vegetarier durch, die - statt Schmalz - nur das Öl von Pflanzen (...) verwendet wissen wollen.

Wenige Jahre nach den Vegetariertagen prägten krisenbedingt Hunger und Lebensmittelknappheit die Ernährungs-Diskussion.

Kopfnuss: Wieso nannte sich das vegetarische Restaurant "Thalysia"? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)