Verkleidete beim Tanz, um 1800. - © Bild (gemeinfrei): Rijksmuseum. Farbbearbeitung: Philipp Aufner/WZ
Verkleidete beim Tanz, um 1800. - © Bild (gemeinfrei): Rijksmuseum. Farbbearbeitung: Philipp Aufner/WZ

Geradezu aufsehenerregend muss es für das Wiener höfische Publikum gewesen sein, als das "Wienerische Diarium" am 5. Jänner 1743 rechtzeitig zu Beginn der Faschingszeit eine Kundmachung der niederösterreichischen Regierung veröffentlichte: Demnach waren masquirte Ball / und Festins in dieser Saison am Hof erlaubt, sogar in der Mehl=Gruben, einem Vergnügungsetablissement, das sich am Neuen Markt befand - an seiner Stelle wurde 1898 das Hotel Ambassador eröffnet.

Es war insbesondere Maria Theresias Gemahl Franz I. Stephan, der solche Maskenbälle befürwortete, seit er sie während seiner Jugend in Lothringen schätzen gelernt hatte. In Wien war derlei Treiben bei Hofe eher verpönt. Strenge Sittenwächter wie der Prediger Abraham a Sancta Clara, der seine Wortgewalt auch für antisemitische Hetze benutzte, wetterten gegen "verlarvte Däntz" und bedauerten 1709, dass von lauen Christen der Fasching "eyffriger / kostbarer / rarer / und hochfeyerlicher celebriert" würde als das Osterfest.

Dieser Kampf gegen die Masken scheint in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts durchaus erfolgreich gewesen zu sein: Zunehmend wurden derlei Verkleidungen zu Faschingszeiten aus dem öffentlichen Raum verbannt, bis nur noch dem Adel in wenigen geschlossenen Gesellschaften die Verhüllung des Gesichts gestattet war.

Gefahr für die Moral

Als nun 1743 große Maskenbälle erlaubt wurden, war dies manch konservativen Hofstellen ein Dorn im Auge: Das Thema der Masken war laut dem Obersthofmarschall Johann Joseph Khevenhüller-Metsch Anlass zu "Unanständigkeiten, Zanckereien und Immodestien" und wurde im Vorfeld der Bälle in eigenen schriftlichen Gutachten ausgiebig diskutiert. Khevenhüller befürchtete "üble Folgen in puncto sexti" und wurde in seiner Skepsis ob des für ihn moralisch zweifelhaften Vergnügens bestätigt: Die "Freiheit unter der Larven" habe zu "sonderbahren Avanturen und Liebsintriguen" geführt, so vermerkte er bald nach dem ersten in der Hofburg abgehaltenen Maskenball in seinem Tagebuch.

In der Winterreitschule der Wiener Hofburg fand anlässlich der Vermählung von Erzherzogin Maria Anna mit Prinz Karl Alexander von Lothringen am 12. Februar 1744 ein Maskenball statt.  - © Bild (Ausschnitt): Galli Bibiena/Pfeffel 1744; KHM-Museumsverband
In der Winterreitschule der Wiener Hofburg fand anlässlich der Vermählung von Erzherzogin Maria Anna mit Prinz Karl Alexander von Lothringen am 12. Februar 1744 ein Maskenball statt.  - © Bild (Ausschnitt): Galli Bibiena/Pfeffel 1744; KHM-Museumsverband

Die strikten Regeln, die ab 1743 zu beachten waren, wurden im "Diarium" erläutert: Die Masquen durften weder scandalos, noch unverschämt gestaltet sein, geistliche oder Ordenskleidung war verboten - zu oft war die Geistlichkeit im Fasching verspottet worden. Bei der Anreise zum Ball durfte die Verhüllung keinesfalls angelegt werden, ausgenommen im Wagen oder in der Sänfte; beim Eintritt zur Ballveranstaltung wiederum musste die Maske getragen werden, erst in den Ballsälen war es erlaubt, sie wieder abzunehmen.

Kommissare am Einlass

Doch wie die Identität einer maskierten Person beim Eintritt feststellen? Wie garantieren, dass nicht ein Übeltäter, eine Betrügerin an eines der Eintrittsbillets gelangt war, um sich unter dem Deckmantel der Anonymität einzuschleichen? Spätestens ab 1752 wurde diese Frage in eigens ausgehängten Ballordnungen geklärt: Beim Eintritt in die Redoutensäle wurden eigene Kommissare aufgestellt, vor denen sich die Verkleideten "zu demasquiren" sowie ihren "Character anzusagen" hatten.

Dem "Diarium" wiederum - nämlich der Ausgabe vom 5. Jänner 1752 - konnten die Ballgäste die Namen dieser insgesamt drei Kommissare entnehmen: Johann Leopold Edler von Schick, Theodor von Thoren und Joseph Franz Edler von Reichmann waren es, die die hohen Ämter innehatten und am Einlass die Überprüfung der Vergnügungssüchtigen vornahmen; auch für die Ballsaisonen 1753 und 1754 veröffentlichte das "Diarium" die Namen der jeweiligen Maskenkommissare.

In späteren Jahren wurde das maskierte Treiben wieder sistiert, nach zwei riesigen, 1770 im Belvedere anlässlich der Hochzeitsfeierlichkeiten Maria Antoinettes abgehaltenen Maskenbällen konnte diese Form der Vergnügung erst ab 1773 wieder regelmäßig in der Hofburg stattfinden, diesmal waren selbst Bürgerliche zugelassen. Die nun publizierten Ballordnungen untersagten bestimmte Masken und Kostüme - zeitweilig war auch Männern verboten, sich als Frauen zu verkleiden, die Grenzen zwischen den Geschlechtern sollten derart fixiert werden.

Grund dafür, die Zeit des Faschings und Karnevals nicht nur für die Geschlechterordnung, sondern darüber hinaus für Leib und Leben für gefährlich zu halten, hatten die Habsburger allemal: Dienten dem Volk derlei Belustigungen mit ihrem tollen Treiben zwar zumeist als Ventil für unter dem Jahr murrend ertragene Bedrückungen, konnte manchmal die Stimmung kippen, drohten Aufruhr und Aufstand. Gut möglich, dass dem habsburgischen Hof noch präsent war, dass 1376, während der so genannten "bösen Fasnacht" zu Basel bei Unruhen mehrere österreichische Adlige aus dem Gefolge des Herzogs Leopold III. dem Zorn der Bürger zum Opfer gefallen waren.

Durch die Verkleidungen und die Verhüllung des Gesichts wurden derlei Situationen noch gefährlicher, Berichte von Morden durch maskierte Personen waren kein Einzelfall - es war ein Maskenball, bei dem 1792 der schwedische König Gustav III. durch Vermummte umstellt und erschossen wurde. Dieses Attentat fiel in eine Zeit, als Maskeraden schon stark in Kritik geraten waren und zunehmend verboten wurden: Das Bürgertum und seine Revolutionäre verachteten mit den Masken das Gekünstelte der höfischen Welt.

Der Vorteil der Larve

Tatsächlich waren es gerade die starren Schranken der ständischen Gesellschaft, die in den Jahrzehnten zuvor die Maskierung für den Adel attraktiv gemacht hatten: Mit Larve zumindest pro forma anonym durften Angehörige des Hochadels mit niedriger Gestellten oder - horribile dictu - gar Bürgerlichen halbwegs ungezwungen in Kontakt treten, ohne ihr Ansehen, ihr Gesicht zu verlieren. Die Teilnahme an einem Ball im Etablissement der Mehlgrube etwa wäre "ein zu niederträchtiger Aufenthalt für den Hof, es wäre denn, selber erschine en masque" - so formulierte es der in Fragen des Hofzeremoniells bestens bewanderte Khevenhüller während der Faschingssaison 1775.

Der Schriftsteller Richard Schuberth betonte 2009/10 in Auseinandersetzung mit William Congreve (1670- 1729), einem Meister der Verstellung und des hintergründigen Witzes, dass Maskeraden mitsamt ihrer Anforderung, jeweils neuen Rollen gerecht zu werden, ihre Trägerinnen und Träger dazu anregen, sich neu zu erfinden: Das keineswegs ungefährliche Spiel mit multiplen personae - so die lateinische Bezeichnung für Masken - erlaubt es, klüger zu werden und Erkenntnis zu gewinnen.

Dass Masken nunmehr nicht nur zum Vergnügen angelegt werden, sondern aus gesundheitlichen Gründen getragen werden müssen, wird die Auseinandersetzungen um Natürlichkeit, Gesichtsverlust und Erkenntnisgewinn über die Zeit der Pandemie hinaus beflügeln.

Dr. Anton Tantner ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Wien. Zuletzt erschien bei Mandelbaum eine Zusammenstellung seiner u.a. in den Zeitreisen und in der Straßenzeitung "Augustin" publizierten Beiträge unter dem Titel "Von Straßenlaternen und Wanderdünen. Miniaturen aus dem abseitigen Wien". Ab März sind an den Volkshochschulen Landstraße und Simmering wieder Vorträge zu historischen Themen geplant, Termine unter vhs.at sowie tantner.net.

TIPP: Die Schau "Coronas Ahnen" (Kaiserliche Wagenburg, Schönbrunn) widmet sich "Masken und Seuchen am Wiener Hof 1500-1918". Sie soll ab Öffnung der Museen (nun für 8. Februar angesetzt) bis 11. April laufen.