Suchte der einsame Regent einen Hund wie oben als Gefährten?  - © Bild: Das goldene Buch, o.O., o.J. (1884?)
Suchte der einsame Regent einen Hund wie oben als Gefährten?  - © Bild: Das goldene Buch, o.O., o.J. (1884?)

Liebe Zeitreisende, heute gestattet sich Ihr Cicerone, Ihnen einen Floh ins Ohr zu setzen. Und zwar einen Floh aus dem Fell eines herzensguten und klugen Hundes, der im 18. Jahrhundert meist auf den Namen Caro gehört haben soll. Dieser Caro gibt allerdings unbestreitbar majestätische Rätsel auf.

Gab es ihn überhaupt? Wenn ja: War er ganz sicher ein Pudel? Vor allem aber: Wurde er tatsächlich kaiserlicher Liebling?

Bedauerlicherweise gelang es bisher nicht, den Vierbeiner in alten Ausgaben der "Wiener Zeitung" aufzuspüren. Was damit zusammenhängen mag, dass Joseph II. im führenden Blatt der Monarchie einfach nichts über diese Privatangelegenheit lesen wollte, sich als Landesherr also derlei verbot. Gut möglich ist auch, dass Artikel über des Kaisers Hund einfach nicht den einstigen journalistischen Usancen entsprachen.

Titelblatt (Teil) von Bermanns "Alt-Wien ...", Auflage 1888. - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Titelblatt (Teil) von Bermanns "Alt-Wien ...", Auflage 1888. - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Spitzenmeldung auf der Titelseite der "Wiener Zeitung" von "Sonnabend den 5. März 1785". - © WZ-Faksimile: M. Szalapek
Spitzenmeldung auf der Titelseite der "Wiener Zeitung" von "Sonnabend den 5. März 1785". - © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Ein Beispiel: Am 5. März 1785 brachte unsere Gazette die streng amtliche Spitzenmeldung: Des Kaisers Maj. (= Majestät) haben allergnädigst geruhet, Ihren (...) Hofsekretair bey der Ungarischen Hofkanzley, Alexander v. Pasztory, zum Hofrath zu erheben.

Angenommen, bei Signierung dieses Dekrets wäre dem über seinen (übrigens noch existenten) Schreibtisch gebeugten Joseph II. dessen vierbeiniger Begleiter zu Füßen gelegen - wer hätte das für publikationswürdig gehalten? So etwas würde für uns Heutige in gewisse Reportagen passen, die damals schlicht fehlten.

Freudig wedelnd soll ein recht großer Pudel dem im Augarten spazierengehenden Volkskaiser zugelaufen sein.  - © Bild aus "Alt-Wien ...", Auflage 1907, koloriert von Philipp Aufner/WZ
Freudig wedelnd soll ein recht großer Pudel dem im Augarten spazierengehenden Volkskaiser zugelaufen sein.  - © Bild aus "Alt-Wien ...", Auflage 1907, koloriert von Philipp Aufner/WZ

Wie auch immer, eines steht fest: Es gibt Details zu dem geheimnisvollen Tier, die nicht so ohne weiteres abzutun sind - erstens, weil sie vom Wien-Kenner Mori(t)z Bermann (1823-1895) stammen, und zweitens, weil dieser Autor einen biographischen Nachweis zu der Causa anführt. Das ist kein Zufall, widmete sich der Schriftsteller doch zeitlebens der Stadt- und Personengeschichte.

Da das Histörchen "Kaiser Josef’s Pudel" in B.s "Alt-Wien in Geschichten und Sagen für die reifere Jugend" etwa vier Buchseiten füllt, nachfolgend eine knappe Darstellung der wichtigsten Punkte daraus (basierend auf Auflage 1888).

Die Hauptszene der Schilderung spielt im Augarten, den Joseph II. schon als Mitregent 1775 öffentlich zugänglich gemacht hatte und den er oft besuchte. Bei einem dieser Spaziergänge lief ihm "ein schöner Pudel" zu, der nicht mehr von ihm wich. Er nahm das Tier in die Hofburg mit, wo er auf dem "lackirten schwarzen Halsbande" die eingravierten Worte "Kaiser Josef" entdeckte. Damit schien alles klar zu sein: Jemand aus der Hofgesellschaft hatte den Hund dressiert, um ihn so dem Kaiser zum Präsent zu machen.

Blick in den Augarten bald nach Freigabe für die Öffentlichkeit 1775, die Maria Theresias Erstgeborener erklärte.  - © Bild: Kolorierter Stich der Zeit (Teil)/gemeinfrei
Blick in den Augarten bald nach Freigabe für die Öffentlichkeit 1775, die Maria Theresias Erstgeborener erklärte.  - © Bild: Kolorierter Stich der Zeit (Teil)/gemeinfrei

Der offensichtlich Beschenkte behielt den anhänglichen Vierbeiner, dem er den Namen Caro gab.

Einen Monat später geschah bei einer Augarten-Visite von Hund und neuem Herrl Seltsames.

Plötzlich war Caro völlig außer sich und sprang "einem behäbigen, ehrbar gekleideten Manne" freudig an die Brust. Der derart Liebkoste aber rief erstaunt: "Ja, Muffel, wo kommst denn Du her?"

Allee im Augarten einst. - © Bild: Kolorierter Stich der Zeit (Teil)/gemeinfrei
Allee im Augarten einst. - © Bild: Kolorierter Stich der Zeit (Teil)/gemeinfrei

Bald herrschte kein Zweifel, dass der entlaufene Pudel seinen Besitzer gefunden hatte. Frappiert verwies der Monarch auf das Halsband "mit meinem Namen". Und nun stellte sich Muffels altes Herrl als "Appellations- und Landrechtenkanzellist Josef Kaiser" vor...

Alles nur ein G’schichterl? Bermann erklärt zu Josef Kaiser: "Der in Wien wohlbekannte, verdiente Staatsbeamte starb in seinem Hause in der Leopoldstadt 1790, achtundvierzig Jahre alt." Das ist ein Indiz.

Es heißt auch, der Monarch sei Boot gefahren - mit Caro und "Schiffknecht" Josef Freimandl, der "1796 im Alter von 52 Jahren" starb.

Zur Schreibung Josef statt Joseph II. im Text ist zu betonen, dass die "ph"-Version nicht sakrosankt war. Namen nahm man nicht so streng wie heute: So hieß der Kaiser zuerst "der Andere" (= alte Form für "Zweiter"), was man dann durch "der Zweyte" ersetzte.

Bleibt lediglich in puncto Liebe zum Hund noch unbedingt der Hinweis, dass Joseph ab dem Tod seiner geliebten ersten Gemahlin Isabella anno 1763 einsam blieb; die zweite Ehe mit der 1767 verstorbenen Maria Josepha war ein Fiasko. Danach heiratete er nicht mehr. Ein bellender Gefährte passt eigentlich zu einem Mann in dieser Lage...

So oder so: Bei Autor Bermann schenkt der alte Besitzer das Prachttier letztlich dem Kaiser, der vielleicht schon als Bub (vgl. Bild links außen) mit Vierbeinern spielte. Muffel wurde demnach endgültig Caro und Begleiter des alleinstehenden Monarchen. Werden wir je erfahren, ob dies des Pudels Kern ist?

Kopfnuss: Wer publizierte erstmals die These vom Hund als von Flöhen bewohntem Organismus? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)