Ein einziges Wort prangte auf einem großen Transparent, das Demonstranten an der Spitze eines Protestzuges trugen: "Hunger". Dies ist über einen der Aufmärsche überliefert, wie sie in Wien in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg häufig vorkamen. Im Rahmen der Orchidee der Nro. 414 beschäftigte sich die Gemeine mit dem traurigen Höhepunkt der sogenannten Hunger- oder Teuerungsrevolten.

Am 17. September 1911 kam es zu einer Großkundgebung am Wiener Rathausplatz, so Ing. Heinrich Eder, Grödig/Sbg. Wie Dr. Peter Schilling, Wien 18, anmerkt, "versammelte sich eine riesige Menschenmenge, die gegen die Teuerung demonstrierte". Laut Polizeibericht handelte es sich um "36.000 Teilnehmer", die sozialdemokratische "Arbeiter-Zeitung" berichtete von mehr als 100.000.

Grund waren die "existenzbedrohenden Preisanstiege infolge Missernten und hoher Weltmarktpreise für Lebensmittel", merkt Helmut Erschbaumer, Linz, an. Der Preis für Mehl verdoppelte sich 1909/1910 fast, Fleisch wurde nahezu unbezahlbar. Dazu kamen "exorbitante Mietkosten".

Schon im Oktober 1910 hatten Hunderttausende auf der Wiener Ringstraße "gegen die hohen Lebensmittelpreise" demonstriert, so Volkmar Mitterhuber, Baden, der auch anführt, was auf einem Transparent zu lesen war: "Schutz gegen die Tuberkulose ist Fleischnahrung".

Christine Sigmund, Wien 23, gibt zu bedenken, dass ungesunde Arbeitsbedingungen und "schlechte Ernährung . . . anfälliger für Krankheiten" machen, dies war besonders in Arbeiterbezirken wie Ottakring der Fall. Dort fielen zahlreiche Menschen "den Blattern, Masern, Scharlach, Keuchhusten und Diphtherie zum Opfer". Unter den "Tischlern, Schneidern, Schuhmachern und Schlossern" etc. starben 1904 viele an Tuberkulose.

Politische Hintergründe beleuchtet Dr. Alfred Komaz, Wien 19: "Seit dem Ausgleich von 1867" verhandelten Wien und Budapest unter anderem "die Wirtschaftsgesetzgebung . . . alle zehn Jahre" aus. "Den österreichischen und insbesondere den ungarischen Großagrariern war es dabei gelungen, . . . ein ausgeklügeltes System von Agrarschutzzöllen sowie Einfuhrverboten und -beschränkungen durchzusetzen. Grosso modo begünstigte dieses System einerseits die österreichische Industrie bzw. andererseits die ungarische Landwirtschaft mit ihren Agrargroßbetrieben", die vor allem "Getreide und Schlachtvieh produzierten". Von deren Lieferungen war "die österreichische Reichshälfte, besonders Wien mit seiner Bevölkerung von etwa zwei Millionen (1910, Anm.), abhängig". Nicht zuletzt die Arbeiterinnen und Arbeiter hatten das Nachsehen.

Fleisch aus Argentinien

Als Folge der Demonstrationen von 1910, so Dr. Komaz weiter, "hatte die Regierung die Einfuhr von billigem Rindfleisch aus Argentinien gestattet. Dagegen wehrten sich die heimischen Agrarier, aber auch die ungarische Seite", worauf die Einfuhr "wieder gestoppt" wurde.

Daher forderte die Menge auch am 17. September 1911, so Dr. Edgar Feuerstein, Wien 1, den Fleischimport aus Argentinien erneut aufzunehmen.

Menschen am Rathausplatz, bevor sie stadtauswärts gedrängt wurden.  - © Bild (gemeinfrei): Volksblatt für Stadt und Land 1911. Kolorierung: Philipp Aufner/WZ
Menschen am Rathausplatz, bevor sie stadtauswärts gedrängt wurden.  - © Bild (gemeinfrei): Volksblatt für Stadt und Land 1911. Kolorierung: Philipp Aufner/WZ

Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz: "Neben der Polizei" waren an diesem Tag militärische Einheiten vor Ort, nämlich Kavallerie ("Dragoner, Ulanen, und Husaren") sowie "mehrere Bataillone ungarische und bosniakische Infanterie".

Harald Mandl, Gerasdorf: "Wegen der Demonstration weigerten sich die Schauspieler des Hofburgtheaters aufzutreten. Kaiser Franz Joseph ordnete an, unter allen Umständen zu spielen."

Zunächst verlief die von den Sozialdemokraten initiierte Veranstaltung ohne Zwischenfälle. Die Abgeordneten Franz Schuhmeier und Albert Sever traten als Redner auf, so Dr. Karl Beck, Purkersdorf. Doch dann fiel "ein Schuss."

Wie Dr. Peter Autengruber, Wien 8, ergänzt, sind die Umstände ungeklärt. Zu diesem Zeitpunkt war "die Demonstration bereits zu Ende" und die Menschen zogen "in die Außenbezirke . . . Polizei und Militär verfolgten die Arbeiter, insbesondere in Ottakring kam es zu schweren Auseinandersetzungen".

Zuvor hatten Demonstranten "das Rathaus mit Steinen" beworfen, so Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10; "im Zorn wurden . . . Auslagen und Gaslaternen zerstört." Einsatzkräfte "griffen in der Bellariastraße mit Waffengewalt ein." Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf: Es war das "erste Mal seit . . . 1848/ 49", dass das "Militär . . . in Wien das Feuer auf demonstrierende Arbeiter und Arbeiterinnen" eröffnete.

"Der Not gehorchend kam es zu Plünderungen", ergänzt Mag. Robert Lamberger, Wien 4, für den die Ausschreitungen "eindeutig eine Hungerrevolte" waren.

Traurige Bilanz ziehen Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram: In manchen Straßen blieb "kein Fenster und keine Laterne unbeschädigt, Schulgebäude wurden angezündet und Straßenbahn-Waggons umgeworfen". Mehrere Menschen starben, "es gab insgesamt 149 Schwerverletzte".

Zur Eskalation in Ottakring zitiert Prof. Ferry Kovarik, Wien 16, aus einem zeitgenössischen Bericht: "Gegen drei Uhr nachmittags war der südwestliche Bezirksteil . . . militärisch besetzt. Die Koppstraße wurde bei der Kreitner- und Klausgasse von Bosniaken (bosnische Infanteristen, Anm.) abgeriegelt". Diese wurden "ihrerseits von den Demonstranten, die sich in der Herbststraße . .. angesammelt hatten, mit einem Steinhagel eingedeckt".

Aus einem Bericht des Augenzeugen Albert Sever, veröffentlicht zum 20. Jahrestag 1931 in der "Arbeiter-Zeitung", zitiert Ing. Helmut Penz, Hohenau/ March: "Die Gablenzgasse herauf wurden die Genossen verfolgt . . . Eben als die Kompanie des Infanterieregiments Nr. 24 gegen das Arbeiterheim heranrückte, ging der Genosse Otto Prötzenberger (auch Brötzenberger, Anm.) über den unverbauten Platz gegenüber dem Arbeiterheim. Er wurde von den Soldaten erreicht, ein Bajonettstich brachte ihn zum Wanken. Er sank in die Knie, raffte sich aber dann noch auf und lief in das Kaffeehaus des Arbeiterheims. Hier stürzte er am Kassiertisch zusammen. In wenigen Minuten war er tot."

Bauchschuss, Säbelhieb

Ein weiteres Opfer dieses Tages nennt Dr. Harald Jilke, Wien 2: Der 19-jährige Werkzeugschlosser Franz Joachimsthaler "starb am 21. September an den Folgen eines Bauchschusses."

Auch "der 46-jährige Geschäftsdiener Franz Wögerbauer" bezahlte mit dem Leben, so Brigitte Schlesinger, Wien 12, die aus dem dokumentarischen Roman "Der Schuhmeier" (1933) von Robert Ascher zitiert: "Er hörte nachmittags schießen, ging in Hemdärmeln auf die Straße, sah aber nichts. Dann holte er sein zehnjähriges Töchterchen und ging zu einem Gasthause, um Zigaretten zu kaufen." Da "ritten auch schon Husaren heran. Ein Husar spaltete Wögerbauer mit dem Säbel den Schädel." Bei der Lektüre dieser Zeilen fragte sich die Tüftlerin: "Was mag wohl aus dem Mädchen geworden sein? Musste es den Tod des Vaters mitansehen?"

Wie Zeitreisende Schlesinger notiert, ist "in einigen Quellen . . . von einem vierten Toten die Rede: Leopold Lechner".

Arretierung eines Knaben im 16. Wiener Bezirk. - © Bild (gemeinfrei): Zeitungsillustration 1911. Kolorierung: Philipp Aufner/WZ
Arretierung eines Knaben im 16. Wiener Bezirk. - © Bild (gemeinfrei): Zeitungsillustration 1911. Kolorierung: Philipp Aufner/WZ

Justizminister Viktor von Hochenburger "ging sofort mit voller Härte gegen angezeigte Demonstranten vor", so Mag. Wolfgang Stelzmüller, Wien 9: "Nach nur einem Monat waren 82 Personen zu Kerker oder schwerem Kerker und 91 Personen zu Arrest oder strengem Arrest verurteilt worden."

Aus der sozialdemokratischen "Vorarlberger Wacht" zitiert Herbert Beer, Wolfpassing, einen Bericht, der Verdikte aufzählt: Verurteilt wurden "ein 24jähriger Arbeiter wegen Werfens eines Steines zu 8 Monaten Kerker, ein 17jähriger Lehrling zu 4 Monaten Kerker, ein 28jähriger Arbeiter zu 2 Jahren Kerker, ein Elektriker zu 18 Monaten Kerker; der Angeklagte war von den Polizisten bei der Verhaftung mißhandelt worden. Darum kümmerte sich niemand".

Gräber und Plätze

Gerhard Toifl, Wien 17, notiert, dass "1928 . . . der Platz vor dem Wilhelminenspital nach . . . Joachimsthaler . . . benannt" wurde.

Dazu ein Nebenpfad von Dr. Manfred Kremser, Wien 18, der auf dem Weg "zu seinem Arbeitsplatz im Wilhelminenspital (jetzt Klinik Ottakring)" manchmal dort vorbeikam: Die meisten fahren "achtlos an einem Marienbildstock vorbei, auf dem folgende Inschrift zu lesen ist: "Gott Und Der Unbeflegten (sic!) Jungfrau Maria Ist diße Säul Zu Ehren aufgericht Worden 1697"". Ursprünglich erinnerte an dieser Stelle ein hölzernes Kreuz an die überstandene "Pestepidemie von 1679" bzw. die Zweite Türkenbelagerung 1683.

"Franz Joachimsthaler", so schließt Dr. Kremser seinen kleinen Exkurs, "liegt - nicht allzu weit von seinem Platz - in einem Ehrengrab auf dem Ottakringer Friedhof begraben", gemeinsam mit anderen Opfern der Teuerungsrevolte.

Dort befindet sich auch das Grabmal Franz Schuhmeiers. Der Sozialdemokrat war am 11. Februar 1913 ermordet worden. Karl Finkenzeller, Wien 14, zur Tat: "Am Nordwestbahnhof" schoss "Paul Kunschak . . . auf fünf Schritte Entfernung Franz Schuhmeier in den Kopf." Der Attentäter, "Bruder des christlichsozialen Arbeiterführers Leopold Kunschak", wurde "zum Tod durch den Strang verurteilt, kam aber . . . 1918 frei." Im heutigen 16. Bezirk erinnert u.a. ein Platz an Schuhmeier.

Zusammenstellung dieser Seite: Andrea Reisner