Illustration aus einem der von Las Casas verfassten Werke.  - © Bild (gemeinfrei): Druck, 1620
Illustration aus einem der von Las Casas verfassten Werke.  - © Bild (gemeinfrei): Druck, 1620

"Ihr unterdrückt sie und plagt sie, ohne ihnen zu essen zu geben und sie in ihren Krankheiten zu heilen, die über sie kommen durch die maßlose Arbeit, die ihr ihnen auferlegt, und sie sterben - oder besser gesagt: ihr tötet sie, um Tag für Tag Gold zu gewinnen." Diese Brandrede zitiert Christine Sigmund, Wien 23, und eröffnet damit die Gemeine-Recherchen zur kleinen Nuss Nro. 415. Die Sätze stammen ursprünglich aus einer Predigt, die der Dominikaner Antonio de Montesinos 1511 in Santo Domingo auf Hispaniola hielt. Auf der Karibikinsel, die sich heute in Dominikanische Republik und Haiti teilt, wütete seit Kolumbus’ Ankunft 1492 die spanische Conquista.

Die beim Gottesdienst anwesenden Europäer waren entrüstet, auch weil die Dominikaner, so Dr. Harald Jilke, Wien 2, "jedem die Absolution verweigerten, der Indios besaß." Doch bei einem der Kirchgänger sollten die Worte auf fruchtbaren Boden fallen. Den Gesuchten nennt Maria Thiel, Breitenfurt: Bartolomé de las Casas (1484 oder 1485-1566). Der in Sevilla Geborene war "als Kolonist in die neuen spanischen Besitzungen" gekommen.

"Noch nicht ganz achtzehn Jahre alt", so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, hatte er sich "als Conquistador . . . anwerben" lassen. "1502 brach er nach Española (auch Hispaniola, Anm.) auf." Für seine Teilnahme an "militärischen Aktionen" erhielt er "eine Encomienda", d.h. ihm wurden Land und "Indios zur Ausbeutung ihrer Arbeitskraft" überlassen. Dieses System, schlug Manfred Bermann, Wien 13, nach, war "tragender Mechanismus dieser Politik der Unterdrückung" und bedeutete de facto Versklavung.

Herbert Beer, Wolfpassing: "1511 nahm er . . . an der Eroberung Kubas teil." Die Spanier trafen "auf Widerstand der dort lebenden Taíno. Sie nahmen den Kaziken (Herrscher, Anm.) der Provinz, Hatuey, gefangen und verbrannten ihn bei lebendigem Leib."

Las Casas, nun Geistlicher, betrieb sodann auf Kuba "eine einträgliche Gruben- und Plantagen-Wirtschaft", so Mag. Wolfgang Stelzmüller, Wien 9: Doch schließlich, "wahrscheinlich zu Pfingsten 1514", bei der "Vorbereitung zu einer Predigt", fasste er den Entschluss, sich für die Rechte der Indigenen einzusetzen. "Er verzichtet auf seine Güter und Sklaven und trat im Sommer 1515" eine von vielen Seereisen in seine Heimat an, "um die Bewohner der "westindischen Länder" vor der Ausrottung zu bewahren."

Bartolomé de las Casas, erst Eroberer, dann Fürsprecher der Indigenen Spanisch-Amerikas. - © Bild: Gemeinfrei/wikimedia commons
Bartolomé de las Casas, erst Eroberer, dann Fürsprecher der Indigenen Spanisch-Amerikas. - © Bild: Gemeinfrei/wikimedia commons

"Zeuge von Szenen teuflischer Grausamkeit" war er oft genug geworden, so Brigitte Schlesinger, Wien 12: In detaillierten Berichten beschrieb er die Greuel, z.B. wie die Spanier "ein Dorf befriedeten, indem sie Massaker anrichteten; wie sie ihre Gefangenen versklavten und jeden, der sich auflehnte, mit dem Abhacken der Hände bestraften, wie sie sie dazu brachten, vor ihrer Zeit durch Überarbeitung in den Minen und Plantagen zu sterben."

Volkmar Mitterhuber, Baden, nennt Las Casas’ "Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder" aus 1541/42 ("Brevísima relación de la destrucción de las Indias"), der "im frühneuzeitlichen Europa rasche Aufnahme" fand.

"Nestbeschmutzer"

Karin Eger-Ulm (willkommen in der Gemeine!) zu einem Erfolg: Dank Las Casas "kam die päpstliche Bulle "Sublimis Deus" (. . . 1537) zustande." Indianer besitzen demnach "eine Seele und daher Menschenrechte." In weiterer Folge erließ "Karl V. 1542 die Neuen Gesetze", die Indigene zu freien Untertanen erklärten.

Die Bestimmungen wurden "aber in der Neuen Welt nie durchgesetzt", so Ing. Helmut Penz, Hohenau/ March; die Siedler bekämpften sie "aufs schärfste", sodass "der Kaiser sie 1545" zurücknahm. Las Casas’ Arbeit - seit 1544 war er Bischof von Chiapas in Mexiko - wurde boykottiert.

Michael Chalupnik, Sieghartskirchen: "1546 kehrte er endgültig nach Spanien zurück", wo er weiterhin für die Rechte der Indigenen kämpfte. "1566 starb er" nahe Madrid.

In Spanien wurde er lange "als "Nestbeschmutzer" abgelehnt", informiert Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: "Die Revision dieses Geschichtsbildes ist noch immer im Gange . . . Die Ausbeutung . . . ging auf verschiedenen Wegen z.T. bis in die Gegenwart weiter. Als Humanist kann man sich vor Las Casas . . . nur verbeugen."

Dr. Karl Beck, Purkersdorf: "Seine missionstheologischen Ansätze wirkten bis ins 18. Jh. im System der Reduktionen nach und wurden . . . von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie aufgenommen."

Die Kultur der Azteken (hier: aztekische Gottheit) ging mit Ankunft der Europäer unter. - © Bild (gemeinfrei): Codex Tovar, 16. Jh./Archiv
Die Kultur der Azteken (hier: aztekische Gottheit) ging mit Ankunft der Europäer unter. - © Bild (gemeinfrei): Codex Tovar, 16. Jh./Archiv

Ab 1609 errichteten die Jesuiten Siedlungen zur "humanen . . . Missionierung", so bereits erwähnter Zeitreisender Beer. Diese ersten Reduktionen wurden in der damaligen Provinz Guairá (nun Brasilien) gegründet, weitere folgten, v.a. in Paraguay. Die Indigenen kamen scharenweise, um Schutz vor "Sklavenjägern und Plünderern" zu suchen. Unter geistlicher Anleitung sollten die bisherigen Jäger oder Nomaden "zivilisiert" und christianisiert werden.

Der oft verwendete Begriff "Jesuitenstaat" sei aber, wirft Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, ein, nicht ganz treffend. Es handelte sich um ein von den Jesuiten kontrolliertes "autonomes Gebilde", das der spanischen Krone unterstand. Dr. Peter Schilling, Wien 18: In diesem "theokratischen (Sozial-)Staat" gab es Geld nur als "Rechnungseinheit".

"Eine Reduktion", erklärt Dr. Alfred Komaz, Wien 19, hatte bis zu "7000 Bewohner, die unter der Leitung von Jesuitenpatres Landwirtschaft . . . betrieben" oder zu Handwerkern ausgebildet wurden. Die Einheiten waren wirtschaftlich autark. Ihr Gedeihen, u.a. durch Exporte, bedeutete für die Spanier lästige "Konkurrenz, gegen die sie zum Teil mit Gewalt vorgingen."

Wie Helmut Erschbaumer, Linz, ergänzt, kam es nach Verbot des Ordens zur Vertreibung der Patres 1767, manche Niederlassungen wurden "geplündert und ausgeraubt."

Heiliges Experiment

Das Scheitern dieser Utopien behandelt auch ein Drama, das Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf: nennt: "Das heilige Experiment" von Fritz Hochwälder (1911- 1986). Es spielt am 16. Juli 1767. Der Stoff diente dem Autor "als Deckmantel für seine Kritik an den Nationalsozialisten . . . Hochwälder war Jude und 1938 . . . in die Schweiz geflohen. In einem Internierungslager schrieb er das Stück . . ., in dem der spanische König die . . . Jesuiten wegen Ungehorsam gegenüber der Krone" aus Paraguay hinauswerfen ließ.

Dem "zu Unrecht vergessenen" Hochwälder widmet sich auch Gerhard Toifl, Wien 17; der gebürtige Wiener war gelernter Tapezierer, der sich u.a. "durch Volkshochschulkurse am Volksheim Ottakring" weiterbildete. "Das heilige Experiment" wurde 1943 am damaligen "Städtebundtheater Biel-Solothurn uraufgeführt". Dr. Manfred Kremser, Wien 18: "Erst 1947 fand in seiner Geburtsstadt . . . am Burgtheater die Österreich-Premiere statt."

Eine weitere Bearbeitung, die sich dem "Apostel der Indianer" widmet, nennt Dr. Gerhard Jungmayer, Wien 22: "Las Casas vor Karl V." von Reinhold Schneider (1903- 1958). "Diese "Szenen aus der Konquistadorenzeit" (so der Untertitel des 1938 . . . erschienenen Werkes) sind ein berührend humanistisches . . . Werk eines Autors, der noch gegen Ende des Krieges wegen Hochverrats auf Grund seiner christlichen Haltung angeklagt wurde. Schneider wollte mit diesem Text "ein Wort gegen die Judenverfolgung . . . sagen", wie er nach dem Krieg" äußerte.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner