Verbrechen lohnt sich nicht; auch im 18. Jahrhundert war das meist so. Für alle jedoch, die einen Blick in die damalige Welt der Kriminalität werfen wollen, lohnt es sich, zu einer ganz bestimmten Ausgabe unseres Blattes zu greifen.

Im "Wienerischen Diarium" Nro. 31 vom Sonnabend den 17ten April 1773findet sich neben einem (vom k.k. Zensor wie üblich zum Abdruck genehmigten) Artikel zu einer Untat im Ausland ausnahmsweise eine (von der Zensur in aller Regel verbotene) Nachricht über Schauerliches in Habsburgs Reich. Zudem weckt ein Amts-Aviso Verdacht auf ein weiteres Gewaltdelikt im Inland...

Vorsicht, gnädige Frau, es ist nicht ausgeschlossen, dass Ihr köstliches Bohnengetränk tödliches Gift enthält! Bild: Kolorierter Stich aus Jahr 1774 - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Vorsicht, gnädige Frau, es ist nicht ausgeschlossen, dass Ihr köstliches Bohnengetränk tödliches Gift enthält! Bild: Kolorierter Stich aus Jahr 1774 - © Bild: Archiv/gemeinfrei

Wie die einstige Redaktion der Gazette, die erst 1780 in "Wiener Zeitung" umbenannt werden sollte, die zweite Meldung unter (müden?) behördlichen Argusaugen publizieren konnte, ist schwer erklärbar. Die seinerzeitigen Journalisten werkten jedenfalls wacker.

Damit zur ersten Freveltat. In der Rubrik Vermischte Neuigkeiten lesen wir dazu aus Frankreich:

Ein Hutmacher zu Paris ließ sich vor einigen Tagen (...) mit zween (= zwei) Soldaten (...) ein, hatte Wohlgefallen (...), nahm sie mit sich in ein Wirthshaus und zahlte die Zeche.

Das war ein großer Fehler, sahen doch die Eingeladenen, dass ihr Sponsor über einigen Münzvorrat verfügte. Zum Schein begleitete das Duo den Hutmacher sodann artig in tiefer Nacht bis zu einem Flussübergang:

Aber die undankbaren Gäste zogen ihn auf der Brücke (...) aus, nahmen ihm seine (...) Geldbörse, und schmissen ihn in den Fluß, in der Meynung, daß er darinn ohnfehlbar sein Grab finden würde.

Beinahe hätte der Überfall so geendet. Nur ein Zufall half dem Beraubten:

Allein er fiel auf einen seichten Ort, und hatte das Glück, sein Leben zu retten. Anstatt ein Zeichen von sich zu geben, hielt er sich vielmehr stille (...).

Das bewahrte den Mann, der gefroren haben muss, vorm sicheren Tod. Er wartete bis in die Früh. Dann setzte er Schritte, um die Täter festnehmen zu lassen:

Man führte ihn in die Kaserne, und fand auch wirklich die Bösewichter in einem ruhigen Schlaf.

Der zweite "Diarium"-Bericht ist noch dramatischer; der nicht näher genannte Tatort lag einst im k.k. Küstenland (nun zum Teil italienische Region Friaul-Julisch Venetien). Unter Triest den 5. April heißt es:

Aus der Friaul hat man Nachricht, daß auf einem Lustschlosse unter der Gerichtbarkeit von Görz die Frau Gräfinn della Torre, die Gemahlinn des Grafens Hieronymus de Grazia, (...) im Coffe (= Kaffee) Gift bekommen habe, und wenig Stunden darauf gestorben sey(...).

Um ein Haar hätte das Coffe-Getränk weitere Todesopfer gefordert, denn der Mutter erwähnten Grafens, und desselben Töchterchen geschah ein gleiches (sprich: sie tranken ebenfalls von dem Kaffee), doch sind diese beyden letzteren nicht daran gestorben, weil etwa das Gift nicht so stark, oder die auf das schleunigste bey-gebrachten Heilmittel sie noch gerettet haben.

Mögliche Tatorte: Eine Brücke in Alt-Paris; Schloss Duino.
Mögliche Tatorte: Eine Brücke in Alt-Paris; Schloss Duino.

Zur Reaktion der Behörden auf den Vorfall wurde abschließend gemeldet:

Die Regierung zu Görz, hat (...) ein Detaschement Soldaten mit (...) Commissarien (...) abgefertiget, um zu unters[u]chen, ob dieses (...) Unglück einem blossen Zufalle, oder (...) einer mörderischen Boßheit zuzuschreiben seye.

Durch das Schloss hallte wohl das Schreckenswort MORDIO, als die Vergiftung ruchbar wurde. Der vergessene, auf Mord weisende Hilferuf war einst im k.k. Reich ja gang und gäbe.

Dass ein Verbrechen vorlag, lässt sich heute freilich nicht belegen: Auch viele Wochen nach dem 17ten April 1773 rutschte kein Erhebungsbericht ins "Diarium". Musste es schweigen? Selbst zum Namen des Lustschlosses gab es keine Silbe. Wie könnte er lauten? Kenner der Adria-Gegend würden vielleicht auf Duino tippen.

Unter Umständen wahren einschlägige Archive dieses und andere Geheimnisse.

Bei der dritten Causa ist das kaum so: Gemäß Amtsaufruf im "Diarium" Nro. 31 wisse man ungehindert alles Nachforschens vom vor 13 Jahren verschwundenen Bader (= Wundarzt) Bernhard Jakob Lipp nichts. Seine in Raßing (nun Rassing, Bez. St. Pölten) eigenthümlich (...) gehabte Behausung mit Acker, Wein- sowie Hausgarten und Badergewerbe werde daher zu Thalheim nächst Perschling am 27. Mai 1773 feilgebothen.

Hier ist Spurensuche fast ausgeschlossen. Dafür tun sich Fragen auf. Fragen zum Dasein vor einem Vierteljahrtausend. Ließ ein Untertan mit halbwegs gesicherter Existenz Haus und Gewerbe einfach so im Stich? Suchte die Obrigkeit wirklich intensiv nach ihm? War ein Verbrechen klar auszuschließen? Oder birgt gar der Boden des nahen Haspelwalds ein Opfer?

Kopfnuss: Hat MORDIO heute im Sprachgebrauch noch irgendwo Platz? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)