Mit Bertolt Brecht steigt Dr. Manfred Kremser, Wien 18, in das Thema der 2. Frage der Nro. 416 ein, genauer gesagt mit dessen 1931 erschienenem Stück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", das in die berüchtigten "Union Stock Yards" von Chicago führt. In den schon früh industrialisierten US-Schlachthöfen wurden "die ersten "disassembly lines" . . . angelegt", wo die Tiere "mit dem Kopf nach unten . . . an Deckenschienen" weitertransportiert und dabei zerlegt wurden. "Viele Besucher, auch aus Europa", waren "geblendet von der Größe und Schnelligkeit dieser Schlachthöfe". Doch Kritik gab es ebenfalls, u.a. an Hygiene und Arbeitsbedingungen. "Schon Karl Marx . . . nutzte den Schlachthofbegriff, um die Herausbildung einer Organisation, die den Arbeiter seiner Arbeit entfremdet, an den Pranger zu stellen."

Damit nach Wien und zur "Fabrik der Rost- und Lungenbraten". So nannte man, wie Brigitte Schlesinger, Wien 12, anmerkt, die Weißgerbervorstadt, in der viele Fleischhauer siedelten. Sie bildete "neben den Vorstädten Landstraße, Rennweg und St. Marx" ab 1850 den 3. Bezirk. Die Gegend war wegen des "unerträglichen Gestanks verschrien."

265.000 Rinder im Jahr

Auf den "bereits seit dem Mittelalter bestehenden Viehmarkt am Ochsengries" vor dem Stubentor weist Maria Thiel, Breitenfurt, hin. "Er wurde jeden Freitag hauptsächlich mit aus Ungarn eingetriebenem Schlachtvieh beliefert. Als der Wiener Neustädter Kanal errichtet wurde", übersiedelte der Markt "nach St. Marx." Dies fand 1797 statt, wie Martha Rauch, Wien 14, ergänzt. Christine Sigmund, Wien 23: Damals umschloss "nur ein Zaun . . . die Wiese", d.h. "die Tiere mussten jedes Wetter ertragen."

Etwa ein halbes Jahrhundert später, so Mag. Robert Lamberger, Wien 4, nämlich 1846-48, wurde im Bereich "Schlachthausgasse/Viehmarktgasse das Schlachthaus St. Marx errichtet" und 1851 eröffnet.

In der Rinderhalle, hier 1881, feilschten Fleischhauer um das Vieh, das sie danach zur Schlachtbank führten. Links oben: Stier-Skulpturen am Tor.  - © Bilder: Neue Illustrirte Zeitung (1881), koloriert v. Philipp Aufner; Wien Museum. Bildertipp (l. ob.): Prof. Dr. Monika Rath (danke!)
In der Rinderhalle, hier 1881, feilschten Fleischhauer um das Vieh, das sie danach zur Schlachtbank führten. Links oben: Stier-Skulpturen am Tor.  - © Bilder: Neue Illustrirte Zeitung (1881), koloriert v. Philipp Aufner; Wien Museum. Bildertipp (l. ob.): Prof. Dr. Monika Rath (danke!)

Gleichzeitig baute man noch ein kommunales Schlachthaus "in Gumpendorf" (Mollardgasse 87), so Volkmar Mitterhuber, Baden. "Einer der Gründe für die Errichtung . . . waren die teilweise sehr schlechten hygienischen Bedingungen in den zahlreichen privaten Schlachtstätten."

Auf den "Schlachthauszwang" weisen Dr. Brigitte & Dr. Gottfried Pixner, Wien 13, hin. "Mit 1873" wurde dieser "auch in den Vororten" eingeführt. Das heißt die Fleischhauer waren verpflichtet, in diesen Einrichtungen zu schlachten. (Bei Schweinen galt dies erst später.)

Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, notiert, dass 1885ff Schlachthäuser "in Meidling, Hernals und Nußdorf" entstanden. "Bedeutendste . . . Anlage" blieb St. Marx. Dort schuf man, so Helmut Erschbaumer, Linz, "1879- 1884 einen Zentralviehmarkt"; 1888ff wurde der Schlachthof ausgebaut.

Herbert Beer, Wolfpassing: Damit befand sich in St. Marx "der größte Viehmarkt und der einzige Markt für den Verkauf von zur Schlachtung bestimmten" Tieren "auf Gemeindegebiet". 1889 sollen laut Statistik in St. Marx 265.641 Rinder aufgetrieben worden sein, davon "124.327 Stück aus Ungarn, 71.236 . . . aus den deutschsprachigen Ländern der Monarchie, 65.531 aus Galizien und 4.547 aus Serbien und Bosnien".

"Es stellte sich bald heraus", dass der Schlachthof "zu klein war", hält Dr. Karl Beck, Purkersdorf, fest. Also wurden um 1903 die Kapazitäten "fast verdoppelt".

Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, weiter: "Es folgten 1910 der Schweineschlachthof bzw. 1916/17 . . . der Auslandsschlachthof samt Kontumazhof."

Schafe nach Paris

Zum Fleischkonsum kommt Dr. Alfred Komaz, Wien 19: "Die Bevölkerung Wiens, die es sich leisten konnte", verzehrte sehr viel Rindfleisch. "Nicht so beliebt waren Schaf- und Pferdefleisch." Aus einer alten Quelle zitiert Dr. Komaz: "Hunderttausende gemästete Schafe müssen deshalb ihren Weg aus Ungarn über Wien nach Paris nehmen."

Dass 1872 eine "eigene Schlachthausbahn" errichtet wurde, merkt Dr. Harald Jilke, Wien 2, an. Wo einst Rinder ausgeladen wurden, steht seit 2004 das "Bürogebäude T-Center".

Der Großteil der Bauten auf dem Areal wurde inzwischen abgerissen. Eine Ausnahme ist die 1880 fertiggestellte (später erweiterte) Rinderhalle, die nun für Veranstaltungen genützt wird. Wie Manfred Bermann, Wien 13, ausführt, sind weiters zwei Stierplastiken am ehemaligen Eingangstor zum Komplex erhalten. "Als Fußnote" ergänzt der Spurensucher, dass auf dem Areal auch die "Wiener Zeitung" ihren Sitz hat.

Gegen die Abrissbirne

Auf die Skulpturen geht Mag. Wolfgang Stelzmüller, Wien 9, näher ein. Sie sind ein "Werk des österreichischen Bildhauers Anton Schmidgruber". Dargestellt ist "links ein zahmer cisleithanischer (österreichischer) und rechts ein wilder transleithanischer (ungarischer) Stier" samt Treiber.

Zur "Schließung des Schlachthofs" kam es 1997, so Michael Chalupnik, Sieghartskirchen; das war "auch das Ende des Zentralviehmarktes." Wolfgang Woelk, Gotha/D: Sankt Marx war "der letzte Schlachthof in Wien".

"Am 27. Juni 1976", so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram, "erfolgte im Rahmen der Abschlussveranstaltung der Wiener Festwochen die Besetzung des Auslandsschlachthofs". Wie Alice Krotky, Wien 20, anmerkt, kämpfte man "für den Erhalt . . . als autonomes Kulturzentrum". Gerhard Toifl, Wien 17, erinnert daran, dass das Angebot an (alternativer) Kultur damals "zu wünschen übrig ließ". Doch das Areal war "fest der Textilkette Schöps zugesichert". Schließlich wurde das Gebäude demoliert. Ersatz bot der "nördlich benachbarte ehemalige Inlandsschlachthof" (ursprünglich Schweineschlachthaus). Bis heute nutzt die Arena diesen Ort für Veranstaltungen.

Einen Tipp hat Dr. Anton Tantner, Wien 2: "So es die Pandemiebestimmungen zulassen, biete ich am 25. Juni über die Volkshochschule Landstraße eine Führung zu diesem Gelände an." Nähere Informationen und Anmeldung; Tel.-Nr.: 01 891 74103000. Kosten: 12 Euro.

P.S. Tofu, das Thema der Zusatzorchidee, wird u.a. Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, in der Mai-Ausgabe anschneiden.

Zusammenstellung dieser Seite: Andrea Reisner