Es sei "schwierig, ihn, den kranken Vegetarier, zu füttern." Diesen Satz schrieb, so Gerhard Toifl, Wien 17, Sofia Andrejewna, Frau von Leo Tolstoi, anno 1897 in ihr Tagebuch. Zu dem russischen Literaten und seiner vegetarischen Lebenseinstellung recherchierte die Gemeine anlässlich der Nuss Nro. 416.

Brigitte Schlesinger, Wien 12, zitiert Sofia (auch Sofja) weiter: "Angestrengt muss ich mir Speisen überlegen. Heute gab ich ihm Suppe mit Pilzen, mit Reis, Spargel mit Artischocken, Grießbrei in Mandelmilch und gekochte Birne."

Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, präzisiert zur verkürzt formulierten Nuss-Teilfrage, ob überliefert sei, welche fleischlosen Speisen seine Frau für Tolstoi zubereitet habe: Sie "kochte nicht selbst. Sie bestellte aber beim Koch" die Speisenfolge. Nachdem Tolstoi dem Fleisch entsagt hatte, wurde diese Aufgabe komplexer. Ab dann gab es "stets zwei Varianten des Mittagessens: vegetarisch für den Ehemann und die Töchter, die seinem Beispiel folgten, und eine bescheidene, nicht-vegetarische" für Sofia und die Söhne.

Die Realität russischer Bauern stand oft im krassen Gegensatz zu dieser Idylle aus 1871. Bild: K. Makovsky (1839-1910)/gemeinfrei
Die Realität russischer Bauern stand oft im krassen Gegensatz zu dieser Idylle aus 1871. Bild: K. Makovsky (1839-1910)/gemeinfrei

Volkmar Mitterhuber, Baden, ergänzt zur Familiensituation: "Lew (auch: Leo, Anm.) Nikolajewitsch Graf Tolstoi (1828-1910), der Sohn eines Gutsbesitzers . . ., heiratete . . . die 18-jährige deutschstämmige Sofia A. Behrs (1844- 1919)" im Jahr 1862. Insgesamt brachte sie 13 Kinder auf die Welt.

Kopistin und Möbel

Zur Ehefrau begab sich Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, auf einen Nebenpfad: Sie wurde "lange Zeit als hysterische Xanthippe in der Sekundärliteratur dargestellt". Allerdings war es vielmehr so, dass sie "an der Lieblosigkeit und den zunehmenden Absonderlichkeiten ihres Ehemannes" verzweifelte. Die ausführlichen Tagebücher der Arzttochter geben Einblick in ihre Gefühlslage: "Ich bin Befriedigung, . . . Kindermädchen, . . . Möbelstück".

Von ihr sind, wie Tüftlerin Prof. Dr. Rath ergänzt, zwei Romane ("Lied ohne Worte" und "Eine Frage der Schuld") erhalten. Darüber hinaus kopierte sie nächtelang Texte ihres Mannes. So schrieb sie etwa "Krieg und Frieden" sechs Mal ab.

Überliefert ist auch das - zumindest großteils von Sofia verfasste - Kochbuch der Familie. Zum Inhalt kommt Mag. Wolfgang Stelzmüller, Wien 9: Man findet darin "vorwiegend sättigende Speisen wie Maultaschen, Eiergerichte, Kartoffelpudding, Pilzsuppe oder Lebkuchen." Überhaupt seien "in seiner Zeit als Vegetarier" für Tolstoi Eier "ein Grundnahrungsmittel" gewesen.

Wie Alice Krotky, Wien 20, recherchierte, werden Speisen aus dieser Rezeptsammlung "in angesagten Cafés in St. Petersburg und Moskau . . . noch gerne serviert", oft zur Fastenzeit.

Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, entnahm "einem Menü aus dem Jahre 1910" ein weiteres Leibgericht des Russen: "Reiskoteletts". Dafür wird gekochter Reis inForm von Laibchen gebraten. Dazu aß er "gekochte Bohnen und Rübensalat" sowie Soßen.

Dem Fleisch entsagte Tolstoi nach eigenen Angaben ab 1883. Dieser Schritt sei ihm, so Dr. Alfred Komaz, Wien 19, "angeblich sehr schwergefallen . . .; er soll noch eine Zeit danach - heimlich, aber auch offen - Roastbeef und Geflügel gegessen haben. Er bemühte sich jedoch, standhaft zu bleiben . . . Gleichzeitig gab er . . . die Jagd, das Rauchen und den Genuss alkoholischer Getränke auf."

Verzicht als Sozialkritik

Tolstois Entscheidung, Vegetarier zu werden, war, wie Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, bestätigt, "ethisch motiviert". Nicht zuletzt durch eine "Überzeugung, zu der er während der Arbeit am Eheroman "Anna Karenina" (erschienen 1877/78, Anm.) kam: Nur Enthaltsamkeit - von sexueller Lust, übermäßigem wie allzu raffiniertem Essen, Gewalt, auch gegen Tiere - könne die Menschheit weiterbringen." Mag. Robert Lamberger, Wien 4, ergänzt: Tolstoi kritisierte an der Fleischnahrung einerseits ihre Tendenz zur "Aufregung der Leidenschaften", wie er es formulierte. Neben dieser angeblich aufwühlenden Eigenschaft sei diese Ernährungsweise "einfach unmoralisch".

Der Wandel in seiner Lebenseinstellung dürfte, wie Herbert Beer, Wolfpassing, notiert, auch mit der 1882 erfolgten statistischen Erhebung der Bevölkerung Moskaus in Zusammenhang gestanden sein: Er "nahm unter den Arbeitern ein Elend wahr, das jenes der Bauern noch übertraf." Tolstoi selbst setzte Schritte, um "der Landflucht entgegenzuwirken", z.B. durch finanzielle Hilfe für Bauern, die von Missernten betroffen waren.

Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, las einen Artikel im Londoner Magazin "The Vegetarian" aus 1889, in dem Tolstoi "seine Ansichten über Gewaltlosigkeit und passiven Widerstand" äußerte. "Er sah die Kluft zwischen Luxus und Müßiggang . . . und Elend". Allerdings hält die Spezialnussknackerin fest, dass sein "persönliches Verhalten . .. nicht zu diesen Ansprüchen" passte. Er "war sexsüchtig", was viele Frauen, auch Sofia, bestätigten.

Christine Sigmund, Wien 23, betont, dass Tolstoi nicht mit Selbstkritik sparte: "So äußerte er sich gegenüber einem Freund, der ihn auf einem Foto mit Pilgerrock und Reisesack zeigte: "Wenn der Lew Nikolajewitsch doch nur wirklich so wäre!""

Mit harten Worten wusste der schon zu Lebzeiten berühmte Schriftsteller andere von seiner Einstellung zu überzeugen. Wolfgang Woelk, Gotha/D, zitiert: "Solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben." Oder: "Vom Tiermord zum Menschenmord ist nur ein Schritt".

Tolstois "einflussreiches Grundlagenwerk" zu Ethik und Vegetarismus erwähnen Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram: Es trug den Titel "Die erste Stufe" und wurde zur "Fibel für Russlands erste Vegetarier-Generation".

Verfasst hatte er es in den frühen 1890ern. Zunächst waren die Zeilen, wie Dr. Harald Jilke, Wien 2, anmerkt, "als Vorwort" zur russischen Ausgabe des ursprünglich 1883 erschienenen "The Ethics of Diet" (dt.: Die Ethik der Ernährung) von Howard Williams gedacht. Das Buch spielte "eine wichtige Rolle dabei . . ., den Vegetarismus in Russland populär zu machen." Tolstoi beeinflusste somit nicht nur "seine engen Freunde" in ihrer Nahrungsmittelwahl.

Tolstoianer bis Indien

Wie in der Hauptgeschichte der Februar-Zeitreisen berichtet, wurde der russische Autor international von Vegetarierbewegungen als Vorbild verehrt.

Oft findet sich für die ersten Vegetarier im Zarenreich die Bezeichnung "Tolstoianer". Dr. Karl Beck, Purkersdorf, stieß auch auf den Ausdruck "Tolstoiismus". Der Zeitreisende fand außerdem eine Verbindung zwischen dem indischen Freiheitskämpfer Gandhi (1869-1948) und Tolstoi. Nachdem der Russe sich 1908 in einer indischen Zeitung zu gewaltlosem Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft geäußert hatte, entwickelte sich zwischen den beiden Pazifisten ein Briefwechsel.

Wie Maria Thiel, Breitenfurt, notiert, hatte der russische Autor bereits 1857 in seinem Tagebuch beklagt: "Die Armut der Leute und die Leiden der Tiere sind furchtbar."

Beliebt war der Mensch Tolstoi nicht bei allen. Viel Achtung erhielt er als Kämpfer gegen Gewalt. Diese Engel wollen ihn für den Himmel aufhübschen. - © Bild (gemeinfrei) aus: Kikeriki, 1. Dez. 1910
Beliebt war der Mensch Tolstoi nicht bei allen. Viel Achtung erhielt er als Kämpfer gegen Gewalt. Diese Engel wollen ihn für den Himmel aufhübschen. - © Bild (gemeinfrei) aus: Kikeriki, 1. Dez. 1910

Gutsherr mit Herz

Kurz davor war er auf das elterliche Gut in Jasnaja Poljana, rund 200km südlich von Moskau nahe Tula, gezogen. Als Gutsherr, so bereits zitierte Tüftlerin Sigmund, war er "sich nicht zu schade, bei der Ernte zu helfen, . . . sich beim Bau eines Kamins oder einer Scheune zu betätigen." Darüber hinaus errichtete er Schulen, in denen Bauernkinder kostenlos und ohne Angst vor körperlicher Züchtigung unterrichtet wurden. Die Behörden schlossen diese Einrichtungen jedoch bald. Mit seiner Einstellung zog sich Tolstoi "den Hass des Adels zu, die orthodoxe Kirche exkommunizierte ihn." Dieser warf er vor, vom Urchristentum abgekommen zu sein.

Seine Gesellschaftskritik drückte er sehr unverblümt aus. Monika Rauch, Wien 17, gibt eine Aussage wieder: "Im Herrenhaus wird viel Mühe auf exquisite, raffinierte Speisen verwandt, während ringsum bittere Armut und immer wieder Hunger" herrschen.

Helmut Erschbaumer, Linz, erwähnt Tolstois Erzählung "Der Leinwandmesser", die er 1860 schrieb. Darin "verspottet er . . . aus der Sicht eines Pferdes das menschliche Besitzstreben". Der Literat zeige damit, "dass ihm Tiere oft wertvoller erschienen als so manche Zeitgenossen."

Tolstoi starb 1910 in einem Bahnhofsgebäude, nachdem er sich entschieden hatte, auch seiner Familie den Rücken zu kehren, um in Abgeschiedenheit zu leben.

P.S. Recherchen zur Orchidee der Nro. 416 zum Fischerei-Patent aus 1506, u.a. von Dr. Manfred Kremser, Wien 18, sind für nächsten Monat reserviert.

Zusammenstellung dieser Seite: Barbara Ottawa