Dreck, Schmutz, Fett, Rauch, Elend, aber gutes Hammelfleisch" - mit diesen Worten beschrieb Thomas Manning 1811 seine Eindrücke von Tibet. Der Laiensinologe war der erste Engländer, der die Hauptstadt Lhasa betreten sollte. Brigitte Schlesinger, Wien 12, durchforstete bei ihren Recherchen zu den Spezialfragen der Kartennuss aus Nro. 414 Briefe und Aufzeichnungen des Reisenden und fand dabei u.a. das eingangs wiedergegebene Zitat. Eigentlich wollte der Sprachbegeisterte ins Landesinnere Chinas reisen, was nicht gelang. Stattdessen verschlug es ihn auf das "Dach der Welt".

Dort hielt sich Manning (1772-1840), so Manfred Höbart, Wien 15, konkret von "Dezember 1811 bis 12. April 1812" auf.

In Lhasa traf er "im Potala-Palast" den Dalai Lama Lungtog Gyatsho, ein Kind von sieben oder (nach anderen Quellen fünf) Jahren, so Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, der Mannings Notizen dazu wiedergibt: "Die nette und faszinierende Figur erregte meine ganze Aufmerksamkeit und es war eine Freude, mit diesem gut ausgebildeten kleinen Prinzen zu sprechen."

"Sein Bericht wurde erst 35 Jahre nach seinem Tod im Jahr 1875 . . . veröffentlicht", notiert Dr. Harald Jilke, Wien 2. "Erst ein knappes Jahrhundert nach Mannings Ankunft in Lhasa erreichte . . . 1904 wieder ein Engländer die tibetische Hauptstadt."

Abgeschottetes Land

Anfang des 20. Jahrhunderts war Tibet "aus Sicht der britischen Kolonialherrschaft" in Indien "eines der problematischsten Nachbarländer", so Herbert Beer, Wolfpassing. "Es war nahezu unzugänglich und wurde vom Dalai Lama und buddhistischen Mönchen beherrscht", die kein Interesse daran hatten, "Handel mit Indien zu ermöglichen". Vielmehr schottete sich das Hochland "bewusst von der Außenwelt ab". Im Westen "war nur wenig über Tibet bekannt . . . von einer Handvoll europäischer Entdeckungsreisender".

Von den frühen Tibet-Fahrern nennt Dr. Harald Dousek, Wien 2, den Franziskaner Odorico da Pordenone (ca. 1265-1331); er dürfte "der erste Europäer gewesen sein, der vermutlich 1325 durch Tibet reiste."

Den Jesuiten Johann Gru(e)ber (1623-1680), einen gebürtigen Linzer, ergänzt Prof. Brigitte Sokop, Wien 17; der "Missionar und Feldkurat (Militärgeistlicher, Anm.) . . . reiste 1656 nach China", wo er u.a. als Astronom am Kaiserhof tätig war. Auf der Rückfahrt musste er "den Landweg nehmen über Tibet". Er war der erste Europäer, der Lhasa sah und sogar zeichnete.

Bewohner der tibetischen Hauptstadt Lhasa, als 1904 Briten einmarschierten.  - © Foto (gemeinfrei) aus: Edmund Candler, The Unveiling of Lhasa, 1905
Bewohner der tibetischen Hauptstadt Lhasa, als 1904 Briten einmarschierten.  - © Foto (gemeinfrei) aus: Edmund Candler, The Unveiling of Lhasa, 1905

Damit zurück ins beginnende 20. Jahrhundert: Die geopolitische Situation schildert Prof. Dr.-Ing. Klaus Schlabbach, Hamburg/D: "Tibet stand damals unter chinesischer Kontrolle (und wurde 1912 autonom). Hintergrund war das Ringen der damaligen Großmächte Russland, Japan, Großbritannien um die globale Vorherrschaft ("Great Game"). So ließ der Zar ab 1891 . . . die Transibirische Eisenbahn bauen, sodass sich in Wladiwostok der Traum vom Erreichen des Pazifiks erfüllte." Anschließend erlitt das Zarenreich im russisch-japanischen Krieg 1904f eine Niederlage. "Die Briten befürchteten, dass Tibet insgeheim mit Russland verhandelte", was sich "im Nachhinein" als falsch herausstellte. "Nachdem diplomatische Bemühungen gescheitert waren", genügte ein nichtiger Zwischenfall als Vorwand für einen Angriff.

Dazu Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Auslöser war der angebliche "Diebstahl nepalesischer Yaks durch tibetische Soldaten". Daraufhin schickte der von der britischen Kolonialmacht als Vizekönig in Indien eingesetzte "Lord Curzon . . . General James R. L. Macdonald (1862-1927) und Major Francis Edward Younghusband (1863-1942) mit Truppen" Richtung Lhasa.

"Es handelte sich überwiegend um Gurkhas und Sikhs", ergänzt Ing. Helmut Penz, Hohenau/March; diese beiden Volksgruppen stellten einen Großteil der britisch-indischen Armee. Daneben waren auch englische "Pioniere, Ingenieure, Artillerie und Maschinengewehreinheiten" an der Aktion beteiligt, begleitet von einigen Journalisten.

Thomas Jandl, PhD, Wien 19: Die Invasoren nutzten "die Überlegenheit von Schnellfeuergewehren, um in mehreren Kämpfen oft hunderte Tibeter zu töten, ohne selbst Tote beklagen zu müssen."

Schüsse in den Rücken

Gerhard Toifl, Wien 17, präzisiert: Einige Tibeter "saßen auf Ponys, ausgerüstet . . . mit altmodischen Vorderladern, Schleudern, Äxten, Schwertern und Speeren." Sie "kapitulierten . . . nicht, sondern zogen langsam ab", verfolgt von den Briten, die jedoch das Feuer nicht einstellten.

Wie Volkmar Mitterhuber, Baden, ausführt, soll dabei "vielen in den Rücken geschossen worden" sein. Die anwesenden "Briten selbst zeigten sich angewidert von dem Abschlachten ihrer hilflosen Gegner".

"Aufsehen erregte das Massaker bei Guru" (etwa 300km südlich von Lhasa gelegen), so Dr. Wolfgang Rist, Wr. Neustadt (willkommen im Kreis der aktiven Nussknacker!).

Danach wurde "die Bergfestung Gyangze . . . gestürmt und Lhasa nach der Flucht des Dalai Lama Thubten Gyatsho eingenommen", fahren Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram, fort. "Am 3. August 1904 begannen . . . die Verhandlungen der Briten" mit tibetischen Vertretern. Vertraglich wurde vereinbart, dass Tibet "weiterhin unter der Oberhoheit des chinesischen Kaiserreichs stehe", es wurde aber "britischen Handelsinteressen . . . Rechnung getragen". Auch die Absetzung des Dalai Lama musste verkündet werden, was aber die Tibeter sowie die chinesischen Behörden "ignorierten". Der Dalai Lama kehrte erst 1909 aus dem Exil in der Mongolei zurück.

Tausende Tote

"Gegen Ende September verließen die Briten Lhasa", so Gesandter i. R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: Den Engländern hatte "die gesamte Kampagne . . . Verluste von etwa 200 gefallenen Soldaten und rund 400 aus anderen Ursachen (z.B. Krankheiten) Verstorbenen gebracht." Weitaus höher wurden "die tibetischen Verluste an Menschenleben" geschätzt, von einigen Tausend ist meist die Rede. In der Öffentlichkeit wurde der Feldzug "sehr kontrovers betrachtet". Und: "Younghusband verlor bald seinen Einfluss im Kolonialdienst und quittierte diesen, um sich anderen Interessen . . . zu widmen", v.a. "dem Bergsteigen".

Bei Younghusband ließ "das Massaker von Guru . . . Spuren zurück", vermutet Dr. Manfred Kremser, Wien 18. "Im Alter wandte er sich religiösen Themen zu und gründete 1936 den "World Congress of Faiths"", der sich der Verständigung zwischen den Religionen verschrieb.

P.S. Der Buchpreis geht an Prof. Dr.-Ing. Klaus Schlabbach; Gratulation!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner