Liebe Leserinnen und Leser, wollen Sie tief in die Seelen jener Menschen blicken, die die "Wiener Zeitung" machen? Dann achten Sie auf die Druckfehler! Seit Sigmund Freud ist ja bekannt, dass kleine Missgeschicke wie Verschreiben, Verlesen etc. ein Schlüssel zum Unbewussten sind. Erzählt etwa jemand, es seien Tatsachen "zum Vorschwein gekommen", dann wird klar, dass der Sprecher diese für eine Schweinerei hält. Soweit ein Beispiel von Professor Freud. Aus der Pressewelt nennt er ebenfalls eines: Eine sozialdemokratische Gazette habe "seine Hoheit, den Kornprinzen" erwähnt und sich dann entschuldigt. "Es hätte natürlich heißen sollen: den Knorprinzen."

Erhellende Irrtümer finden sich auch beim Stöbern im "WZ"-Archiv. Am 12. Juni 1802 wollte man etwa berichten, dass der Nationalkredit gesichert werde. Es rutschte aber eine Silbe hinein, sodass ein -dekredit daraus wurde. Ein vielsagender Fauxpas, steuerte man doch damals langsam auf den Staatsbankrott 1811 zu.

In einer seiner Vorlesungen meinte Freud, man spreche "in solchen Fällen gerne vom Druckfehlerteufel", es handle sich aber schlicht um "Fehlleistungen des Setzers". (NB. Ein anderes Kapitel sind absichtliche Patzer. Wenn z.B. am 19. Mai 1848 in einem vom Ministerium verfassten Artikel statt der Anhänglichkeit der Wiener die Anhänglichkeit der Diener gelobt wird, ist es mutiges Aufbegehren.)

Von einer Universitätskarriere konnte der Arzt nur träumen. Hier die nächtliche Alma mater um 1900.  - © Bild: Ansichtskarte um 1900/gemeinfrei
Von einer Universitätskarriere konnte der Arzt nur träumen. Hier die nächtliche Alma mater um 1900.  - © Bild: Ansichtskarte um 1900/gemeinfrei

Begeben wir uns nun ins Frühjahr 1902, als Privatdozent Dr. Freud die "Wiener Zeitung" ganz genau studierte. Nicht wegen etwaiger Druckfehler, sondern weil er seinen eigenen Namen im Blatt suchte. Er sollte nämlich einen Professorentitel verliehen bekommen. Publiziert wurde derlei in der "WZ".

Offiziell war es also noch nicht, als der 45-Jährige am 11. März an seinen Freund Wilhelm Fließ schrieb: "Die Wiener Zeitung hat die Ernennung noch nicht gebracht", aber es "regnet auch jetzt schon Glückwünsche und Blumenspenden, als sei die Rolle der Sexualität plötzlich von Seiner Majestät amtlich anerkannt, die Bedeutung des Traumes vom Ministerrat bestätigt, und die Notwendigkeit einer psychoanalytischen Therapie der Hysterie mit zwei Drittel Majorität im Parlament durchgedrungen."

In der Rubrik Amtlicher Theil stand es eine Woche später endlich schwarz auf weiß: Neben anderen (jüngeren) Kollegen durfte Freud den Titel eines außerordentlichen Universitäts-Professors führen.

Vier Jahre hatte der in der Berggasse praktizierende Mediziner nach einem Antrag vergeblich darauf gewartet. Dann wagte er einen zweiten Anlauf. Elise Gomperz, eine Freundin mit persönlichem Draht zu Unterrichtsminister Wilhelm von Hartel, half. Aber als sie bei diesem in der Causa Freud vorsprach, hieß es: "Und wer ist das?"

Als ob man das nicht längst gewusst hätte. Erstens beschäftigte er sich mit "Schweinereien" (wie Freud einmal selbstironisch schrieb). Und zweitens war er Jude. In "gewissen Kreisen", so teilte ein Kollege dem Nervenarzt 1901 mit, werde viel über ihn gelacht.

Dass die Mission doch noch glückte, verdankte er einer ehemaligen Patientin, Marie von Ferstel. Sie belagerte den Minister, rang ihm Versprechen ab und spendete ihm schließlich ein Kunstwerk für die in Gründung befindliche "Moderne Galerie" (nun Belvedere). Tatsächlich ist dieser Inventarzugang im Bestandsverzeichnis des Museums belegt. Es handelt sich um Emil Orliks "Kirche in Auscha" (siehe Bild; Auscha liegt heute in Tschechien).

Diese Zeichnung Emil Orliks verhalf Freud zum "Professor".  - © Belvedere ("Kirche in Auscha", 1901)
Diese Zeichnung Emil Orliks verhalf Freud zum "Professor".  - © Belvedere ("Kirche in Auscha", 1901)

Ordentlicher Professor sollte Freud jedoch nie werden. Das offizielle Österreich ignorierte ihn beharrlich. Auch als er, längst international bejubelt, am 6. Mai 1931 seinen 75. Geburtstag feierte, schwieg die Staatsspitze. Gratulationen trafen aus aller Welt ein. Heimische Blätter verneigten sich zahlreich, so auch die "Wiener Zeitung", die am 7. Mai 1931 über den Jubilar berichtete. Sie lobte u.a. den Mut, mit dem Freud (...) Erkenntnisse verkündete, die den Menschen unangenehm waren. Dass es keine offizielle Feier gab, wurde ebenfalls erwähnt.(Übrigens: Gleich unter dem Freud-Artikel findet sich ein Hinweis, dass die Universität Wien Ignaz Seipel ein Ehrendoktorat verleiht.)

Schon damals stand außer Zweifel, dass Freud als großer Österreicher in die Geschichte eingehen würde. In einem Wiener Blatt erschien 1931 eine Karikatur, die in die Zukunft schaute: Im Jahr 2000 betrachten Ausstellungsbesucher eine Bildergalerie. Vor Freuds Konterfei fragen sie: "Sagen Sie, wer ist denn dieser Herr da?" Der Saaldiener entgegnet: "Na hör’n S’, dös ist der berühmte Professor Freud, der Schöpfer der Psychoanalyse." - "Und wer sind denn die anderen mit den vielen Orden?" - "Dös waß i net. Von denen weiß ka Mensch heut’ mehr was!"

P.S. Die "WZ"-Samstagsbeilage "Extra" hat sich auf Spurensuche in Freuds Wien begeben - hier geht es zum Beitrag.

Kopfnuss: War Elise Gomperz (1848-1929) auch eine Patientin Freuds? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)