Zu Rezeptaustausch anno 1770 per Post quer über den Atlantik recherchierte die Gemeine anlässlich der Zusatzorchidee der Nro. 416. Alice Krotky, Wien 20, liefert zum Einstieg den Namen des gesuchten Absenders: "Benjamin Franklin (1706-1790)".

Wofür dieser landläufig bekannt ist, listet Dr. Karl Beck, Purkersdorf, auf: "Er hat sich mit dem Elektromagnetismus auseinandergesetzt, den Blitzableiter erfunden und gilt als einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten".

Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, liefert wenig bekannte Details: Während eines London-Aufenthaltes schrieb Franklin "am 11. Jänner 1770 . . . an John Bartram in Philadelphia". Er schickte Sojabohnen mit sowie einen "Bericht über die universelle Verwendung eines Käses aus China". Diese Abhandlung eines dort tätigen Missionars habe ihn neugierig gemacht. Franklin schreibt weiter, dass er bei "James Flint, der lange in China" gelebt hatte, nachgefragt habe, "wie man diesen Käse herstellt. Dessen Antwort über "Tau-fu" gab er an Bartram weiter, um die "Kolonien" mit dem neuen Nahrungsmittel zu versorgen."

Dr. Harald Jilke, Wien 2, zitiert aus dem Originalbrief. Darin erwähnt Franklin "Chinese Caravances". Andere Abschriften zitieren "garavances", wobei es sich um einen alten englischen Ausdruck für erbsen- bzw. bohnenähnliches Gemüse handelt. Volkmar Mitterhuber, Baden, klärt auf: "Garavance ist eine Anglisierung des spanischen "Garbanzo" (dt. "Kichererbse"), womit zweifellos auch Sojabohnen gemeint" waren.

Das Schreiben beinhaltete jedoch mehr theoretisches als praktisches Wissen, berichtet Herbert Beer, Wolfpassing: Der von Franklin konsultierte James Flint hatte wohl "nie versucht, . . . Tofu selbst herzustellen." Unklar ist auch, ob einer der beiden ihn jemals gekostet hat. Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, ergänzt, dass Franklin "der erste Amerikaner" war, der Tofu beschrieben hat.

Sojabohne als Exotin

Wie Christine Sigmund, Wien 23, betont, wurde vermutlich vor "5000 Jahren . . . die Sojabohne in China, Korea und Japan angebaut." Nach Europa kam die Pflanze im frühen 18. Jh. und vorerst auch nur in die Botanischen Gärten. "Sie als Nahrungsmittel zu verwenden, daran dachte niemand." In Österreich führte der Professor für Pflanzenbaulehre "Friedrich Haberlandt unzählige Anbauversuche durch", nachdem er das Gewächs auf der Wiener Weltausstellung 1873 kennengelernt hatte.

Unter anderem mit diesem Protagonisten der Geschichte der fleischlosen Ernährung beschäftigte sich Historikerin Birgit Pack. Sie meldete sich nach der vegetabilen Hauptgeschichte der Nro. 416 bei den Zeitreisen. In ihrem reichhaltigen Online-Blog "Vegetarisch in Wien um 1900" beleuchtet sie fundiert eine vielseitige Gesellschaftsbewegung.

Soziale Überlegungen

Vom asiatischen Bohnen-"Käse" zurückkehrend zu Franklin notiert Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, augenzwinkernd, dass "die amerikanische Unabhängigkeitserklärung", die Franklin mitentworfen hat, "kein Käse" ist.

Ing. Helmut Penz, Hohenau/March: Der "Sohn eines Seifen- und Kerzenmachers" war "Drucker, bevor er . . . in die Politik ging". Damals war er bereits über 40 und wollte das Gemeinwesen fördern: Er gründete die "ersten freiwilligen Feuerwehren in Philadelphia" und eine Leihbibliothek. Kurz vor seinem Tod kämpfte er "für die Abschaffung der Sklaverei". Zuvor hatte er nie öffentlich dazu Stellung genommen.

Nachrichten über neue Steuern empörten um 1770 die Bostoner.  - © Bild: Grafik aus 1882. Kolorierung: Philipp Aufner/WZ
Nachrichten über neue Steuern empörten um 1770 die Bostoner.  - © Bild: Grafik aus 1882. Kolorierung: Philipp Aufner/WZ

Zum Thema Steuern äußerte sich Franklin pragmatisch. Wolfgang Woelk, Gotha/D, liefert zwei passende Zitate des Politikers: "Zwei Dinge auf dieser Welt sind uns sicher: Der Tod und die Steuer." Und zu Klagen über Steuerlast: "Unsere Trägheit nimmt uns zweimal so viel ab, unsere Eitelkeit dreimal so viel und unsere Dummheit viermal so viel." Allerdings war er, wie Mag. Robert Lamberger, Wien 4, betont, "als Aufklärer gegen . . . Steuern auf Grundnahrungsmittel".

Wie Dr. Alfred Komaz, Wien 19, ergänzt, sprach er sich dezidiert gegen ein Exportverbot für Mais aus, "im Falle, dass dieser im Inland billiger sei als im Ausland". Er befürchtete, dass die heimischen Bauern sonst "gezwungen werden", zu billig zu verkaufen. Gerhard Toifl, Wien 17, fand einen Brief Franklins an Militärs, in dem er sich für gerechte Bezahlung der Bauern für die Lieferung von "Hafer, Mais oder sonstige Fourage" (= Truppen- und Pferdeverpflegung) einsetzte.

Im Prinzip sah er, wie Brigitte Schlesinger, Wien 12, notiert, Steuern jedoch als Notwendigkeit, um das britische Empire zu erhalten. Er war ca. "fünfzehn Jahre in London als Kolonialagent, um die Position der Kolonien zu vertreten". Zunächst stimmte er auch dem sogenannten Stamp Act zu, den das britische Parlament 1765 verabschiedete. Damit sollten Zeitungen und viele offizielle Dokumente in den amerikanischen Kolonien besteuert werden. Erst später wandte sich Franklin gegen Steuern, die von der Kolonialmacht aufoktroyiert werden, "ohne dass es einen Beschluss der Gesetzgeber vor Ort dazu" gibt.

Truthahn vs. Adler

An der Teilfrage der Nuss Nro. 416, ob der Erfinder und Politiker auch Gourmet war, scheiden sich die Geister. Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram: "Er sah Essen als Schlüssel zum Verständnis der sich entwickelnden Kultur der Vereinigten Staaten an." Mais bezeichnete er als eine "der bekömmlichsten und gesündesten Getreidesorten der Welt". Für Helmut Erschbaumer, Linz, war er "sicher ein Gourmet", der auch einfache Lebensmittel wie "Brot, Honig, Mais, Getreide, Butter, Käse und Truthahn" schätzte.

Franklin wurde, so Mag. Wolfgang Stelzmüller, Wien 9, "mit 16 Jahren Vegetarier". Später genoss er "durchaus die Freuden der Tafel" und brachte seinen Erfindergeist in die Speisenzubereitung ein: "Er schlug vor, Truthähne mit einem elektrischen Schlag zu töten". So werde das Fleisch "ungewöhnlich zart". Man erzählte über ihn, dass er diesen Vogel gern auf dem Wappen der Vereinigten Staaten gesehen hätte. Über den "Weißkopfseeadler, der seit 1782" das Landessiegel ziert, sagte er, dass dieser "feige und faul" sei.

Wie Dr. Manfred Kremser, Wien 18, notiert, lebt der Erfinder des Blitzableiters in manchen Supermärkten der USA weiter, die Bio-Waren der Marke "Franklin Farms" anbieten. Diese ist zwar nicht direkt nach dem Staatsmann benannt. Sie wurde aber in einem Ort gegründet, der seinen Namen trägt.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Barbara Ottawa