Sie soll "in den 1950er- bzw. 1960er-Jahren nachts in Wien . . . unterwegs" gewesen sein und Bäcker "aufgesammelt" haben - das hat Kurt Morwitzer, Wien 23, zumindest über die "Bäckertramway" gehört. Auch, dass es sich um Personal der Firma "Ankerbrot" gehandelt haben soll, kam dem Geschichtsfreund zu Ohren. Was hat es damit auf sich? In welchem Zeitraum gab es diese Sonderfahrten? Welche Routen zu welchen Produktionsstätten wurden befahren? Der Spurensucher bittet die Gemeine um Hilfe und wäre für Hinweise dankbar.

Bei einer ersten Recherche stieß das Zeitreisen-team auf einen Bericht aus 1949, der eine "Nachtfahrt mit dem "Bäckenwagen"" (sic) beschreibt. Ein nicht namentlich gezeichneter Artikel in der "Volksstimme" schildert, wie ein Nachtschwärmer unerwartet "knapp vor halb vier" am Morgen eine Straßenbahn sieht. "Zwanzig, dreißig Männer springen aus den Waggons und laufen . . . zu einem Fabriktor". Eine ebenfalls mitfahrende Zeitungsausträgerin erklärt: "Der Bäckenwagen . . ., der fahrt immer um die Zeit, der bringt die Bäcken zur Arbeit. Und manchmal die Bsoffenen ham, wann s’ ka Geld fürs Taxi habn . . ." Endstation dieses Wagens ist "Floridsdorf Am Spitz". Dort befand sich ein Werk der Hammerbrotfabrik, die später mit "Ankerbrot" fusionierte.

Die "Arbeiter-Zeitung" schrieb schon 1926 in einer Reportage über das Hammerbrotwerk in Schwechat. Es gehe "um 3 Uhr früh ein Sonderzug der Straßenbahn von Hernals, der über den Gürtel fahrend die Arbeiter aufnimmt und nach Schwechat bringt. Dieser "Bäckerzug" hat seine ganz genau vorgeschriebenen Ankunftszeiten . . . und wer mit ihm fahren will, darf die Zeit nicht versäumen."

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Ein fehlender Sessel bei einem politischen Gipfel sorgte vor einigen Wochen für einen Skandal. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nahm zähneknirschend auf einem Sofa Platz.

Wie ein Diplomat des 16. Jahrhunderts auf eine solche Herabsetzung reagierte, schildert ein historischer Bericht, auf den der bekannte Journalist Otmar Lahodynsky, die Zeitreisen aufmerksam machte (danke für das schöne Fundstück!): In einem französischen Text des 18. Jahrhunderts erfährt man von einem Gesandten Karls V., der am Hof Sultan Solimans empfangen wird. Man verabsäumte es aber, eine Sitzgelegenheit für den Diplomaten bereitzustellen. Dieser erkannte die Absicht, legte kurzerhand seinen Mantel auf den Boden und nahm wie selbstverständlich darauf Platz. Nach der Audienz ließ er das Kleidungsstück liegen. Darauf hingewiesen, antwortete er: "Die Gesandten des Kaisers, meines Herrn, sind nicht gewohnt, ihre Sitze mit sich zu tragen."

Hat sich die Geschichte, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder auch in heimischen Blättern auftauchte, so zugetragen oder ist sie Anekdote? Die Gegenwart beweist jedenfalls, dass sie nicht weit hergeholt ist.

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner