Lava, Lava! Staunend betrachteten im späten 18. Jahrhundert Adlige mit Dienern einen Vulkanausbruch, den der vorne sitzende Maler festhielt. - © Bild nach Werk W. Hamiltons 1776/gemeinfrei
Lava, Lava! Staunend betrachteten im späten 18. Jahrhundert Adlige mit Dienern einen Vulkanausbruch, den der vorne sitzende Maler festhielt. - © Bild nach Werk W. Hamiltons 1776/gemeinfrei

Höllenfeuer wüten rund um Alt-Innsbruck in einem anno 1788 in der "Wiener Zeitung" abgedruckten Bericht. In der brennheißen Darstellung, die bis ins Jahr 1540 zurückblickt, kommt sogar ein ausgebrochener Vulkan ins Spiel. Dem Höttinger Walde oberhalb der Tiroler Hauptstadt wird in dem Artikel ebenso Augenmerk geschenkt wie auch der Gegend bey Zirl, dem zweieinhalb Gehstunden von der Metropole entfernten Ort.

Bevor wir jedoch auf die exklusiven Zeilen in unserer Gazette näher eingehen, wollen wir noch prüfen, ob sich von der feurigen Materie etwas im Schatz des Volkes - in der Sagenwelt - erhalten hat. Aber eher findet sich ein freundliches Bergmännlein, das auf der Nordkette eingeschneite Kinder rettet, oder das Höttinger Marienbild, das betenden Hochschülern Studienerfolge beschert. Auch die im Gewitter auf 2.269m Höhe versteinerte Riesin Frau Hitt passt nicht ganz zur Causa.

Es bleiben allerdings alte Geschichten um Silber und Gold im Höttinger Berg. So die Sage von frevelnden Bergknappen, die einen riesigen Silberklumpen (für den man ein Fuhrwerk benötigte, das vier Ochsen zogen) mit Wein tauften. Beim Schmelzen des Silberkolosses zersprang zur Strafe der Hochofen, dann begrub das einstürzende Bergwerk die an der "Taufe" Beteiligten.

Gespräch zwischen Leuten in Alt-Tirol. Ob es dabei um Berichte über den Vulkan im Land ging? - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Gespräch zwischen Leuten in Alt-Tirol. Ob es dabei um Berichte über den Vulkan im Land ging? - © Bild: Archiv/gemeinfrei

Feuer und Flamme lodern in der Sage vom armen Mädchen, dem ein Zwerg oberhalb des Höttinger Marienbildes ein tiefes Loch zeigte, um das der Boden glühte - golden. Das Männlein lud die Kleine ein, doch hinunterzusteigen und sich Gold zu holen. Das Kind freilich fürchtete sich und lief ohne glänzenden Schatz davon.

Der berstende Hochofen, aus dem vermutlich gewaltige Stichflammen emporschossen, könnte auf Tradierung von einst furchtbaren Bränden im Land am Inn hinweisen. Oder? Vielleicht lässt sich besser deuten, was es mit dem glühendem Boden entfliehenden Kind auf sich hat: Ein tiefes Loch und gleißender, funkelnder Untergrund. Sollte das nicht Lava eines ausbrechenden Vulkans sein?

Karte (Teil) aus 1774 von Tirol: Oben Höttinger Alm. - © Quelle: Anich-Hueber 1774
Karte (Teil) aus 1774 von Tirol: Oben Höttinger Alm. - © Quelle: Anich-Hueber 1774

Genug der Spekulation, zu der verschlungene Überlieferung verführt; über die beiden Schnellsch(l)üsse würden Sagenforscher herzlich lachen, obwohl der in Richtung Vulkan abgegebene famose Sch(l)uss - nein, nein, hören wir auf!

Gescheiter ist es, wir greifen zur erprobten Quelle "Wiener Zeitung". Konkret zum Blatt von Mittewoche den 11. Junius 1788. Unter Tyrol lesen wir viel zu Feuer im Gebirgsland. Anlass:

Am 28. May ist in der Gegend von Innsbruck im Höttinger Walde eine Feuersbrunst ausgebrochen, welche (...) sehr gefährlich hätte werden können, wenn nicht (...) die auf das eilfertigste getroffenen Anstalten den (sic!) weiteren Folgen gesteuert hätten.

Nicht allein einen Brand von 1788, sondern auch Feuriges zurück bis anno 1540 schilderte die "WZ" vor 233 Jahren. - © WZ-Faksimile: M. Szalapek
Nicht allein einen Brand von 1788, sondern auch Feuriges zurück bis anno 1540 schilderte die "WZ" vor 233 Jahren. - © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Damit hätte der Bericht schon enden können. Doch wir befinden uns 1788 in Österreichs Aufklärungs-Ära, in der unser Blatt eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Daher wird in den brandaktuellen Artikelzeilen auch des rasch der Gemeinschaft beispringenden Hrn. (= Herrn) Landesgouverneurs (Wenzl Graf Sauer, 1742-1799, im Amt 1787- 1790) gedacht, worauf auf einer halben Zeitungsseite für die Epoche typische belehrende Ausführungen folgen. Thema: Großfeuer.

Der Text des späten 18. Jahrhunderts blickt bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts zurück, also mehr als 200 Jahre. Fast möchte man die Rückschau als Ur-Ahnin der Zeitreisen sehen, die Sie, liebe Leserin, lieber Leser, in Händen halten.

Jedenfalls zitierte unsere Gazette in Manier des jetzigen "WZ"-Geschichtsfeuilletons aus der Handschrift des Geschichtsschreibers Wilhelm Putsch von Hackingen und Gernstein zum Großbrand, der im Jahre 1540 im Höttinger Wald auf eine fürchterliche Weise gewüthet hat. Volksaufklärerisch relativierte man sodann die im vergilbten Papier notierte Annahme, die Bäume seien durch die heftige Sonnenhitze am 20. Julius entzündet worden.

So anschaulich zeigt ein älteres populärwissenschaftliches Werk das Entstehen von Vulkanaktivität. - © Bild in: H. Kraemer (Hrsg.), Weltall u. Menschheit, 1. Bd., Berlin etc. o. J. (= ca. 1901)
So anschaulich zeigt ein älteres populärwissenschaftliches Werk das Entstehen von Vulkanaktivität. - © Bild in: H. Kraemer (Hrsg.), Weltall u. Menschheit, 1. Bd., Berlin etc. o. J. (= ca. 1901)

Denn Thesen zur Selbstentzündung der Forste hat man gegenwärtig ganz abgelegt; es würden alle Waldbrünste aus Unvorsichtigkeit und Nachlässigkeit entstehen. Die Waldleute sollten keinesfalls Feuer zum Kochen oder Wärmen ungelöscht verlassen, drohe doch in Gebirgslage ein unersetzlicher Schaden.

Nachsatz: Auch (...) 1783 entstand unter der Martinswand bey Zirl eine Waldbrunst, die durch 17 Tage anhielt. 17 Schreckenstage! Wie ein Lauffeuer raste die Katastrophenmeldung durch Mitteleuropa. Und bald gab es Eruptionen - zum Glück nur in Famas Küche und auf geduldigem Papier: Bey diesem Vorfalle hatte sich durch falsche Berichte fast in ganz Deutschland der Ruf verbreitet, daß in der Nähe von Innsbruck ein Berg Feuer zu speyen anfange.

Ein zweiter Vesuv, Tirols Vulkan, erblickte scheinbar das Licht der Welt...

Kopfnuss: Blickte unser Blatt bereits im Gründungsjahr 1703 auf Tirol? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)