Dämonen, Gift, Attentäterinnen und Hochstapler sind die Zutaten zum Werk eines Juristen, das in Frage 1 der Nro. 418 gesucht war. Den Namen des Autors liefert Robert Ernst (willkommen im Tüftlerkreis!): "François Gayot de Pitaval" (1673-1743). Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf: Nach dem Militärdienst wandte er sich den Rechtswissenschaften zu und "wurde 1713 Advokat . . . am Parlement", dem Höchstgericht in Paris.

Zunächst verfasste er, wie Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, notiert, andere Sammelwerke: "In erster Linie Porträts der zeitgenössischen Hofgesellschaft oder auch denkwürdige Äußerungen französischer Könige".

Das gesuchte Konvolut erschien ab den 1730ern bis zum Tod Pitavals, wie Volkmar Mitterhuber, Baden, herausfand, "in zwanzig Bänden" und umfasste "die bekanntesten Kriminalfälle seiner Zeit". Gesandter i. R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, mit dem Titel samt eigener Übersetzung: "Causes célèbres et intéressantes, avec les jugements qui les ont décidées" - "Berühmte und interessante Rechtsfälle mit den in Rechtskraft erwachsenen Urteilen".

Maria Thiel, Breitenfurt, betont, dass darin nicht nur der "Prozessverlauf, sondern auch den . . . Fällen zugrunde liegende psychologische und menschliche Verwicklungen" beschrieben werden. Außerdem wird "bewusst das hohe Strafmaß und die ganze Härte der . . . Strafverfolgung" aufgezeigt. Dazu Helmut Erschbaumer, Linz: Pitaval sah "die Rückständigkeit der Justiz, die korrupte und ignorante Richterschaft mit kritischen Augen . . . Das machte ihn zu einem Wegbereiter der . . . Revolution."

Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, weist darauf hin, dass die Kollektion "ursprünglich . . . für Jusstudenten vorgesehen" war. Aber, so Herbert Beer, Wolfpassing, "auch das breite . . . Publikum fühlte sich . . . angesprochen und unterhalten." Das Werk "entwickelte sich schon damals zu einem Bestseller".

Für Elisabeth Huberger, Wien 22, ist der Anwalt "sozusagen der Begründer . . . eines Genres, das heute noch vielfach gekauft und gelesen wird: "true crime""; wahre Kriminalfälle, literarisch aufbereitet.

In diese Tradition reihen sich auch die derzeitigen Fortsetzungsgeschichten in den Zeitreisen (s. Kasten) mit Gerichtsberichten ein, die sich großer Beliebtheit erfreuen (vgl. dazu S. VIII).

Zeitreisende Huberger hält fest, dass sich "niemand Geringerer als Friedrich Schiller . . . 1792 entschloss", Teile des Original-Pitaval zu übersetzen.

Der Dichter schrieb in einer Abhandlung, die Leserschaft rechne "dem konsequenten Bösewicht die Besiegung des moralischen Gefühls . . . zu einer Art von Verdienst an, weil es von einer gewissen Stärke . . . zeugt, sich durch keine moralische Regung in seinem Handeln irre machen zu lassen".

Wien, Prag, Berlin

"Im 19. Jh.", so Mag. Robert Lamberger, Wien 4, wurde "der Name Pitaval ein Synonym für Sammlungen von Rechtsfällen".

Die "Blütezeit dieser Literaturform" dauerte, wie Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz, anmerkt, bis ins frühe 20. Jahrhundert. Bis dahin "gehörten sogenannte Pitavalgeschichten in jede Bibliothek."

Auf der Titelseite einer Zeitung aus Wien prangte am 3. Juli 1925 diese Illustration zu einem Frauenmord in Genua.  - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Auf der Titelseite einer Zeitung aus Wien prangte am 3. Juli 1925 diese Illustration zu einem Frauenmord in Genua.  - © Bild: Archiv/gemeinfrei

Zum Pitaval aus Berlin recherchierte Brigitte Schlesinger, Wien 12: Diese "Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit" wurde ab 1842 "von Criminaldirector Julius Eduard Hitzig" (1780-1849) und Willibald Alexis (eigentlich G. W. H. Häring, 1798-1871), ebenfalls Jurist und Autor, herausgegeben. Schwerpunkt war "die Psychologie der Verbrecher". Durch spätere Ergänzungen brachte es der "Neue Pitaval" auf "insgesamt 60 Bände und ca. 520 beschriebene Fälle."

Mag. Alexander Maksimovic und Thomas Krug (willkommen im Tüftlerkreis!) nennen "Egon Erwin Kischs "Prager Pitaval"" aus 1931. Mag. Wolfgang Stelzmüller, Wien 9, merkt an, dass der Autor "vor allem Geschichten, die er in Prager Kneipen gehört hatte", zusammentrug und Hintergründe recherchierte. Dr. Traudl Schrottmaier, Wieselburg, erwähnt ein Werk aus demselben Genre: Paul Johann Anselm Feuerbachs "Merkwürdige Criminal-Rechtsfälle", 1808-1811.

Zu einer heimischen Ausgabe kommt Michael Chalupnik, Sieghartskirchen: "Der Wiener Jurist, Schriftsteller und Parapsychologe Edmund Otto Ehrenfreund" gab 1913 unter dem "Pseudonym: Ubald Tartaruga (ital. Schildkröte, Anm.) . . . das vierbändige Werk "Der Wiener Pitaval"" mit Kriminalfällen aus der Donaumetropole des 19. Jh.s heraus.

Anders als Pitaval konnte Ehrenfreund, wie Dr. Alfred Komaz, Wien 19, betont, nicht auf Prozessakten zurückgreifen, sondern stützte sich "hauptsächlich auf Zeitungsberichte". 1850 war in Wien eine weitläufige Aktenvernichtung vorgenommen worden, womöglich im Zuge einer Gerichtsreform.

Ehrenfreund schrieb auch für ein Wochenblatt über wahre Verbrechen. Ab den 1920ern war er übrigens in Wien 18 unter seinem Pseudonym gemeldet.

Um Einblick in seinen Stil zu geben, zitiert Dr. Manfred Kremser, Wien 18, aus Tartarugas Sammlung: Als ein Häftling beim täglichen Hofspaziergang "eine mit Eis bedeckte Stelle . . . erblickte, schliff er nach Art der Gassenjungen lustig dahin, bis man ihm dies untersagte". Solche "Anmerkungen in Pitaval’scher Manier - mit wienerischem Einschlag -" machen das "eigentliche Lesevergnügen" aus, meint der Zeitreisenmedicus.

(N.B. Eine weitere Causa aus dem Wiener Pitaval, wird auf der gegenüberliegenden Seite behandelt.)

Der Original-Pitaval ist laut Dr. Harald Jilke, Wien 2, eine "Fundgrube für Autoren von Kriminal- und Schauerliteratur." So etwa "die Fälle der Marquise de Brinvilliers und der Catherine Monvoisin", um Giftmorde, die "als Hintergrund für E.T.A. Hoffmanns "Das Fräulein von Scuderi"" dienten. Gerhard Toifl, Wien 17, ergänzt die ebenfalls enthaltenen "Protokolle der Prozesse gegen die Teufel von Loudun" über einen Priester, der um 1630 angeblich mit Satan im Bunde war.

Wie Kriege entstellen

Wohlbekannt ist die Causa um jenen Hochstapler, der im 16. Jh. den Platz eines verschollen geglaubten Kriegsveteranen einnahm. Dessen Namen bringt Dr. Hans Werner Sokop, Wien 17: "Martin Guerre". Alice Krotky, Wien 20, merkt an, dass es dem Betrüger gelang, "die Verwandten und sogar die Ehefrau zu täuschen." Dass dies durchaus vorstellbar ist, weiß Dr. Karl Beck, Purkersdorf: "Meine Frau Mama (Jahrgang 1922) erzählte mir . . . über ihren Vater, der aus dem Ersten Weltkrieg so entstellt nach Hause gekommen war, dass die eigene Ehefrau ihn nicht wiedererkannte."

P.S. Recherchen zu Frage 2 der Nro. 418 (Thema: Wilhelm Hauff) u.a. von Dr. Gerhard Jungmayer, Wien 22, sind für die nächste Ausgabe reserviert.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Barbara Ottawa