Er nennt sich Franz Schönauer, Frey, Fleischmann etc. und tritt gewöhnlich als Pferde-, Vieh- oder Schweinehändler auf. Der junge Mann ist von grosser schlanker Statur, hat ein länglichtes mehr mageres als fettes Gesicht von gesunder Farbe (...), eine länglichte gespitzte etwas links gebogene Nase, (...) kleine weisse, etwas von einander stehende Zähne, dunkelbraune kurz geschnittene Haare. In Gesellschaft aufgeweckt und fröhlich, liebt er die Frauenzimmer und den Tanz und hat einen sehr guten Kopf. Doch Vorsicht! Er trägt gewöhnlich Pistolen sowie Messer und ein Stilet bei sich.

So stand es in einer 1815 im "WZ"-Amtsblatt publizierten Personenbeschreibung eines höchst gefährlichen Raub-Mörders, dem der Tüftlerkreis anlässlich der Orchidee der Nro. 418 auf den Fersen war.

Geborener Außenseiter

Den gesuchten Strolch nennt Martina Kerschbaumer, Langenzersdorf (willkommen in der Gemeine!): Es handelt sich um den berüchtigten "Räuberhauptmann Grasel". Den vollen Namen, der in verschiedenen Schreibweisen überliefert ist, gibt Mag. Robert Lamberger, Wien 4, an: "Johann Georg Grasl".

Seine Kumpane riefen ihn "Nik(l)o" oder "großer Hansjörg", informiert Dr. Manfred Kremser, Wien 18, der zu der Causa im "Wiener Pitaval" nachlas (s. gegenüberliegende Seite).

Geboren wurde Grasel wohl "1790 in Neu-Serowitz im heutigen Tschechien", so Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf; "sein Vater war Abdeckerknecht", auch Schinder oder Wasenmeister genannt, und "für die Beseitigung und Verwertung von Tierkadavern" zuständig.

Die "sozialen Hintergründe" beleuchtet Rudolf Freiler, Kirchschlag/NÖ: Damals waren für seinesgleichen die gesellschaftlichen "Schranken unüberwindlich". Als Spross einer Schinderfamilie war er "von Anfang an ein Ausgestoßener. Grasel hat im Verhör selbst gesagt, es wäre das beste gewesen, wenn ihn seine Mutter . . . nach der Geburt verschenkt hätte, ganz gleich an wen. Da seine Eltern oft im Gefängnis waren, wäre es die Aufgabe seiner Heimatgemeinde gewesen, ihn zu versorgen und zu erziehen. Natürlich geschah nichts dergleichen."

Durch eine List gelang es, den Räuber in einem Mörtersdorfer Wirtshaus zu ergreifen. Bild: E. Breier, Die beiden Grasel/IV, Wien 1861
Durch eine List gelang es, den Räuber in einem Mörtersdorfer Wirtshaus zu ergreifen. Bild: E. Breier, Die beiden Grasel/IV, Wien 1861

"Die Eltern bettelten, stahlen oder verübten Einbrüche, um sich über Wasser zu halten", so Elisabeth Huberger, Wien 22. "Schon früh wurden auch die Kinder zu diesen Tätigkeiten hinzugezogen . . . Johann Georg Grasel fand sich zum ersten Mal mit neun Jahren in einer Zelle". Ab "1810 . . . beging er immer mehr und schwerere Verbrechen . . . Auch vor Körperverletzungen schreckte er nicht zurück; ein später vom Wiener Magistrat verfasstes Untersuchungsprotokoll führte . . . 205 Verbrechen auf."

Er scharte etliche Komplizen um sich, so Herbert Beer, Wolfpassing; die "gefürchtete Räuberbande soll aus mehreren Dutzend Mitgliedern bestanden haben". Sie "überfielen u.a. Bauernhöfe, fesselten die Bewohner und misshandelten sie, bis sie die Verstecke für ihre Wertsachen verrieten."

Neotüftler Thomas Krug erwähnt, dass Grasel auch Raubmord auf dem Kerbholz hatte. Dazu Mag. Alexander Maksimovic: Opfer war "Anna Marie Schindlerin", die "am 18. Mai 1814 in Zwettl" überfallen wurde.

Details schildert Brigitte Schlesinger, Wien 12: Die Übeltäter brachen gegen 23 Uhr in das Haus der Frau ein. "Grasel hielt ihr den Mund zu", ein anderer "fesselte sie . . . Sie hörte aber nicht auf zu schreien". Daher wollten die Eindringlinge sie "in den Keller . . . zerren"; eine Tuchent sollte "das Geschrei . . . dämpfen. Sie schlugen . . . mit einer Eisenstange" auf die Überfallene "ein und verletzten sie mit einem Messer . . . Grasel gab später an, er wäre betrunken gewesen" und mit ihr "über die Kellertreppe gestürzt, wobei sie den Tod fand."

"Grasel war kein "edler Räuber"", stellt Volkmar Mitterhuber, Baden, klar, "sondern ein feiger Dieb und Mörder", der "jahrelang . . . das Waldviertel . . . unsicher gemacht hatte." Alice Krotky, Wien 20, ergänzt: Das Gebiet, in dem er und seine Leute "ihr Unwesen trieben", reichte bis "Mähren und Böhmen".

Zu einer Art Robin Hood, der "die Reichen bestahl und die Armen beschenkte", wurde er nach seinem Tod stilisiert, notiert Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz; dieses Ideal "ohne reale Basis" diene der "touristischen Vermarktung".

Hintergründe liefert Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7: Zu Grasels Zeit "herrschte . . . große Unsicherheit in weiten Teilen der Monarchie. Die Napoleonischen Kriege und der Staatsbankrott von 1811 hatten dazu geführt, dass die Behörden nicht mehr in der Lage waren, die öffentliche Sicherheit zu garantieren. Wurden z.B. Kriminelle erwischt, sperrte man sie in Gemeindekotter. Diese waren aber nur mangelhaft gesichert, sodass man . . . leicht entkommen konnte."

Vermögen ausgelobt

Auch Grasel war es einst gelungen zu fliehen. Wie Dr. Harald Jilke, Wien 2, erläutert, hatte er sich einmal als Deserteur ausgegeben, "weil ein Ausbruch aus dem Militärarrest angeblich leichter war". Er flüchtete "in der Nacht vom 6. auf den 7. Juli 1813 aus der Rennwegkaserne" in Wien. Übrigens: "Dort ist jetzt das BVT (Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, Anm.) untergebracht."

Wie Dr. Karl Beck, Purkersdorf, anmerkt, wurde "1815 . . . eine Ergreiferprämie von 4.000 Gulden ausgesetzt". Das führte schließlich dazu, dass Grasel in "Mördersdorf" (so eine alte Schreibweise von Mörtersdorf, auf die Dr. Beck passenderweise zurückgriff) "in die Falle ging".

Karl Finkenzeller, Wien 14, merkt an, dass zuvor ein "Aufruf in der "Wiener Zeitung"" veröffentlicht worden war. Im Amtsblatt vom 18. November 1815 setzte man einen Preis auf des Raub-Mörders Grasel Einbringung aus. Publiziert wurde auch die eingangs zitierte Personenbeschreibung (s. Faksimile l.).

Auch F. J. Schopf, Justitiar in Drosendorf, begab sich auf Verbrecherjagd. - © Bild: Archiv/Zeitungsillustration. Koloriert v. Ph. Aufner
Auch F. J. Schopf, Justitiar in Drosendorf, begab sich auf Verbrecherjagd. - © Bild: Archiv/Zeitungsillustration. Koloriert v. Ph. Aufner

Dass 4.000 Gulden eine "enorm hohe Summe" waren, gibt Dr. Alfred Komaz, Wien 19, zu bedenken und nennt als Vergleich, "dass damals ein Bauernhof im Waldviertel" um einen Bruchteil zu erwerben war.

Wie Maria Thiel, Breitenfurt, hinzufügt, war u.a. auch "Franz Joseph Schopf, der Drosendorfer Gerichtsverwalter", an der Ergreifung Grasels beteiligt.

Freundin im Kerker

Aber der Reihe nach. Grasel wollte "nach Schlesien flüchten", so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, und zwar mit Resi Hamberger, einer seiner Freundinnen, die allerdings "in Drosendorf (heute Bezirk Horn/NÖ, Anm.) im Gefängnis saß". Nun kommt, wie Neozeitreisender Robert Ernst ergänzt, "ein weiblicher Spitzel" ins Spiel, der "ins Gefängnis eingeschleust" wurde.

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: "Der Polizeispitzel David Mayer" befreite beide Frauen zum Schein aus ihrer Zelle. "Vereinbarter Treffpunkt" mit Grasel "war ein Wirtshaus in Mörtersdorf bei Horn (heute erinnert hier der Gasthof "Graselwirtin" an das Geschehen)." Dort, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, wurde der Gesuchte, dem man "Opium in den Wein" gemischt hatte, überwältigt und "über Nacht . . . nach Wien gebracht".

Wie schon erwähnter Tüftler Dr. Komaz anmerkt, soll das Kopfgeld David Mayer kassiert haben.

Auf Grasel kam ein "langwieriger Prozess" zu, so Gerhard Toifl, Wien 17, wobei es um Taten ging, "die er in einem Zeitraum von zehn Jahren verübt hatte".

"Am 28. Jänner 1818 wurde Grasel zum Tod verurteilt", so Helmut Erschbaumer, Linz, und drei Tage später gemeinsam mit seinen Komplizen "Jakob Fähding und Ignatz Stangel öffentlich gehängt." Angeblich schauten "60.000 Menschen" zu. "Der Überlieferung nach sollen Grasels letzte Worte gewesen sein: "Jessas, so vül Leit!""

"So vül Leit" , soll Grasel (Mitte) laut Legende vor seiner Hinrichtung gestaunt haben.  - © Bild: Zeitungsillustration 1915; Schmuckfarbe: Philipp Aufner
"So vül Leit" , soll Grasel (Mitte) laut Legende vor seiner Hinrichtung gestaunt haben.  - © Bild: Zeitungsillustration 1915; Schmuckfarbe: Philipp Aufner

Wie Manfred Bermann, Wien 13, recherchierte, fand die Hinrichtung "am Glacis" statt. In einem 1895 veröffentlichten Bericht im "Illustrirten Wiener Extrablatt" steht: "1863 fand man bei den Erdaushebungen zwischen dem Burg- und Franzensthore ein Skelett. Sofort hieß es, man habe die Knochen Grasel’s gefunden . . . Als die Polizei kam, war das Skelett . . . schon in kleinen Partien verkauft."

Zum Nachleben erwähnt Dr. Traudl Schrottmaier, Wieselburg, "Die Moritat vom Räuberhauptmann Johann Georg Grasel", einen TV-Film aus 1969 "mit Peter Vogel in der Hauptrolle". Regie hatte Otto Anton Eder geführt, das Drehbuch schrieben H. C. Artmann und Friedrich Polakovics.

Vor einigen Jahren gab es zur Causa Grasel ein augenzwinkerndes Nachspiel, fand Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, heraus. 2013 wurde eine Verhandlung nach modernem Recht inszeniert. Dies geschah "anlässlich der Vorstellung des damals neuen Buches "J. G. Grasel vor Gericht - Die Verhörsprotokolle des Wiener Kriminalgerichts und des Kriegsgerichts in Wien"" von Winfried Platzgummer und Christian Zolles. Der Schauprozess fand "im Gasthaus der Graselwirtin in . . . Mörtersdorf" statt. Ergebnis: Dem Räuber wurde "wegen guter Führung die Freiheit geschenkt".

P.S. Details zur Zusatzorchidee um eine beraubte Kaiserin, u.a. von Mag. Wolfgang Stelzmüller, Wien 9, folgen im Juli!

Zusammenstellung dieser Seite: Andrea Reisner