"Foahrst a zum Anker? I muaß no in den Zehnten. Nimmst mi mit?" Diese Fragen hörte Anton Hiltscher (danke für Ihre Ausführungen!) öfters von Nachtschwärmern, wenn er um 3 Uhr früh auf die Straßenbahn nach Wien-Favoriten wartete. Der Zeitreisende fuhr 1959-1963 als Bäckerlehrling mit der "Ankertramway" in die Arbeit.

Auf die Spur solcher Bäckerwagen, auch "Bäckenwagen", begab sich das Geschichtsfeuilleton in der vorigen Ausgabe. Tüftler Kurt Morwitzer, Wien 23, hatte das Thema aufs Tapet gebracht und die Gemeine um Hinweise gebeten. Zur Erinnerung: In Wien sollen die Bediensteten großer Bäckereibetriebe einst per nächtlicher Straßenbahn-Sonderfahrt zu ihren Arbeitsstätten gebracht worden sein. Die Hammerbrotwerke in Schwechat boten einen solchen Dienst bereits in den 1920ern an, wie aus einem Artikel in der "Arbeiter-Zeitung" hervorging (vgl. Nro. 419). Die Belegschaft der Ankerbrotfabrik verfügte jedenfalls in der Zweiten Republik über einen "Bäckerwagen".

Pünktlich um 3 Uhr

Die Ankertramway, so der gelernte Bäcker Anton Hiltscher, "fuhr den ganzen Gürtel" entlang über die "Quellenstraße bis zur Absberggasse", wo sich die Fabrik befindet. "Meine Einstiegstelle war immer die Haltestelle Margaretengürtel/Flurschützstraße." Dort musste man pünktlich um 3 Uhr bereitstehen, denn "wenn man nicht . . . bei der Station war", fuhr der Wagen "langsam . . . vorbei. Die meisten Fahrer . . . wussten aber, wo die Leute zusteigen und nahmen ein paar Minuten, nicht zu lange, Rücksicht." Bemerkenswerterweise "wussten sie auch, wenn jemand im Urlaub war, man sprach ja noch miteinander."

Bis der Zug bei der Fabrik ankam, war er "immer ziemlich voll". Es stieg dann "eine Kolonne von Arbeitern" aus, "aber auch . . . Frauen, die im Expedit arbeiteten". Für die Belegschaft waren die Fahrten kostenlos. Gerüchteweise hörte man, dass "diese Straßenbahn die Ankerbrotfabrik zahlt, damit ihre Bäcker pünktlich zur Arbeit kommen." Details sind dazu nicht bekannt.

Auch Ing. Roland Czerny, Wien 5, meldete sich nach dem Aufruf in Nro. 419 zu Wort: "Die Wohnungen meiner Großeltern lagen . . . immer entlang der Linie 6", wo auch die Bäckertramway fuhr. Der Großvater - er arbeitete ebenfalls bei Ankerbrot - benutzte sie in den 1950ern und 1960ern.

Im "Tramwayforum", wo sich Straßenbahnbegeisterte online austauschen, wurde Dr. Harald Jilke, Wien 2, bei der Recherche fündig. In einem 2016 verfassten Beitrag wird u.a. darüber informiert, dass "auch andere Berechtigte . . ., z.B. Trafikanten" damit fahren durften. "Es gab früher eigene Ausweise, die betriebsfremden Personen das Benützen diverser Frühdienstwagen gestatteten."

Donau-Schiffsköchin

Mit "Weißer Scheibe" , also ohne Liniensignal, fuhr auch die Bäckertramway. Hier ist ein anderer Sonderwagen zu sehen, nämlich eine Probefahrt 1954 in der Nordbahnstraße.  - © Foto: Wr. Linien
Mit "Weißer Scheibe" , also ohne Liniensignal, fuhr auch die Bäckertramway. Hier ist ein anderer Sonderwagen zu sehen, nämlich eine Probefahrt 1954 in der Nordbahnstraße.  - © Foto: Wr. Linien

Dass nicht nur Bäcker mit dieser Straßenbahn fahren durften, kann Peter Dusik, Wien 23, bestätigen: "Meine aus Mähren stammende Mutter, die 1945 mit mir nach Wien zur väterlichen Großmutter flüchtete, arbeitete in den 1950ern jahrelang als Schiffsköchin auf Schlepp-Donauschiffen"; deren Namen, so glaubt sich der Spurensucher zu erinnern, könnten "Suppan" und "Hohenau" gelautet haben. "Wenn das Schiff in Wien übernachtete (es gab noch kein Radar für Nachtfahrten), schlief meine Mutter zu Hause im 10. Bezirk. Da aber die Schiffe bei beginnendem Tageslicht ausliefen, benützte meine Mutter die "Bäckertramway", um rechtzeitig an Bord zu sein."

Übrigens gab es auch andere Berufsgruppen, denen Wagen mit "Weißer Scheibe", d.h. ohne Liniensignal, zur Verfügung standen. Neben den Dienstwagen der Straßenbahner existierte 1946-1971 der Fleischhackerwagen. Er brachte die Bediensteten des Schlachthofs St. Marx (vgl. Nro. 418) zu ihrer Arbeitsstätte und fuhr "vom Betriebsbahnhof Gürtel . . . über den ganzen Gürtel und . . . bis zur Viehmarktgasse", informiert ein Text des Verkehrsmuseums, den die "Wiener Linien" den Zeitreisen übermittelten. Retour ging dieser Zug "über die Landstraßer Hauptstraße und den Ring über . . . Währinger und Nußdorfer Straße, bzw. ab 1960 über Porzellangasse und Althanstraße." Ab 1971 wurde dieser Wagen durch einen 18er ersetzt, "der bis 1983 in Erdberg wendete und wieder über den Gürtel heimfuhr".

Die Fabrik in der Absberggasse in der Zwischenkriegszeit. - © Bild: Ankerbrot
Die Fabrik in der Absberggasse in der Zwischenkriegszeit. - © Bild: Ankerbrot

Der Bäckerwagen, den es laut Informationen der "Wiener Linien" ab 1946 gab, startete (ebenso wie der Fleischhackerwagen) bei der Remise am Gürtel. Nachdem seine Insassen bei der Absberggasse ausgestiegen waren, wendete er am Gräßl-platz und fuhr leer retour.

Das Ende der nächtlichen Dienstwagen für Bäcker und Fleischer soll mit der Einführung der Nachtbuslinien 1995 gekommen sein.

P.S. Buchtipp: Unter dem Titel "Ankerbrot. Die Geschichte einer großen Bäckerei" ist 2011 im Brandstätter Verlag eine reich bebilderte Historie des Unternehmens erschienen (erweiterte Neuauflage 2021, 168 S., 25). Verfasst wurde sie von Christian Rapp und Markus Kristan.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner