"Zwölf bedeutende Österreicherinnen wollen Sie beschreiben? Ach ja, Tänzerinnen, Sängerinnen, Schriftstellerinnen! Doch abgesehen von diesen ..." - "Gewiß! Auch abgesehen von diesen ..." - "Wären wir so ungerecht? So vergeßlich? Oder meinen Sie Dr. Liese Meitner, die an der Atombombe ..." - "Nicht sie. Sie gehört in das neue Zeitalter der Zukunft (...) Wir wollen hier nur mit den Frauen der "prä-atomischen" Zeit zu tun haben -".

Dieser Dialog stammt aus einem unscheinbaren Büchlein mit dem Titel "Österreichischer Frauen-Kalender 1947". In einer kaum beachteten Bananenschachtel auf einem Flohmarkt gefunden, weckte vor allem der geschwungene Schriftzug auf dem Umschlag die Neugierde: "Eine Huldigung den Frauen". Ein erster Blick fällt auf ein Verzeichnis, das ein Dutzend Einträge enthält. Grund genug, im Portemonnaie nach Kleingeld zu wühlen und das Schnäppchen zu erstehen.

Im Rampenlicht

Die Journalistin Ann Tizia Leitich (1891-1976, Porträt) neben ihrem Werk, einer "Huldigung den Frauen".  - © Bilder: Archiv/gemeinfrei
Die Journalistin Ann Tizia Leitich (1891-1976, Porträt) neben ihrem Werk, einer "Huldigung den Frauen".  - © Bilder: Archiv/gemeinfrei

Der Almanach ist der Journalistin Ann Tizia Leitich (1891-1976) zu verdanken. Die gebürtige Wienerin, die anno 1921 in die USA emigrierte, trug Biographien von Persönlichkeiten für diese Publikation zusammen. Manche der Vorgestellten waren völlig in Vergessenheit geraten, einige davon sind (inzwischen) durchaus bekannt.

So beschäftigten sich langjährige Gemeine-Mitglieder etwa mit der Weltreisenden Ida Pfeiffer (1797-1858, Nro. 318, Dez. 2012), der Journalistin Betty Paoli (1814-1894, Nro. 329, Nov. 2013), der weltberühmten Kriegsgegnerin Bertha von Suttner (1843-1914, u.a. Nro 279A, 1. Aug. 2008) oder der Malerin Angelika Kauffmann (1741-1807, Nro. 288B, 23. Okt. 2009). Auch zur Tiroler Gräfin Margaret(h)e Maultasch (Nro. 405, März 2020) und zu der als Schokoladenmädchen bekannten Dienstbotin Nandl Baldauf (auch Baltauf, Nro. 290B, 22. Jän. 2010) haben Geschichtsfreundinnen und -freunde recherchiert.

Büchel der Stampferin

Man stößt im Kalender aber auch auf Frauen, denen kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Eine davon ist die Steirerin Maria Elisabeth Stampfer (ca. 1637-1695), die zu einer Chronistin ihrer Zeit schlicht dadurch geworden ist, weil sie ein "Hausbüchel" führte.

Als Tochter des Grazer Kanzlisten Andreas Delatorre durfte sie lesen und schreiben lernen. Durch die Mutter, Barbara Tengg, gab es familiäre Verbindungen zum Eisenwesen. So lernte Maria den Radmeister (= Besitzer eines Radwerks zur Eisengewinnung) Hans Adam Stampfer kennen, den sie im Alter von 18 Jahren heiratete. Mit dem Bund zu ihrem "liebsten Ehewirt", wie die Stampferin festhält, wurden die Einträge in ihr Tagebuch zur Gewohnheit. Nicht zuletzt ihre sechzehn Kinder, von denen wohl nur sieben das Erwachsenenalter erlebten, boten mehr als ausreichend Stoff.

In einem fast pausenlosen "Kampf gegen die Krankheiten" wuchs die Skepsis der Steirerin gegenüber den damals brachialmedizinischen Verfahren. Als eine ihrer Töchter nach vermutlich "zu schnell aufeinanderfolgenden Kindbetten" von einem gewissen "Doktor Dako" auch noch "ein furchtbares Purgiermittel", also Abführmittel, verschrieben bekam, war das Vertrauen in ärztliche Betreuung erloschen. Die junge Frau musste mit dem Leben bezahlen. Die Stampferin verließ sich schließlich "auf ihre eigenen Arzneien" und entwickelte eine ganze Palette von "kuriosen Heilmitteln".

Ihre Kräuterkunst zeigte Wirkung. Sogar ein "Hitzpulver" gegen den großen ""Sterb", die Pest," mussten "nicht nur ihre (...) Kinder, sondern alle Leute des Haushaltes fleißig nehmen". Die schweißtreibende Rezeptur - gemischt mit einer Portion Glück - half. Die Familie entkam dem Schwarzen Tod.

Feinsäuberlich, wenn auch, so Leitich, "ein bißchen chronologisch ungeordnet", gibt das Tagebuch Einblicke in das damalige Leben. Neben Gesundheit kommentiert die Stampferin Freuden und "Grimmsal", von wirtschaftlichen Entscheidungen über Lawinenunglücke, Hungersnot oder Aufstände. Sie selbst starb ungefähr 60-jährig als "reiche Frau" und "erschöpfte Greisin".

Virtuose Dilettantin

In eine bürgerliche Wohnung im Schottenhof auf der Wiener Freyung führt das Kapitel über Maria Anna Genzinger (ca. 1754- 1793). Hinter der Eingangstür ging es vergnügt zu. Musik-Liebhaber, sogenannte "Dilettanten" (den "üblen Beigeschmack" bekam das Wort erst in späteren Zeiten), trafen auf große Tonkünstler zum gemeinsamen Musizieren.

"Unter den Liebhabern gab es natürlich auch Liebhaberinnen". Eine davon war Genzinger, zu deren Soireen die gesamte Musikszene der Zeit aufmarschierte. Wenn die Hausdame selbst auf dem Klavierhocker Platz nahm, konnte die hervorragende Pianistin "den Männern (...) das Wasser" reichen und erntete Applaus.

Ein regelmäßiger Gast und Verehrer ihrer Spielkünste war Joseph Haydn. Der Komponist schätzte ihre Kenntnisse so sehr, dass ein reger fachlicher Austausch entstand. Das wird nicht zuletzt im Briefverkehr deutlich, den die beiden miteinander pflegten und den Autorin Leitich in der Österreichischen Nationalbibliothek aufmerksam studierte. Die Freundschaft beendete ein Schicksalsschlag. Maria Anna Genzinger starb im Alter von nur 38 Jahren an "Lungengeschwüren".

Plackerei statt Spitze

Nicht für ihre Klavier-, sondern für ihre Gitarrenkünste war die Linzerin Marianne Willemer (1784-1860) bekannt. Eingang in den Almanach fand sie aber als Lyrikerin.

Jung verheiratet lernte Willemer den deutlich älteren Freund des Gatten kennen: Johann Wolfgang von Goethe. Zwischen den beiden spielte sich ein "Liebesdrama größten Tiefgangs" ab, in dem "die junge Frau (...) in einem einzigartigen Liebes-Duett selbstschöpferisch auftritt". Gedichte aus ihrer Feder finden sich u.a. in seinem "West-östlichen Divan" (1819).

Neben der Opernsängerin Marie Renard (1863- 1939) und der Tänzerin Grete Wiesenthal (1885- 1970) sticht schließlich noch das letzte Porträt hervor. Ins Zentrum rückt keine Person, die ihre "spitzenüberrieselten Hände zart und weich erhielt", sondern ganz im Gegenteil: Die Rede ist von "der Plackerei schmutziger Arbeit, den Schindmühlen und Häßlichkeiten des Daseinskampfes". Ann Tizia Leitich widmet es der "Österreicherin als anonyme Arbeiterin", denn "von den Zweien im ewigen Joche, der Arbeiterin und der Hausfrau, singt niemand".

In Flohmarktkisten wühlte Christina Krakovsky