Mit Mitte Zwanzig lernte er Radfahren. Kurz darauf fand am Sonntag, 4. Juli 1886, das internationale Velocipède-Rennen statt, wie die "Wiener Abendpost", die "WZ"-Spätausgabe, am Tag danach in einer 17-zeiligen Notiz auf der dritten Seite vermeldete. Beim Wiener Prater, auf der eigenen Rennbahn des "Wiener Rennvereins für Radfahrsport", gewann der spätere Präsident des "Wiener Bicycle Clubs", Alfred Klomser (1861-1926), seinen ersten Bewerb.

Besonders erwähnenswert fand es die damalige Redaktion unseres Blattes, dass der Besuch der Veranstaltung wegen des kurz vor Beginn des Rennens eingetretenen heftigen Regens ein schwacher war.

Wieviele Menschen letztlich ab vier Uhr Nachmittag die rund 35 Starter für Clubs aus Wien (inkl. tschechischem Teilnehmer), Budapest sowie München anfeuerten, geht aus dem Artikel nicht hervor. Bei einem Sommerrennen im August des Vorjahres waren rund 3000 Besucherinnen und Besucher auf den Radrennplatz nahe der Restauration Jahudka geströmt. (N.B. Betreiber des Lokals sollten später die Anlage führen.)

Die Adresse der Rennbahn war Kronprinz Rudolfstraße 82 (ab 1919 Lassallestraße), wobei es auch einen Eingang von der Feuerwerkswiese im Prater gab. Heute würde sich die 500m lange Rundbahn etwa auf dem Gebiet um den Max-Winter-Platz im 2. Bezirk befinden. (Zum Vergleich: Das später nach Radrennfahrer "Ferry" Dusika benannte Bretter-Oval, das vor dem Abriss steht, hat einen Umfang von 250m).

Im April 1885 war die Bahn mit einem internationalen Radrennen eröffnet worden. Für ihre Errichtung hatte der im gleichen Jahr gegründete Rennverein eine Summe von 5000 Gulden aufgebracht, was heute grob geschätzt 100.000 Euro entsprechen würde.

Bis 1903 fanden jährlich internationale und lokale Bewerbe statt. Mit nachlassendem Interesse an Pedalrennen wurde die Bahn letztendlich abgetragen.

Für den "Rennverein für Radfahrsport" hatten sich vier Gruppen zusammengeschlossen: Der "Wiener Touren-Bicycle Club" (gegründet 1885), der "Wiener Cyclisten-Club", der Radfahrerverein "Die Wanderer" (beide 1883) sowie der "Wiener Bicycle-Club" (1881). Letzterer trug in den Registern zuweilen den Beisatz "ältester Bicycle-Club der Monarchie". Der Sitz des Vereins befand sich an der Rennbahn, wo im Juni 1885 die konstituierende Versammlung mit 60 Mitgliedern stattgefunden hatte.

Bei Rennen traten die Verbände weiter gegeneinander an. Vor Errichtung der vereinseigenen Sportstätte wurden diese auf der Trabrennbahn Krieau ausgetragen. Zuweilen schauten dabei Zuseher vom Dach der Rotunde aus zu.

Radrennbahn beim Prater um 1898, Alfred Klomser vor 1892 (M.), Modell eines Tandem-Tricycle (rechts).  
- © Bilder (v.l.n.r.): Wien Museum (Foto: Heydenhauß & Robert); Allg. Sport-Zeitung. Jänner 1892 & April 1885

Radrennbahn beim Prater um 1898, Alfred Klomser vor 1892 (M.), Modell eines Tandem-Tricycle (rechts). 

- © Bilder (v.l.n.r.): Wien Museum (Foto: Heydenhauß & Robert); Allg. Sport-Zeitung. Jänner 1892 & April 1885

Dass Alfred Klomser so spät in seinem Leben das Radfahren erlernte, war für seine Generation nicht ungewöhnlich. Zwar hatte Karl von Drais schon um 1818 einen Rad-Prototyp ohne Pedale zum Patent angemeldet, die lange gängigen Hochräder wurden aber erst ab 1870 für das breitere Publikum hergestellt.

Der sportliche Bahnbeamte und Reservist Klomser trat 1885 dem "Wiener Cyclisten-Club" bei. Kurz nach seinem eingangs erwähnten Sieg 1886 wechselte er zum "Bicycle-Club" und wurde bald dessen Präsident. Als Kunstradfahrer feierte er auch internationale Erfolge. Er setzte sich für die Rechte von Velocipedisten ein und gründete 1890 die eingetragene "behördlich autorisirte Anmeldestelle zu Fachprüfungen für Einzelradfahrer".

Am 4. Juli 1886 trübte beim k.k. Prater leider ein Unglück die Stimmung: Wie die "Wiener Abendpost" berichtete, war die Veranstaltung von einem Unfalle begleitet. Im Eröffnungsrennen wurde ein nicht genannter Radfahrer bewußtlos vom Platze getragen. Es war zu einem Sturz gekommen, bei dem er sich innerlich arg verletzte.

Diese Wettfahrt über 2km (vier Runden) sollte Klomser für die "Cyclisten" gewinnen. Über die gleiche Distanz auf einem Tricycle war Albert Sild von den "Wanderern" vorne. Dieser war mit einem Vereinskollegen auch Sieger über sechs Runden am Tandem-Tricycle. Bei den 500m auf dem Monocycle errangen wieder die "Cyclisten" den ersten Platz. Im Zehn-Kilometer-Rennen trat Richard Millanich vom "Bicycle-Club" am härtesten in die Pedale.

Der Hauptpreis im "Bicycle-Jagdritt mit Hindernissen" ging an einen weiteren "Cyclisten". Zu diesem Programmpunkt schrieben Kritiker, dass die "ohnehin nicht schwierigen" Schikanen zu langsam passiert wurden - was somit wenig an eine Jagd erinnerte.

Von den weiter angereisten Gästen sollte nur Otto Aigner aus München einen Bewerb für sich entscheiden: Jenen auf "Sicherheits-Zweirädern", also Fahrrädern mit zwei gleich großen Reifen - wie sie heute noch von Milliarden von Menschen gefahren werden.

Kopfnuss: Welche Sportler traten ab ca. 1899 bis 1903 rundes Leder in der Mitte der Radrennbahn? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)