Der Einsatz von Angstappellen stellt seit jeher eine bewährte Kommunikationsstrategie in PR und Werbung dar. Das Ausmaß der kommunizierten Angst kann dabei bis heute höchst unterschiedlich sein. So stellt etwa ein Schmutzfleck in einer Waschmittelwerbung kein existentielles Problem dar, während andere Bilder Angst auf einem wesentlich höheren Niveau einsetzen: Etwa offene Beine und zerstörte Lungen auf Zigarettenpackungen oder ein nicht angegurtetes Kind, das durch eine Windschutzscheibe fliegt, wie es in einem Informationsfilm des österreichischen Verkehrsministeriums aus 2005 zu sehen war.

Angst als Persuasionsstrategie ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass dem als positiv zu vermittelnden Produkt eine negative Situation, ein angsterregendes Ereignis kontrastierend gegenübergestellt wird. Zur Vermeidung oder Überwindung solcher Situationen oder Ereignisse dient das beworbene Produkt, von dessen Wichtigkeit, Richtigkeit, Einzigartigkeit, Notwendigkeit und Unausweichlichkeit überzeugt werden soll.

Angst spielte auch in den Medien der Reformationszeit eine wesentliche Rolle, nicht zuletzt ergänzt um die Dimension des Seelenheils.

Fiebriger Kampf

Ab 1609 waren katholische Soldaten aus Spanien in der Stadt Wesel (heute Nordrhein-Westfalen) stationiert. Als rechtgläubige Katholiken wollten sie das Fronleichnamsfest feiern. Da aber die Bürger von Wesel sich zur calvinischen Konfession bekannten, war es nicht möglich, wie gewohnt einer in barocker Pracht und würdevoller Andacht gehaltenen Demonstration des katholischen Glaubens beizuwohnen.

Die Anhänger der Reformation wollten das Treiben der Glaubensfeinde nicht einfach im Bewusstsein der nüchternen Überlegenheit ihrer eigenen Lehre betrachten. Vielmehr mussten sie laut kundtun, derlei Kuriositäten nicht stillschweigend hinzunehmen und nannten die Fronleichnamsprozession gar einen dummen Aberglauben.

In der Menge der wider die katholische "Abgötterei" kämpfenden Calvinisten befand sich auch Hubertus Borselman, der Wirt "Zur himmelblauen Krone". Ebendort war der katholische Fähnrich Franciscus Vasquetz einquartiert, der seinen Gastgeber sofort erkannte, als dieser sich bei der Fronleichnamsprozession so "widerlich" benommen hatte. Es kostete den Soldaten große Mühe, die gotteslästernden Worte von Borselman nicht auf der Stelle zu rächen.

Dazu bedurfte es freilich keines irdischen Richters, denn Gott selbst hatte sich entschlossen, die Verspottung seiner Rechtgläubigen und ihrer Feste nicht ungestraft zu lassen. Noch am selben Tag, an dem sich der unselige Borselman mit Gotteslästerung hervorgetan hatte, befiel ihn ein starkes Fieber. Es plagte ihn Tag und Nacht so entsetzlich, dass er seinen calvinischen Glauben verfluchte, an seinem Seelenheil zu zweifeln begann und gar einen Kampf mit dem Teufel auszutragen hatte.

Flugschriften mit "Zeit(t)ungen" (das Wort bedeutete damals etwa Nachricht) berichteten 1616 ausführlich von den unbeschreibbaren Qualen, die er zu ertragen hatte. So las man etwa folgende Zeilen: "Verlauffet kaum ein Viertel stunde / hebt Borselman an grewlich zu schreyen / erbärmlich zu wainen / vnnd sein armseligen standt zu beklagen. Als nun das Haußgesind / mit dem Fendrich / zulaufft / vnd wissen wil die Vrsach solches heulens vnd wainens / gibt er diese schlimme Antwort: Ach / ach / es ist mit meiner Seelen Heyl auß / kein Mensch kan mir mehr helffen."

In der tiefsten Verzweiflung kämpfte der Todgeweihte die ganze Nacht bis um sechs Uhr des nächsten Morgens, da sein gottloser Geist dem Höllenfürst übergeben worden war, der ihn so schändlich betrogen hatte um das ewige Heil seines Leibes und seiner Seele.

Rabe der Gerechtigkeit

Zur selben Zeit lebten weiter nördlich im westfälischen Onnau viele Zwinglianer (neben Martin Luther und Johannes Calvin gilt Ulrich Zwingli als Mitbegründer der reformatorischen Bewegung). Da diese im Rat die Mehrheit innehatten, traf man eines Tages die Entscheidung, den lutherischen Prediger abzusetzen und stattdessen einen Zwinglianer mit dem Amt zu betrauen.

Schauergestalt Rabe. 
- © Bild: Rijksmuseum/public domain

Schauergestalt Rabe.

- © Bild: Rijksmuseum/public domain

Das bereitete den Lutheranern großen Kummer. Es war ihnen aber ganz und gar unmöglich, dagegen etwas zu tun, denn wer sich auflehnte, wurde gefangen genommen und bestraft.

An Sonntagen war der Zorn der Lutheraner besonders groß, da sie aus der Kirche gesperrt wurden und keine Predigten mehr hören konnten. Ihr Gott wollte diesem Treiben nicht länger tatenlos zusehen und sandte den "bösen Feind". In der Gestalt eines schwarzen Raben näherte er sich der Stadt, ruhte eine Weile auf dem Kirchturm und flog dann, eine Fensterscheibe durchstoßend, in die Kirche, wo die Zwinglianer gerade die Predigt hörten.

Der Pfarrer sagte noch zum Glöckner, er solle den Raben doch verjagen, aber der Vogel flog geradewegs auf die Kanzel zu "vnd thet ein grosser schwartzer Mann auß jhm werden / mit zweyen langen hörnern / vnd einem langen schwartzen Rock / thet er auff der Cantzel stehen / gleich wie ein schwartzer Bock. Dem Pfarrer nam er seinen Rock / vnd riß jhn enzwey zu dreissig stuck / vnnd thet jhn vnder das Volck werffen / Fewr thet er speyen auß / auff der Cantzel in allen Ecken / mit graus / vnd thet seine Zung außstrecken / auß seinem Rachen gleich wie ein Ochs / vnnd thet darmit zum Fenster hinausfaren / mit grossem Pröllen vnd geschrey / dass mans hört vnd sah über die gantze Statt (...)". So schilderte eine Flugschrift aus 1612 das Ereignis.

Die Menschen flüchteten aus der Kirche. Sie erkannten nunmehr, dass sie den Protestanten gegenüber falsch gehandelt hatten. Sogleich beschloss die Obrigkeit, den alten Pfarrer wieder einzusetzen. Das Wort Gottes sei zu lehren wie zuvor. Jede andere Lehre wurde bei Leibesstrafe verboten.

Die wahre Konfession

In der Frühneuzeit waren Tod und Teufel allgegenwärtig. Da das Volk das Gelehrtenkonzept des strengen Dualismus von Gut und Böse, Gott und Teufel nicht in vollem Ausmaß akzeptierte, erschien der Teufel nicht als die grundsätzliche Personifikation des Bösen, sondern nahm eine komplexere Position ein. So schickte Gott ihn einmal als Strafe für alle möglichen Varianten des Unglaubens, ein anderes Mal spielte er die Rolle des Rächers der Enterbten des "wahren" Glaubens. Sich zur "falschen" Konfession zu bekennen, deren Unwahrheit in der Erscheinung des Teufels offenbar wurde, war lebensgefährlich. Angst mussten freilich nur diejenigen haben, die nicht willens waren, sich zur "wahren" Konfession zu bekennen, oder die gegen Vertreter des "wahren" Glaubens auftraten. Das wahre Bekenntnis war freilich immer das eigene. Der Einsatz teuflischer Angst hingegen war nicht nur auf eine einzige Konfession beschränkt.

Dr. Christian Oggolder ist Senior Scientist am Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Klagenfurt. Er promovierte im Fach Geschichte zu frühneuzeitlichen Medien.