Man soll Feste feiern, wie sie fallen! Daher wollen wir gemeinsam mit Ihnen, liebe Zeitreisende, einer traditionsreichen Gazette zum Geburtstag gratulieren: Am 8. August jährt sich das Erscheinen der allerersten Ausgabe unseres Blattes zum 318. Mal.

Im Familienkreis werden zu Ad-multos-annos-Feiern oft Fotoalben aufgeschlagen, um die Vergangenheit Revue passieren zu lassen. Ein solches existiert im Falle der altehrwürdigen Jubilarin freilich nicht. Um in ihrer Geschichte zu blättern, holen wir stattdessen ein kleinformatiges Büchlein aus dem Schrank. Genauer: dem Panzerschrank. Die gebundenen frühesten Ausgaben des "Wiennerischen Diariums", so der damalige Titel, gehören zu den kostbarsten Bibliotheksbeständen hierzulande. Ein gesamtes Exemplar unseres Blattes, also alle Ausgaben ab Numero 1, besitzt die Wienbibliothek im Rathaus. Sie bewahrt die ältesten "Diarium"-Jahrgänge neben anderen unersetzlichen Schätzen in der "Eisernen Kassa" auf.

Um ins Jahr 1703 einzutauchen, muss man aber nicht unbedingt den Tresor öffnen. In der von der Österreichischen Nationalbibliothek betriebenen Datenbank Anno kann man die meisten Jahrgänge unseres Blattes online abrufen.

Vor 318 Jahren konnte die Redaktion der von Buchdrucker Johann Baptist Schönwetter (1671-1741) neu gegründeten Zeitung nicht über ein Sommerloch klagen. Das Habsburgerreich befand sich im Spanischen Erbfolgekrieg, entsprechend martialisch fielen die Berichte aus. Meldungen über die militärische Lage bzw. Vorhaben aus Tyroll, aus Cölln, Londen oder Preßlau füllen viele Seiten.

Die Schrecken des Krieges (hier: Schlacht bei Höchstädt 1704) füllten viele Seiten unseres Blattes in seiner Frühzeit. 
- © Bild: Archiv/gemeinfrei

Die Schrecken des Krieges (hier: Schlacht bei Höchstädt 1704) füllten viele Seiten unseres Blattes in seiner Frühzeit.

- © Bild: Archiv/gemeinfrei

Auch in Wien war der Krieg präsent. So hieß es am 8. August, dass drey grosse Schiff mit allerhand Kriegs-Munition (...) von Ungarn herauff kommend / allhier angelangt seien. Das Material sollte in hiesiges Kayserl. Zeug-Hauß gelieffert werden.

Allenthalben ist von Todten und Blessirten die Rede. Oft seien die Verwundeten gar miserabel gestaltet / und erbärmlich anzusehen. In der Gegend von Ulm sammelte man überall alte Leinwath für Verbandsmaterial.

Liest man in "Diarium" Nr. 2 vom 11. August 1703, überrascht inmitten von Schlachtengetöse eine wohltuend friedliche Meldung aus der Gegend um Hameln (heute Niedersachsen), die wohl manche Invalide aufhorchen ließ: Es ist ohnweit Tündern ein Gesund-Brunnen (...) entsprungen, der schon einige / so lahmgewesen / curirt hat. Die Quelle sei von einem Mägdel gefunden worden, welche / weil sie böse Füsse gehabt / sich darinn gewaschen. Daraufhin wurden zwar ihre Beine (...) gesund / sie aber blind. Nachdem sie sich erneut mit dem Wasser benetzt hatte, erlangte sie ihr Gesicht, d.h. ihre Sehkraft, wieder. Nun würden unterschiedliche mangelhaffte Leute nach Tündern reisen.

Trotz des alles dominierenden Themas Krieg schaffte es die "Diarium"-Redaktion von Anfang an, ein vielseitiges Blatt zu gestalten. Für Gesprächsstoff sorgte eine feste Rubrik: Die Liste der ankommenden Standts-Persohnen meldete, welche situierte Reisende sich in Wien aufhielten und wo sie abstiegen.

"Rother Igel" auf (nicht genordetem) Plan 1710 nahe "Tuch-Laden" (=Tuchlauben). 
- © Wiener Stadt- und Landesarchiv

"Rother Igel" auf (nicht genordetem) Plan 1710 nahe "Tuch-Laden" (=Tuchlauben).

- © Wiener Stadt- und Landesarchiv

Natürlich spielten auch hier die Kämpfe eine wichtige Rolle. So wird etwa ein gewisser Herr Schnell als Courier auß Tyroll gemeldet, der die Stadt den 9. Aug. durch das Kärner-Thor (so die damalige Schreibweise) betreten hatte. Ob er seinem Namen Ehre machte, wissen wir nicht. Dafür aber, dass er im wilden Mann, einem vornehmen Gasthof in der Kärntner Straße, logierte.

Berichte über "remarquables", also Bemerkenswertes, versprach das "Diarium" im Titel; hier Nummer 2 vom 11. August 1703. 
- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Berichte über "remarquables", also Bemerkenswertes, versprach das "Diarium" im Titel; hier Nummer 2 vom 11. August 1703.

- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Ohne Zweifel ging es im August 1703 in der "Diarium"-Redaktion hektisch zu. Dass man gleich in Ausgabe 2 eine Berichtigung bringen musste, ließ die Zeitungsschreiber im Haus zum Rot(h)en Igel (Nachfolgebau Brandstätte/Wildpretmarkt) wohl aufseufzen: Der den 4. Aug. angekommene Dähnische (...) Gesandte heist nicht Herr von Weinberg, sondern Weyhberg.

Sensationen aus der Residenzstadt kamen selten aufs Tapet. Eine Ausnahme waren öffentliche Hinrichtungen, über die man zur Abschreckung informierte. In der Num. 5 vom 22. August 1703 ist von einem Mann von Jedl-See die Rede, der zwei Weiber genommen / und vile Jahr dem Diebstahl ergeben ware, weshalb er auff dem Wienner-Berg gehencket wurde.

Was wir als Chronikberichterstattung kennen, existierte vor mehr als drei Jahrhunderten in dieser Form nicht. Und doch bietet das "Diarium" Einblick in das Dasein einfacher Leute. In der Totenliste wurden die Verstorbenen in und vor der Stadt verzeichnet. Zum Beispiel Elisabeth Brandstetterin, ein lediges Mensch von 48 Jahren, das beym guldenen Pelican bey St. Ulrich (nun Wien 7) lebte. Sie starb am 9. August 1703 an einem Lungen-Cathar.

Der Blick über die Reichsgrenzen bot auch abseits der Kriegsberichterstattung packende Lektüre. Auß Galata in Türckey gab "Diarium" Nummer 5 die Nachricht wieder, dass dort eine solche Hitze herrsche, daß die Vögel von der Lufft todt zur Erden gefallen. Ein kürzlich aufgetretener Wind war so heyß / als wann er auß einem brinnenden Ofen / ja auß der Hölle selbst käme.

Ob die Redaktion im Roten Igel im August 1703 unter Hitze litt, ist leider unbekannt. Dass dort mit Feuer und Flamme gewerkt wurde, spürt man aber selbst 318 Jahre später noch.

Kopfnuss: Wann erhielt das "Diarium" den Titel, den es bis heute trägt? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)