Am Abend des 8. Dezember 1881 kam es in Wien zu einer Katastrophe. Dr. Harald Jilke, Wien 2: Im dicht besetzten Ringtheater - fast alle 1700 Plätze waren belegt - war kurz vor Vorstellungsbeginn "der Oper von Jacques Offenbach "Hoffmanns Erzählungen" beim Anzünden der Bühnenbeleuchtung ein Brand ausgebrochen." Rasend schnell griff das Feuer um sich. Knapp 400 Personen fielen den Flammen zum Opfer.

Der Tragödie folgte bekanntlich u.a. die Reorganisation der Feuerwehr. Was jedoch mit dem Unglücksort weiter geschah, beschäftigte den Tüftlerkreis anlässlich der kleinen Nuss Nro. 419.

Dr. Karl Beck, Purkersdorf, dazu: "Im Auftrag des Kaisers Franz Joseph errichtete Friedrich Schmidt (1825-1891), ... der auch den Neubau des Wiener Rathauses verantwortete", eine "Kombination einer Gedächtniskapelle mit einem Mietshaus". Dabei wurden "Ziegel aus dem ausgebrannten Theater wiederverwendet." Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, merkt an: "Schmidt durfte seinen persönlich präferierten Baustil, die Neogotik", umsetzen.

Dieses kaiserliche Stiftungshaus (Schottenring 7) nannte der Volksmund bald "Sühnhaus". Mag. Wolfgang Stelzmüller, Wien 9: "Die Grundsteinlegung erfolgte 1882. Um den Bau zu beschleunigen, wurde ... auch an Sonn- und Feiertagen gearbeitet." Herbert Beer, Wolfpassing, fährt fort: Nach einigen Quellen "kamen bei den rasch vorangetriebenen Bauarbeiten mehrere Arbeiter zu Tode."

Mag. Walter Olensky, Wien 4 (willkommen in der Gemeine!), durchstöberte eine Vielzahl zeithistorischer Quellen (Chapeau!) und fand einen Artikel in der "Wiener Zeitung" vom 26. Jänner 1886: Darin wird festgehalten, dass der Regent "aus Anlaß der Vollendung des Baues des kaiserlichen Stiftungshauses sammt Gedächtnißcapelle ... dem Oberbaurathe, Dombaumeister und Professor Friedrich Schmidt in Anerkennung seiner hervorragenden Leistung ... taxfrei den Freiherrnstand ... zu verleihen geruht."

Praxis im Geisterhaus

Helmut Erschbaumer, Linz, notiert: "Trotz günstiger Mieten waren anfangs nicht alle Wohnungen" vergeben. Die Erinnerungen an den Ringtheaterbrand hatten "in der Bevölkerung ... Spuren hinterlassen."

Sigmund Freud (1891). 
- © Bild: Archiv/gemeinfrei; Schmuckfarbe: WZ/Moritz Szalapek

Sigmund Freud (1891).

- © Bild: Archiv/gemeinfrei; Schmuckfarbe: WZ/Moritz Szalapek

Einer ließ sich aber nicht abschrecken. Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, dazu: Der damalige "Dozent für Nervenkrankheiten an der Wiener Universität, Sigmund Freud" (1856-1939), zählte "zu den ersten Mietern", die im Oktober 1886 einzogen.

Der Eingang war übrigens "auf der Rückseite, also Maria-Theresien-Straße" (Nr. 8, Tür 1-3), so Manfred Bermann, Wien 13.

Offenbar fürchtete sich der frischvermählte Freud nicht "vor dem schlechten Ruf des Hauses, das vielen unheimlich war", wie Volkmar Mitterhuber, Baden, festhält. Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, zitiert dazu den Psychoanalytiker Thomas Aichhorn (geb. 1944): Freud glaubte "definitiv nicht an Geister ..., das hätte seiner rationalen Weltauffassung widersprochen."

Das zeigte Wirkung, so Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: "Freuds Schwester Anna hielt in ihrem Tagebuch fest, dass das Beispiel ihres Bruders andere Mieter rasch zum Einzug ermutigte."

Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, weiter: "Auch seine Ordination hatte er ... an dieser Adresse". Maria Thiel, Breitenfurt, fügt an: "Dort wurde das Fundament der Psychoanalyse gelegt. Freud experimentierte ... mit Hypnose - eine Methode, die er zuvor beim Neurologen Jean-Martin Charcot (1825-1893, Anm.) in Paris kennengelernt hatte." Jedoch lief die Praxis "mehr schlecht als recht ... Freud machte Schulden, um sich die Miete und seine ... drei Kinder leisten zu können."

Quälende Depressionen

Zu der Zeit meldete sich Freuds "Jugendfreund Eduard Silberstein", den Gerhard Toifl, Wien 17, nennt, bei dem Arzt. Die beiden hatte eine leidenschaftliche Freundschaft verbunden, bis Silberstein in seine Heimat Rumänien zurückkehrte. Dr. Manfred Kremser, Wien 18: Nun schickte Eduard "seine viel jüngere Frau Pauline nach Wien", wo "Freud ihre Depressionen behandeln sollte."

Das Ehepaar Pauline und Eduard Silberstein.  
- © Bild: Archiv/gemeinfrei; Schmuckfarbe: WZ/Moritz Szalapek

Das Ehepaar Pauline und Eduard Silberstein. 

- © Bild: Archiv/gemeinfrei; Schmuckfarbe: WZ/Moritz Szalapek

Die 19-Jährige kam am 14. Mai 1891 in das Haus am Schottenring, wohl um Freud zu konsultieren, und "stürzte sich im Stiegenhaus zu Tode", so Univ.-Prof. Dr. Georg Schmid, Saint-Oradoux-près-Crocq/F; wie viele vermutet auch der Zeitreisende, dass u.a. der Freitod von Pauline Silberstein Freud zum Umzug bewog.

Noch 1891 ließ sich die weiter wachsende Familie Freud in der Berggasse 19 nieder, wie Mag. Thomas Krug, Wien 1, festhält.

An dieser Adresse im 9. Bezirk verweilte Freud 47 Jahre, ehe er 1938 vor dem NS-Regime fliehen musste. Seit 1971 befindet sich dort das Sigmund Freud Museum. Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, mit aktuellen Details: Nach der Renovierung wurde es im August 2020 wieder eröffnet. Erstmals sind "alle Wohn- und Ordinationsräume zugänglich".

"Was aber wurde aus dem Sühnhaus?", fragt Brigitte Schlesinger, Wien 12, und liefert sogleich die Antwort: "Das Gebäude wurde am 12. März 1945 von Bomben getroffen." Das Haus "brannte zwar aus, doch hielten der eiserne Dachstuhl und die gemauerten Teile stand. Trotz der Möglichkeit eines Wiederaufbaues wurde das Sühnhaus nicht restauriert", sondern "mehrere Jahre dem Verfall preisgegeben" und "1951 ... abgetragen". Eine Entscheidung, die bereits erwähnter Geschichtsfreund Mag. Olensky nur als "wahrhaft falsch" bezeichnen kann.

Schlussendlich ließ sich auf dem vom Unglück verfolgten Grundstück eine Behörde nieder: Der dort seit 1974 bestehende Neubau ist Sitz der Landespolizeidirektion Wien.

P.S. Der Buchpreis geht an Maria Thiel, Breitenfurt. Gratulation!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Christina Krakovsky