In der Wiener Schottenkirche schritt am 7. Februar 1906 ein junges Paar zum Altar: Die 22-jährige Industriellentochter Eleonore Mebus, genannt Ellie, und der fünf Jahre ältere Architekt Alfred Freiherr von Stutterheim gaben einander das Ja-Wort.

Der Pädagoge und Schulreformer Friedrich Dittes (1829-1896).  
- © Bild (CC0): Wien Museum

Der Pädagoge und Schulreformer Friedrich Dittes (1829-1896). 

- © Bild (CC0): Wien Museum

Schon einige Zeit davor mussten Freunde oder Verwandte der beiden an einer besonderen Gabe getüftelt haben. "Bei Durchsicht alter Unterlagen" fiel Spurensucherin Dr. Angelika Jüttner, Wien 6, nämlich eine anlässlich dieser Trauung zusammengestellte "Festzeitung" in die Hände. Der vierseitige Privatdruck, der wohl den Brautleuten und den Gästen überreicht wurde, war als "Extra-Ausgabe" des "Neuen Wiener Tagblatts" gestaltet. In einem Gedicht, das als Aufmacher dient, wird ein pathetisch-feierlicher Ton angeschlagen: "Die Orgel rauscht, die Glocken jubelnd klingen, / O schöner Tag, der Herz zum Herzen führt! / Die Hochzeitsflamme loht in Feuerschwingen / Von Amors Hand zu lichtem Brand geschürt . . ."

Für die ansonsten humorvollen Beiträge aus den verschiedensten Rubriken gilt ein Hinweis, der ganz oben unter dem Stichwort "Bezugsbedingungen" gegeben wird: "Unempfindlichkeit gegen schlechte Witze" kann bei der Lektüre nicht schaden. So preist eine der zahlreichen Annoncen "Diwans für Brautpaare": "Unzerbrechliche Federn. - Unverwüstlicher Ueberzug. Empfiehlt sich besonders für längere Brautschaften".

Es sei, so Zeitreisende Dr. Jüttner zur Publikation, "amüsant zu lesen, wieviel Anstrengung sich die Gratulanten gemacht haben".

Ob die Ehe glücklich wurde, ließ sich leider nicht eruieren. Überliefert ist, dass der in Wien geborene Alfred Stutterheim 1929 ebendort starb und Ellie im Jahr darauf ein zweites Mal heiratete, diesmal "in aller Stille", wie die "Badener Zeitung" notierte. Bräutigam war Alfred Graf Alberti de Poja, ein geschiedener Sektionschef a. D.

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Verbindungen zwischen der Donaumetropole und der Stadt Gotha spürt Wolfgang Woelk, Gotha/D, seit geraumer Zeit auf. Mit dem Pädagogen Friedrich Dittes liefert der Tüftler eine Persönlichkeit, die beiden Städten verbunden war. Der 1829 in Irfersgrün (heute Teil der Stadt Lengenfeld/Vogtlandkreis) geborene Sohn eines Häuslers und Pechsieders wurde 1865 Direktor des herzoglichen Lehrerseminars in Gotha. 1868, so Spurensucher Woelk, "wurde ihm die Leitung des neu zu eröffnenden Lehrerpädagogiums in Wien angeboten und er nahm an." Verdienste erwarb er sich auch als Verfasser "fortschrittlicher pädagogischer Schriften". U.a. trat er für konfessionslosen Religionsunterricht ein sowie für eine kostenlose einheitliche Grundausbildung für alle Kinder. Dittes wurde "1881 zwangspensioniert".

In Wien ist der Reformer heute vor allem durch den nach ihm benannten Dittes-Hof, einem Gemeindebau in Döbling, bekannt. In Gotha erinnert eine Straße an den Schulmann, in Irfersgrün eine Bronzebüste.

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner