"Heftig erbrausende Meere erblickt’ ich an Stelle des Festlands, / Weithin erstreckten sich Länder, wo einst nur herrschte Neptunus; / Muscheln des Meers war’n tief in dem Innern des Landes gelagert, / Hoch auf dem Gipfel des Bergs lag, ganz verrostet, ein Anker".

An diese Worte Ovids wird man bei der Lectüre des Buches: "Das Ende der Welt" von Camille Flammarion (französischer Astronom und Autor, 1842- 1925, Anm.) erinnert. Es ist eine Thatsache, daß sich der Boden Europa’s, besonders im Westen, Nordwesten und Norden, um ein Stück von ungefähr 30 Centimetern in einem Jahrhunderte senkt. Da dies in tausend Jahren drei Meter ausmacht und die Seine bei Paris nur 25 Meter über dem Meeresspiegel liegt, so dürfte in ungefähr 9000 Jahren kaum die Spitze der Anhöhe von St.-Germain den Ort anzeigen, wo einst die vielbewunderte und vielgeschmähte Metropole Frankreichs lag.

Versunkenes Paris

Der in jenen Zeiten zwischen den von Ruinen gekrönten Inseln des Montmartre und Mont-Valerien hindurchschiffende Reisende wird vergebens nach den Herrlichkeiten des Louvre und Luxemburg ausspähen. Das geographische Bild unseres Festlandes hatte sich im Laufe der Jahrtausende sehr verändert. Die Gestalt der Continente und Meere war in jener Zeit dermaßen verändert, daß die früheren Landkarten nur noch einen Platz in den Antiquitäten-Sammlungen fanden. Dabei darf man allerdings nicht mit kleinen Zeiträumen rechnen, denn selbst 5000 Jahre sind nur ein Fältchen in dem Antlitze des Oceans der Zeiten.

Da es kein Paris mehr gab, so existirte auch kein Meridian gleichen Namens. Es war damals überhaupt Vieles anders als heute. Die widersinnige Eintheilung der Zeit in zwei Mal zwölf Stunden war gar nicht mehr üblich. Man zählte allgemein von 0 bis 24.

Nicht weniger umfassende Veränderungen hatten sich in den Wissenschaften, den Künsten, der Industrie und der Literatur vollzogen. So wurde zum Beispiele die Meteorologie eine exacte Wissenschaft. Gegen das 30. Jahrhundert war es schon möglich, das Wetter eben so genau vorher zu bestimmen, wie man heute den Eintritt einer Sonnen- oder Mondesfinsterniß voraussagt. Die öffentlichen Feste und großen Ausflüge wurden niemals zu Wasser, sondern fanden stets bei heiterem Himmel statt, und auf den Meeren trieben die Schiffe nicht mehr den Stürmen entgegen.

Es gab damals wohl noch Eisenbahnen, aber sie dienten bloß für den Frachtentransport. Die Menschen reisten vorzugsweise in lenkbaren Ballons, in elektrischen Luftschiffen, in Schraubenflüglern und anderen pneumatischen Fahrzeugen. Die alten, schmutzigen, rauchigen, staubigen, hin- und herschüttelnden Waggons, geführt von der lärmenden, pfeifenden, rußigen, nervenerschütternden Locomotive, hatten den leichten, eleganten Seglern das Feld geräumt, welche in der reinen Atmosphäre, hoch über allen Häuptern, geräuschlos die Lüfte durchschnitten.

Am "Welttelephon"

Zur Zeit der allgemeinen Luftschiffahrt gab es natürlich keine Zollschranken mehr. Die elektrischen Schiffe, welche aus dem mittelländischen Meere in den atlantischen Ocean gelangen wollten, brauchten nicht mehr den großen Umweg durch die Meerenge von Gibraltar zu machen, sondern benützten den großen Canal von Narbonne nach Bordeaux.

Die Stadtbewohner benöthigten keine Regenschirme mehr, denn die Millionen Exemplare dieses veralteten Werkzeuges waren jetzt durch einen einzigen ersetzt, der in Form eines Schutzdaches aus gesponnenem Glase schon beim ersten Tropfen herabgelassen wurde. Es gab auch keine primitiven Pfluggeräthe mehr, denn der Ackerbau wurde mittelst elektrischer Maschinen betrieben. Zur Beleuchtung wurden die Kräfte der Wasserfälle herangezogen, die viele Kilometer weit von der Stadt rauschten.

Die im Sommer aufgespeicherten Sonnenstrahlen wurden während des Winters vertheilt, und der Unterschied zwischen den Jahreszeiten war beinahe ausgeglichen, besonders seitdem die unterirdischen Brunnen die hohe Temperatur des Erdinnern der Oberfläche zuführten.

Schon für das Jahr 2000 hat Belamy (US-Autor Edward Bellamy, 1850-1898, publizierte 1888 einen "Rückblick aus dem Jahr 2000 auf das Jahr 1887", Anm.) unseren Epigonen prognosticirt, daß sie der Mühe des Theaterbesuches enthoben sein werden, in fünf Jahrtausenden wird das allgemeine Welttelephon noch viel weiter vorgeschritten sein. Wenn jemand das in Chicago gespielte Theaterstück nicht zusagen sollte, so bedarf es nur einer kleinen Umschaltung, um ihn sofort im Geiste in das Innere von Asien zu versetzen und die Bajaderen eines Festes auf Ceylon oder in Calcutta vor seinen Augen erscheinen zu lassen. Man wird nicht nur die Einwirkungen auf das Gehör, sondern auch die auf den Geruch- und Gefühlssinn zu übertragen vermögen.

Durch die künstliche Darstellung des Eiweißes und der übrigen Nahrungsstoffe aus dem Kohlen-Wasser-Sauer-Stickstoff und anderen Verbindungen, in der Luft, im Wasser und in den Pflanzen wurde eine sich von unserer heutigen gänzlich unterscheidende Ernährungsweise eingeführt. Die Mahlzeiten fanden nicht mehr an Tafeln statt, auf denen die Ueberreste von geschlachteten, todtgeschlagenen oder erstickten Thieren dampften, sondern in eleganten Sälen, die mit immer frisch blühenden Blumen geschmückt waren, und inmitten einer angenehmen Atmosphäre, durchduftet von Wohlgerüchen. Die Männer und Frauen verschlangen nicht mehr Stücke von unsauberen Thieren, sondern in köstlichen Getränken, in Früchten, in Kuchen und Pastillen verarbeitete der Mund die zur Wiederherstellung der organischen Gewebe nöthigen Grundstoffe. Man war der Nothwendigkeit überhoben, Fleischmassen zu kauen.

Durch diese Lebensweise verschwanden in zwanzig- bis dreißigtausend Jahren die Dickwänste von der Erde, und alle Leute erfreuten sich kleiner, gesunder, schöner Zähne. Die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten und des Gehirnes hatte im Allgemeinen eine Vergrößerung des Schädels im Verhältnisse zum übrigen Körper zur Folge. Hingegen nahm der Umfang der Arme und Beine - wegen gänzlicher Verdrängung der Handarbeiten durch Maschinen - stätig ab. (...)

Weder Wale noch Tiger

Auch die Thierwelt hatte sich successive umgebildet. Raubthiere, wie Löwen, Tiger, Hyänen und Panther, gab es keine mehr, aber auch andere wild lebende, wie Giraffen, Känguruhs, Walfische und Robben, waren nicht mehr anzutreffen. Dasselbe war bezüglich der Raubvögel der Fall. Die Menschen hatten die Arten, welche sie verwenden konnten, eingefangen und zu Hausthieren gemacht, die anderen aber vernichtet. Der Naturzustand war vor der fortschreitenden Civilisation beständig zurückgewichen.

Der ganze Planet war zuletzt ein Garten geworden, dessen Cultur fortan nach wissenschaftlichen Grundsätzen verständig und sachgemäß betrieben wurde.

Es kam nicht mehr vor, daß blühende Obstbäume und Weinberge von den Frühlingsfrösten geschädigt wurden, daß der Hagel die Ernte vernichtete, daß die Stürme das Getreide knickten, daß die Flüsse die Dörfer überschwemmten, noch daß Regen oder Wassermangel das Einheimsen verhinderten, noch daß Hitze oder Frost das organische Leben ertödteten. Denn, wie schon oben bemerkt, wurde im Winter die während des Sommers sorgfältig aufgespeicherte Sonnenwärme verwendet.

Sowohl die natürliche als auch die gesellschaftliche Ordnung war in ein System gebracht. Die Arbeitenden starben nicht mehr Hungers, und die Faullenzer gingen nicht mehr an Magenkrankheiten zu Grunde. Es entschied an allen Orten und in allen Dingen der Verstand. Schade, daß dies Flammarion erst für das Jahr 100.000 in Aussicht stellt!

Dieser Artikel erschien am 29. Nov. 1895 unter dem Titel "In hunderttausend Jahren" in der "Wiener Zeitung". Er wird hier leicht gekürzt in Original-Rechtschreibung wiedergegeben; Zwischentitel wurden ergänzt. Autor Dr. Ludwig Karell (1858-1930), war Naturwissenschafter, Schullehrer und Vortragender an der Wiener Urania. Für unser Blatt schrieb er zahlreiche Feuilletons. (reis)