Grässliches Gewürm peinigt Diebe in der Hölle der Commedia.  
- © Fresko im Casino Massimo, Rom, J. A. Koch (1825ff; Ausschnitt)/Foto: Sailko/Wikimedia, CC BY 3.0

Grässliches Gewürm peinigt Diebe in der Hölle der Commedia. 

- © Fresko im Casino Massimo, Rom, J. A. Koch (1825ff; Ausschnitt)/Foto: Sailko/Wikimedia, CC BY 3.0

Der Schrecken war groß, als der Bibliothekar des fürstbischöflichen Seminars in Trient, heute Italien, aus dem Urlaub zurückkehrte. Im Sommer 1907 war das Institut in ein neues Gebäude übersiedelt. Nun, nachdem die Kisten ausgepackt, die Bücher wieder in die Regale geräumt worden waren, stellte sich heraus, dass eines fehlte: Der Dante-Codex, eine mittelalterliche Abschrift der Göttlichen Komödie - eines der Glanzstücke der Sammlung. Das Manuskript, wohl in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts angefertigt, gehört zu den älteren erhaltenen Kopien von Dantes Meisterwerk.

War es beim Umzug verloren gegangen? Verreiht? Gar gestohlen?

Nach langwieriger, erfolgloser Suche erhärtete sich der Verdacht, dass ein Dieb seine Finger im Spiel gehabt hatte. Man beschloss, die Sache vorerst nicht durchsickern zu lassen und begann, im Geheimen zu ermitteln.

Dante Alighieri (1265-1321) mit Weggefährten im Hintergrund.  
- © Bild: Kunstpostkarte (um 1900) nach Fresko v. Giotto di Bondone (gest. 1337), Florenz

Dante Alighieri (1265-1321) mit Weggefährten im Hintergrund. 

- © Bild: Kunstpostkarte (um 1900) nach Fresko v. Giotto di Bondone (gest. 1337), Florenz

Auf eine heiße Spur kam schließlich ein aufmerksamer Bibliothekar der Trienter Stadtbücherei, Ludovico Oberziner, der von dem verschollenen Band wusste. Ihm war beim Durchblättern eines Kataloges das Angebot eines Florentiner Antiquariats aufgefallen. Zum Verkauf stand eine alte Dante-Handschrift, die auffallende Ähnlichkeiten mit dem vermissten Exemplar aufwies . . .

Oberziner alarmierte das bischöfliche Seminar, dessen Bibliothekar, Dottore Demetz, nach Florenz reiste. Nach einigen Irrungen und Wirrungen - so befand sich, als Demetz eintraf, der Codex gerade auf dem Weg zu einem Kaufinteressenten in London - langte das Buch wohlbehalten in Trient an. Allerdings blieb es zunächst am dortigen Gericht, wo es Demetz hinterlegte. Schließlich war es Gegenstand eines Kriminalfalles. Und der Täter war noch unbekannt.

Auf 25.000 Kronen wurde das gestohlene Buch geschätzt. Die "WZ"-Spätausgabe berichtete am 16. September 1911 über den Fall. 
- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Auf 25.000 Kronen wurde das gestohlene Buch geschätzt. Die "WZ"-Spätausgabe berichtete am 16. September 1911 über den Fall.

- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Mehr als vier Jahre nach dem Verschwinden des Codex gelang es, den Dieb zu fassen. Jetzt erst erfuhr die Öffentlichkeit davon. Auch die "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" berichtete am 16. September 1911, zwei Tage nach Dantes 590. Todestag, dass ein gewisser Cassoni, zur kritischen Zeit Diener im Trienter Seminar, in Innsbruck festgenommen und in die Fronfeste nach Trient überführt worden war. Im Dezember folgte der Prozess gegen den 43-Jährigen.

Ob Ariberto Cassoni wohl in dem gestohlenen Manuskript geblättert hatte, bevor er es verschacherte? Entziffern konnte er die alte Schrift nicht, wie er vor Gericht angab. Bibliothekar Demetz habe ihm, der oft die Bücher abstauben musste, den Codex einmal gezeigt. Fraglich ist auch, ob Cassoni dessen wahren Wert kannte. Er erhielt 50 Lire von einem Buchhändler dafür. Das Florentiner Antiquariat, bei dem er später landete, verlangte einen etwas höheren Preis: 25.000 Lire.

Rein monetär ließ sich der Wert der Zimelie aber ohnehin nicht bemessen. Die Commedia, eines der größten Werke der Weltliteratur, wurde 1321 vollendet, kurz vor Dantes Tod in Ravenna, der sich heuer am 14. September zum 700. Mal jährt. Die Geschichte des Wanderers, der durch die Hölle und über den Läuterungsberg ins Paradies geführt wird, prägt die gesamte abendländische Kultur. Ein Original aus der Hand des Dichters existiert nicht, nur Abschriften.

Florenz, Dantes Heimat, samt dem Dichter und seiner angebeteten Beatrice auf einer Ansichtskarte des frühen 20. Jahrhunderts. 
- © Bild: Archiv/gemeinfrei. Repro: Philipp Aufner

Florenz, Dantes Heimat, samt dem Dichter und seiner angebeteten Beatrice auf einer Ansichtskarte des frühen 20. Jahrhunderts.

- © Bild: Archiv/gemeinfrei. Repro: Philipp Aufner

Für Trient, damals Teil des Habsburgerreichs, hatte Dantes Werk und damit auch der Verbleib des Manuskriptes besondere, nationale Bedeutung. Erst 1896 war in der Stadt an der Etsch eine Dante-Statue enthüllt worden, als Manifestation italienischer Sprache und Kultur - und als Antwort auf das 1889 in Bozen errichtete Standbild eines deutschsprachigen Poeten: Walther von der Vogelweide.

Es war nach dem zwei Tage dauernden Prozess gegen Cassoni nicht ganz klar, was mit dem Trienter Codex geschehen werde. Das Seminar beschloss, es nicht auf einen Rechtsstreit mit dem Florentiner Antiquariat De Marinis ankommen zu lassen. Man einigte sich außergerichtlich, ihn um 4000 Lire (umgerechnet ca. 3800 Kronen; das entsprach in etwa dem Jahresgehalt eines höheren Beamten) zurückzukaufen, wobei das k.u.k. Unterrichtsministerium einen Großteil, nämlich 3000 Kronen, beisteuerte.

Und Ariberto Cassoni? Als Dieb hätte ihn im Jenseits à la Dante nichts Gutes erwartet. Im 24. Gesang des Inferno wird geschildert, wie Eigentumsdelikte dort vergolten werden: Gleich neben den Heuchlern, die sich in bleiernem Gewand herumschleppen, befindet sich im achten Höllenkreis ein Graben, in dem es vor Schlangen wimmelt. "Und mitten in dem ekelhaften Heere / verstört und nackt ein Volk im Laufen hüpfte". Und: "Ein Schlangenstrick die Hände fest verknüpfte / am Rücken, wo das Wurmgezücht gleich zähe / den Bauch durchfraß, als Knoten vorn entschlüpfte." Im Vergleich zu solchen, bis in alle Ewigkeit dauernden Qualen erscheint Cassonis irdische Strafe - drei Jahre schwerer Kerker - fast schon mild.

P.S. Zu Dante siehe S. VI dieser Zeitreisen. Am 11. September wird sich auch die "WZ"-Samstagsbeilage Extra dem Dichter widmen.

Kopfnuss: Welche Sünder darben bei Dante im 9., dem tiefsten Höllenkreis? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)