Leicht zu beantworten war für Dr. Manfred Kremser, Wien 18, die Orchidee der Nro. 420 zu einem im 17. Jahrhundert geköpften Tiroler Kanzler. Der Trick: Ein Halt "in Rattenberg während einer Durchreise. Denn im Zentrum der kleinsten Stadt Tirols gibt es ein Gasthaus und das heißt "Kanzler Biener"." Sogar einen Apfelstrudel widmete man dort dem berühmten Politiker. (N.B. Rattenberg hat nur 400 Einwohner und knapp 10 ha Fläche.)

Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, liefert Basisdaten: "Wilhelm Biener, auch . . . Guilielmus Bienner, geboren vor 1590 in Lauchheim" in Schwaben, heute Teil des deutschen Baden-Württemberg.

Herbert Beer, Wolfpassing, setzt die Vita fort: Biener "studierte in Freiburg und Ingolstadt Rechtswissenschaften" und promovierte 1610. Zehn Jahre später trat er in den "Dienst des Markgrafen Karl von Burgau" im Herzogtum Schwaben. Danach war er fünf Jahre beim bayerischen Kurfürsten tätig.

Von Letzterem soll Biener, so Dr. Alfred Komaz, Wien 19, eine "glänzende Empfehlung" erhalten haben, die den Habsburger Kaiser Ferdinand II. (reg. 1619-1637) aufhorchen ließ. Er teilte Biener seinem Bruder Erzherzog Leopold V., Landesfürst von Tirol (reg. 1619-1632), als Berater zu.

Prinzessin in Innsbruck

Tüftler Dr. Komaz fand eine alte Beschreibung Bieners als "schöner, feuriger, treuer, redlicher und unbestechlicher Mann." In der Allgemeinen Deutschen Biographie aus 1875 ist weiter zu lesen: ". . . im Umgang heiter, aber nicht selten derb und beißend: seine Gewandtheit in lateinischen Epigrammen, welche er rücksichtslos gegen leere Prätensionen (Anmaßungen, Anm.) der Geburt oder der Unfähigkeit losließ, verursachte ihm viele Feinde."

Nach dem Tod Leopolds V. übernahm dessen Frau Claudia de’ Medici (1604- 1648) stellvertretend für ihren minderjährigen Sohn die Regierungsgeschäfte. Sie war es, die Biener, wie Herbert C. Eller, Perchtoldsdorf, notiert, 1638 als "Vorderösterreichischer Hofkanzler" einsetzte.

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, mit näheren Informationen über diese Frau: Sie war als "Tochter des Großherzogs Ferdinand I. von Toskana" eine Prinzessin und "seit 1626 in zweiter Ehe mit dem um 18 Jahre älteren Erzherzog Leopold V. verheiratet." Bereits wenige Jahre später wurde sie Witwe und Interimsregentin. "Streng genommen handelte es sich um eine Mitregentschaft, da zuerst Kaiser Ferdinand II., . . . dann ab 1637 Kaiser Ferdinand III. formell als die anderen Mitregenten fungierten. Die Hauptlast der Regierungsgeschäfte ruhte aber auf ihren Schultern . . . Die Zeit ihres Wirkens in Tirol ist . . . in guter Erinnerung geblieben. Sie initiierte das erste feste Hof-Theater- und Opernhaus in Innsbruck." Darüber hinaus stärkte sie die Landesmiliz und baute die Befestigungen aus.

Gerhard Toifl, Wien 17, ergänzt: Ihr wurde "später eine (platonische) Liebesbeziehung" mit Kanzler Biener zugeschrieben. Ähnliche Liaisonen werden "auch anderen Frauen unterstellt". Das dürfte auf "einem Vorurteil gegen politisch tätige Frauen" fußen.

Unbeliebter Reformer

Als gesichert gilt, dass Claudia de’ Medici, wie es Helmut Erschbaumer, Linz, formuliert, von Biener als Berater "bestens unterstützt wurde". So stärkte er z.B. "gegen den Widerstand der Stände die landesfürstliche Stellung." Das brachte den Adel gegen ihn auf.

Schwierig war auch die außenpolitische Situation. In Europa tobte gerade der Dreißigjährige Krieg. Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, dazu: Biener beriet die Regentin, die ein "Bündnis mit Spanien" einging und er unterstützte sie bei Fragen der Landesverteidigung.

Generell gilt der Jurist, wie Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, festhält, "heute als kluger und durchaus umsichtiger Politiker, der u.a. gegen Korruption vorging." Weiters "straffte Biener die Verwaltung", so Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, und "verhinderte ein Herauslösen der geistlichen Fürstentümer Brixen und Trient aus ihren vertraglichen Bindungen mit der . . . Grafschaft Tirol."

Darüber hinaus schaffte es der Jurist, wie Neozeitreisender Richard Keck herausfand, "durch diplomatisches Geschick . . . einen Einfall der Franzosen in das Münstertal zu verhindern." Durch Gespräche konnte er auch Konflikte "mit den Bündner Bauern beilegen". Diese lebten auf einem Gebiet von Graubünden, heute Schweiz, das von Tirol verkauft werden sollte.

1646 übernahm, wie Dr. Harald Jilke, Wien 2, recherchierte, der nun volljährige "Ferdinand Karl (1628-1662), . . . Erzherzog von Österreich", die Regierungsgeschäfte. "Zur Finanzierung seines ausschweifenden Lebensstils verkaufte und verpfändete er Güter und Rechte." Seine Mutter Claudia verstarb wenig später, zu Weihnachten 1648. Mit ihr verlor Biener seine wichtigste Unterstützerin.

Was weiter geschah, berichtet Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf: "Er kritisierte offen den Lebensstil Ferdinand Karls und forderte die Abschaffung der Vorrechte für Adlige. Der Adel sorgte aufgrund Bieners Kritik dafür, dass er dem Scharfrichter übergeben wurde." Seine Gegner gingen manchen Quellen zufolge so weit, dass sie, während Biener in einer Sitzung war, sein Haus "durchsuchen und angeblich verdächtige Schriftstücke mitnehmen" ließen.

Kein Asyl in der Kirche

Zunächst soll Biener laut Überlieferung, so Maria Thiel, Breitenfurt, "ins Kloster Wilten" geflüchtet sein. Doch der zuständige Bischof von Brixen "war ihm ebenfalls feindlich gesinnt und hob das Asylrecht auf", das in Kirchengebäuden eigentlich generell galt. So wurde der Kanzler "von persönlichen und politischen Gegnern 1650 gestürzt, . . . verhaftet und wegen Hochverrats und Unterschlagung rechtswidrig zum Tod verurteilt." Am 17. Juli 1651 wurde er "im Schlosshof von Rattenberg enthauptet."

Blick auf Rattenberg von den Ruinen jenes Schlosses, in dem Biener 1651 hingerichtet wurde.  
- © Bild: Hermann Stieffel (ca. 1858-1882), Smithsonian American Art Museum, New York/gemeinfrei

Blick auf Rattenberg von den Ruinen jenes Schlosses, in dem Biener 1651 hingerichtet wurde. 

- © Bild: Hermann Stieffel (ca. 1858-1882), Smithsonian American Art Museum, New York/gemeinfrei

Der Prozess war, wie Mag. Thomas Krug, Wien 1, ausführt, ein "abgekartetes Spiel". Die Verurteilung "war nicht gerechtfertigt, weil Biener die meisten Anschuldigungen widerlegen konnte." Dr. Wilhelm R. Baier, Graz-Andritz, betont, dass der Erzherzog "ein schwacher und unentschlossener Regent" war. "Sein Vertrautenkreis konnte ihn gegen den Kanzler aufhetzen."

Verspätete Gnade

Alice Krotky, Wien 20, merkt an, dass Erzherzog Ferdinand Karl sogar einem Gnadengesuch der Ehefrau Bieners stattgegeben hatte. Der Überbringer des Schreibens wurde "bewusst . . . aufgehalten". Er schaffte es nicht rechtzeitig zur Richtstätte. "Eine Gedenktafel an der Ruine Rattenberg erinnert an die Hinrichtung."

Wie so oft fehlen für viele Details schriftliche Belege. Tüftlerin Krotky notiert, dass "das Schicksal Bieners . . . im Zuge des Tiroler Freiheitskampfes" im 19. Jahrhundert "besonders hervorgekehrt" wurde. "Man hat ihn . . . als Held hochstilisiert". Dr. Karl Beck, Purkersdorf, bestätigt, dass Biener damals "Symbolfigur der liberalen-freiheitlichen Opposition" wurde.

Schloss Büchsenhausen auf einer Darstellung um 1840. U.a. der Zwiebelturm wurde erst nach Bieners Tod in einer der zahlreichen Umbauphasen hinzugefügt.  
- © Bild: Archiv/gemeinfrei; Schmuckfarbe: "WZ"

Schloss Büchsenhausen auf einer Darstellung um 1840. U.a. der Zwiebelturm wurde erst nach Bieners Tod in einer der zahlreichen Umbauphasen hinzugefügt. 

- © Bild: Archiv/gemeinfrei; Schmuckfarbe: "WZ"

Brigitte Schlesinger, Wien 12, nennt den in Bayern geborenen "Schriftsteller Hermann von Schmid (seit 1876 Ritter von . . ., 1815-1880)", der Biener "in seinem historischen Roman "Der Kanzler von Tirol" (1862/63) ein literarisches Denkmal gesetzt" hat. Er "stellt ihn als Vertreter der Aufklärung und eines gesamtdeutschen Nationalbewusstseins den Anhängern . . . des Ultramontanismus gegenüber", einer vor allem papsttreuen Gesinnungshaltung. Am Fuß der Ruine Rattenberg "werden seit seinem 300. Todestag . . . 1951 auf einer Freilichtbühne jeden Sommer Theateraufführungen inszeniert, u.a. auch die Bühnenfassung des Romans (Schmids, Anm.) aus der Feder des . . . Dichters Josef Wenter (1880-1947)."

Neben Gedenkstätten, Gasthäusern und literarischen Spuren erinnert an Biener auch Gemauertes. Dazu Christine Sigmund, Wien 23: "Während seines Aufenthaltes in Tirol gelang es ihm, das Schloss Büchsenhausen (jetzt: Innsbrucker Stadtteil Hötting, Anm.) zu erwerben." Im Laufe der Zeit wurde das heute noch bestehende Anwesen mehrfach adaptiert und erweitert. Das ursprüngliche Gebäude wird Baumeister Gregor Türing (um 1475-1543) zugeschrieben. Dieser war, gemeinsam mit seinem Vater Niklas (vgl. Juli-Zeitreisen) an der Errichtung des Goldenen Dachls beteiligt.

Zusammenstellung dieser Seite: Barbara Ottawa