Keine Arbeit, kein Brot - das war um 1900 für viele Untertanen Habsburgs bittere Realität. Soziale Absicherungen für Arbeitslose gab es kaum. Besonders auf dem Land waren die Aussichten auf Einkommen oft düster. Zigtausende erkannten: Wer in der tristen wirtschaftlichen Lage bestehen wollte, musste Richtung Stadt flüchten, wo man auf eine Stelle hoffen konnte.

Wo genau es in der sogenannten österreichischen Reichshälfte besonders starke Zuwanderung gab, nahm die Gemeine unter die Lupe. Anlass bot die Rubrik KARTEN GELESEN der Nro. 419, in der Migration in Cisleithanien zwischen 1901 und 1910 dargestellt war.

Volkmar Mitterhuber, Baden, liefert Grundsätzliches zu diesem Zeitraum: "In der gesamten westlichen Reichshälfte" nahm die Einwohnerzahl "von 26.150.708 ... um 2.421.226 ... oder um 9,26% zu."

Univ.-Prof. Dr. Georg Schmid, Saint-Oradoux-près-Crocq/F, notiert Regionen, die einen deutlichen Zuwachs erfuhren: "Am prominentesten ragen Wien und seine "Arme" Richtung steirisches Industriegebiet und auch gegen St. Pölten hervor, Meran, Triest, die Gegend bei Pola (Tourismus, ... Industrie und Marine) sowie Prag, Pilsen, Aussig (Industrie), Karlsbad (Bädertourismus), Ostrau (Bergbau, teils der Steiermark vergleichbar), Brünn, das Gebiet um Innsbruck nicht zu vergessen und größere Teile des Rheintals."

Seefestung auf Ruinen

Zu einigen der genannten Orte recherchierte der Tüftlerkreis im Detail. Der erste Abstecher führt an die südliche Westküste Istriens nach Pola (heute Pula). Einst eine prächtige Stadt unter römischer Herrschaft, zählte der Ort am Ende des 18. Jh.s kaum 600 Seelen.

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, fährt fort: Die Siedlung "kam nach der Napoleonischen Zeit 1814 endgültig an Österreich ... Die Straßen waren grasbewachsen, die meisten Häuser verlassene Ruinen, die römischen Bauten von den Franzosen geplündert." Nach 1848 wurde beschlossen, "die Stadt zum Zentrum der Kriegsmarine auszubauen."

Es folgte, so Dr. Litschauer weiter, "ab 1856 ein rascher Aufschwung: Werften, Docks, ein Arsenal, Schulen" und "eine Markthalle ... wurden gebaut ... 1876 kam die Eisenbahnverbindung mit Wien". Später erhielt Pola "eine elektrische Tramway".

Dr. Harald Jilke, Wien 2, konsultierte Meyers Konversationslexikon. Die vierte Auflage (erschienen 1885- 1892) lobt die Stadt als "Seefestung ersten Ranges" mit einem "sehr geräumigen und vortrefflichen Hafen".

Aber nicht nur der Marinehafen weckte das Interesse von Menschen, die nach Lohnarbeit Ausschau hielten. Schon erwähnter Geschichtsfreund Dr. Litschauer nennt einen weiteren Punkt: Tourismus - "insbesondere nach "Sanierung" der Brioni-Inseln (Ausrottung der Malaria ...)", die vor Pola liegen. Es war der "Waffenindustrielle Paul Kupelwieser (1843-1919), der die 14 kleinen Inseln 1893 erworben und deren größte (Veliki Brijun) ... zu einem einzigartigen Park ausgestaltet hatte." Mit dem Zustrom der Gäste ging eine Zunahme der Beschäftigung "auf dem Dienstleistungssektor" einher.

Schlachtschiffe in Triest

Die Eisenbahn verhalf der Hafenstadt Triest zum Aufstieg. 
- © Teil eines Plakats/Archiv

Die Eisenbahn verhalf der Hafenstadt Triest zum Aufstieg.

- © Teil eines Plakats/Archiv

Auch eine andere, etwa 120km weiter nördlich gelegene Hafenstadt zog Arbeitssuchende an. Dr. Alfred Komaz, Wien 19, informiert: "Triest als faktisch einziger Handelshafen der österreichischen Reichshälfte (Ungarn hatte Fiume, heute Rijeka . . .) konnte seine Güter-Umschlagmenge von 1,2 Mio. Tonnen (1881) auf 4,4 Mio. Tonnen (ca. 1910, Anm.) steigern." Dazu "brauchte man ... Industrie- und Dienstleistungsunternehmen (Banken, Versicherungen, Lloyd Triestino) mit dem entsprechenden Personal. Ausschlaggebend waren aber auch die Bahnverbindung Triest-Wien ... ab 1857 und die Eröffnung des Suezkanals 1869."

In der heute italienischen Stadt spielte zudem das Militär eine wesentliche Rolle. Dr. Komaz: "Die Werft Stabilimento Tecnico Triestino baute neben Handelsschiffen auch die großen Schlachtschiffe der Monarchie wie die SMS Viribus Unitis oder SMS Tegetthoff, die ... 1911 bzw. 1912 vom Stapel liefen".

Ein gewisser Wohlstand zog in Triest ein. Dr. Komaz: Das durchschnittliche "zu versteuernde ... Einkommen eines Triestiners lag ... angeblich 1906 bei 54 Kronen, das eines Wieners bei 9 Kronen." Die Angaben stimmen den Tüftler allerdings skeptisch: "Ob die Zahlen wohl stimmen können? Aber selbst wenn nicht, das Verhältnis könnte unter Umständen hinkommen und wäre sicher ein Anreiz gewesen, dorthin zu ziehen".

Industrie und Kultur

Eine weitere Gegend der Donaumonarchie inspizierten Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram: Der Bevölkerungsstand in Böhmen wuchs "im Bezirk Königliche Weinberge (der ab 1922 zu Prag zählte, Anm.) von 1900 bis 1910 von 129.050 ... auf 182.381 Personen", also um ca. 41%.

Schon genannter Nussknacker Mitterhuber erklärt dazu: Die Menschen waren durch den "Wohnungsmangel gezwungen, ... in die Peripherie auszuweichen. Die Industrialisierung der Prager Vorstädte brachte in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s einen wirtschaftlichen Aufschwung", der bis ins "20. Jh. anhielt."

Als letzte Station tritt eine Stadt im heutigen Polen ins Rampenlicht: Krakau, das seit 1846 wieder unter österreichischer Herrschaft stand. Der Ausgleich 1867 brachte Galizien weitreichende Autonomie. Gerhard Toifl, Wien 17, merkt an: Nun "entwickelte sich Krakau ... zum Zentrum polnischer Kunst und Kultur ... In den letzten zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg erlebte" es "eine sprunghafte Modernisierung, die nicht zuletzt vom jüdischen Bürgertum getragen wurde."

Zwischen 1900 und 1910 stieg die Bevölkerungszahl von ca. 91.000 auf über 151.000 an. Das entspricht einem Zuwachs von etwa 66%, so schon erwähnter Tüftler Mitterhuber.

Dass die Lebensbedingungen für den allergrößten Teil der Bewohnerinnen und Bewohner der Monarchie zu wünschen übrig ließen, zeigt nicht zuletzt die hohe Sterblichkeit. Bereits genannter Zeitreisender Dr. Jilke fand Grafiken der Statistik Austria, die damalige Verhältnisse abbilden. Demnach lag die Lebenserwartung von Frauen in Cisleithanien um 1910 bei knapp 47 Jahren, während Männer im Schnitt gerade einmal 43,5 Jahre alt wurden.

P.S. Der Buchpreis geht an Volkmar Mitterhuber. Herzliche Gratulation!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Christina Krakovsky