Wie Dr. Ludwig Karell, Feuilletonist der "Wiener Zeitung", anno 1895 die Entwicklung der Menschheit schilderte, konnte in den Zeitreisen des Vormonats nachgelesen werden ("Die Welt in hunderttausend Jahren"). Der 126 Jahre alten Zukunftsvision war u.a. zu entnehmen, dass es mit dem Verzehr toter Tiere ein Ende haben wird. "Durch die künstliche Darstellung (= Herstellung, Anm.) des Eiweißes und der übrigen Nahrungsstoffe aus dem Kohlen-Wasser-Sauer-Stickstoff und anderen Verbindungen in der Luft" werde "eine sich von unserer heutigen gänzlich unterscheidende Ernährungsweise eingeführt" werden, so Karell.

Die Ernährung , hier Karikatur eines Sauerkraut-Mahls (frühes 19. Jh.), soll künftig ätherischer werden.  
- © Bild (Ausschnitt): J. Gillray, 1803/gemeinfrei

Die Ernährung , hier Karikatur eines Sauerkraut-Mahls (frühes 19. Jh.), soll künftig ätherischer werden. 

- © Bild (Ausschnitt): J. Gillray, 1803/gemeinfrei

Einen Tag nach Erscheinen der August-Zeitreisen schlug Prof. Ferry Kovarik, Wien 16, die deutsche Tageszeitung "Die Welt" auf und entdeckte in einem Beitrag mit dem Titel "Essen aus Luft" (Online-Version hier) erstaunliche Parallelen. Ein finnisches Unternehmen habe ein Verfahren entwickelt, ein Protein fast nur aus Sonnenenergie und CO2 aus der Luft zu erzeugen. Das würde nicht nur das Ende der Massentierhaltung bedeuten, sondern auch den Welthunger beseitigen.

Karell hatte einst in der "WZ" dargelegt, dass die Nährstoffe in Zukunft in Form von "köstlichen Getränken, in Früchten, in Kuchen und Pastillen" verzehrt werden würden. Ganz ähnlich klingt die Schilderung im "Welt"-Artikel: Das gewonnene Eiweiß sei eine mehlartige Substanz, die "sich fast beliebig zu Endprodukten verarbeiten lassen soll". Die Finnen hätten bereits etliche Varianten ausprobiert, "von Nudeln und Backwaren bis zu Fleischersatz, Soßen und Drinks."

Laut "Welt" soll die "Produktion im industriellen Maßstab . . . schon im Herbst nächsten Jahres anlaufen. Bis zu 40 Millionen Mahlzeiten jährlich wird sie auswerfen." Alles aus der Luft gegriffen? Oder wird sich die Prophezeiung aus Karells Feuilleton schon demnächst erfüllen? Das wird die Zukunft weisen.

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Dass Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, ein gutes Auge für Bilder hat, stellte sie schon vielfach unter Beweis. Die Spezial-Spurensucherin zollt dem Zeitreisenteam stets Anerkennung, nicht selten Lob für die oft aufwendige Suche nach passender Illustration.

So auch die kolorierte Radierung auf Seite I der August-Nummer, die eine Druckerei aus der Gutenberg-Ära zeigte. Eine Ansicht der Offizin des ersten "Diarium"-Herausgebers Johann Baptist Schönwetter ist nicht bekannt. Daher wurde die Darstellung einer anderen Druckerei gewählt, um einen Eindruck zu vermitteln, unter welchen technischen Bedingungen die allererste Ausgabe unseres Blattes im August 1703 entstanden ist.

Auch ein Setzer war darauf abgebildet, zu dem Prof. Dr. Rath anmerkt: Er "hat einen Bleiletternsatz vor sich liegen." Dies erinnert die Spurensucherin "an die alte Druckerei meines Großvaters in Brixen (Südtirol), in der es noch in den 1950er-Jahren ähnliche Bleiletternsätze gab. Wenn ein solcher absichtlich, zum Beispiel im Zorn, zu Boden geworfen wurde, bedeutete dies die Entlassung stante pede!"

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner